Herr Burger, im ersten Quartal 2021 betrug der Anteil der Erneuerbaren am deutschen Strommix* nur 43 Prozent. In den ersten drei Monaten 2020 waren es 55 Prozent gewesen. Müssen wir uns Sorgen machen?
Leider liegt der Windoutput nach einem deutlich überdurchschnittlichen Jahresbeginn 2020 nun leicht unter dem Durchschnitt. Das zeigt auch ein Blick auf die Volllaststunden: Lag der Nutzungsgrad bei Wind Offshore im ersten Quartal 2020 noch bei 53,7 Prozent, waren es ein Jahr später 43,9 Prozent. Bei Wind Onshore ist der Unterschied noch größer.
Auch im April und Mai — die stürmige 18. Woche mal ausgenommen — schwächelten bislang die Erneuerbaren. Da dürfte es schwierig werden, den Strommix des vergangenen Jahres zu erreichen, als mehr als die Hälfte der Stromerzeugung aus regenerativen Energien stammte.
Zumindest in den windärmeren Sommermonaten wird die Windkraft den Rückstand nicht aufholen können. Vielleicht erleben wir aber einen ungewöhnlich windstarken Jahresausklang. Zurzeit sieht es aber nicht so aus, als könnten wir die Werte des letzten Jahres wieder erreichen.
Das würde Kohlekraftwerken zugutekommen — und die CO2-Emissionen nach oben treiben.
Tatsächlich ist die Kohlestromerzeugung im ersten Quartal 2021 wieder gestiegen, im Vorjahresvergleich um ein Drittel. Noch deutlicher zugelegt hat aber die Stromerzeugung aus Gas: nämlich um 46 Prozent.
Warum?
Das hängt vor allem mit dem stark gestiegenen CO2-Preis zusammen. Braunkohle verursacht ungefähr 1,1 bis 1,2 Tonnen CO2 pro MWh, Gas nur etwa 400 Kilogramm. Bei CO2-Preisen von um die 45 Euro müssen die Börsenstrompreise am Spotmarkt schon mindestens 50 Euro pro MWh betragen, dass Kohlekraftwerke einigermaßen rentabel sind. Da haben Gaskraftwerke mehr Spielraum.
Ohnehin scheint Gas der Braunkohle im deutschen Strommix zunehmend auf die Pelle zu rücken. Erleben wir dieses Jahres sogar ein Novum in Deutschland, nämlich dass Gas vor der Braunkohle liegt?
Das ist schwer zu prognostizieren. Da müssten wir die Entwicklung des CO2-Preises und der Börsenstrompreise für Gas und Strom kennen. Was man aber sagen kann: Je mehr Strom die Erneuerbaren Strom produzieren, desto geringer fallen die Strompreise aus. Und hält der Aufwärtstrend des CO2-Preises an, wird es für die Braunkohle immer schwieriger. Derzeit sieht es jedenfalls so aus, als würde 2021 ein sehr gutes Gasjahr werden.
Vielleicht wird das kommende Jahr für Gas sogar noch besser. Immerhin gehen mit Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen Ende 2021 drei Kernkraftwerke vom Netz — mit einer Gesamtleistung von mehr als 4 GW.
Das kann gut sein. Dabei haben wir in der Wissenschaft seit Jahren darauf hingewiesen, dass wir diesen Strom mit erneuerbaren Energien ersetzen müssen. Aber gehört wurde auf uns nicht. Noch Anfang der 2010er-Jahre hatten wir etwa in der Photovoltaik gute Zubauzahlen von durchschnittlich 8 GW pro Jahr. Dann kam die Strompreisbremse und würgte den Solar-Ausbau ab. Davon haben wir uns bis heute nicht erholt. Einen Teil der Lücke werden wir 2022 zwar schließen können, indem wir weniger Strom exportieren. Ein Großteil aber wird von konventionellen Kraftwerken kommen müssen. Heißt auch: Die CO2-Emissionen werden steigen.
Dabei sind auch bei der Photovoltaik viele Probleme noch nicht gelöst. Eines der größten: Strom produziert wird nur am Tag. Speicher für die Nacht sind rar.
Das aber ließe sich lösen, wenn wir einen stärkeren Fokus auf Batteriespeicher legen würden. Wir stehen zunehmend vor der Herausforderung, eine fluktuierende Energieerzeugung mit schwankendem Energieverbrauch zu kombinieren. Für einen untertägigen Ausgleich reichen unsere jetzigen Pumpspeicher jedoch auf keinen Fall aus. Da wären Batterien als Zwischenspeicher wie geschaffen. Zurzeit wird ja viel über Wasserstoff als saisonalen Speicher geredet. Dabei bräuchten wir jetzt Batterien für den untertägigen Ausgleich viel dringender, um die Energiewende voranzutreiben.
Die Fragen stellte Andreas Baumer
Interviewgast: Bruno Burger ist Professor am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Er verantwortet die Plattform Energy-Charts, die der Öffentlichkeit Daten zur Stromerzeugung, CO2-Emissionen und Börsenstrompreisen zur Verfügung stellt.
*Nettostrom zur öffentlichen Stromversorgung (Daten von Fraunhofer ISE)
Info: Täglich aktualisierte Energiedaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.



