Für Fische soll es ein Stück Freiheit sein, für Kajakfahrer ist es ein Spaß: Grinsend rutschen sie mit ihren Booten durch den Betonkanal am Wasserkraftwerk in der Lahn bei Lollar. «Die Anlage ist auf dem neuesten Stand der Technik, der sich bei Kraftwerken dieser Größe realisieren lässt», sagt Ronald Steinhoff von der Arbeitsgemeinschaft Hessischer Wasserkraftwerke. Er hat die Anlage zusammen mit Bürgern aus der Region gebaut.
Wasserkraft ist in Hessen umstritten. Die Anlagen stellten «signifikante Eingriffe in die Gewässerökologie dar», die zu negativen Auswirkungen für Fische und sonstige Wasserlebewesen führen könnten, sagt beispielsweise Wolfgang Harms, Sprecher des Hessischen Wirtschaftsministeriums. Nach Angaben des Verbandes Hessischer Fischer verenden in Wasserkraftanlagen massenweise Fische.
Das Problem mit veralteten Anlagen
Dass es veraltete Anlagen gibt, die Vorschriften nicht erfüllen, bestätigt auch Steinhoff. Er möchte aber die andere Seite der Medaille zeigen: Wasserkraft als grüne, zuverlässige Energie. Die Stromproduktion könne durch Modernisierung und Neubau sogar noch um bis zu 30 Prozent gesteigert werden, «bei gleichzeitiger Verbesserung der Gewässerökologie». Auch eine 2011 vom Umweltministerium in Auftrag gegeben Studie sieht Potenzial.
Was möglich ist, zeigt die Anlage bei Lollar. Der Fischborstenpass besteht aus großen Plastikborsten, über die Kajakfahrer gefahrlos rutschen. Die verschiedenen Borstenstufen bremsen das Wasser. So könnten auch schwimmschwache Fische gegen die Strömung durch Lücken schlüpfen und das Wehr flussaufwärts überwinden.
Feiner Rechen vor den Turbinen
Flussabwärts stoßen die Tiere auf einen feinen Rechen vor den Turbinen - aber nicht frontal, sondern schräg zur Strömungsrichtung. «Die Fische folgen der Strömung», sagt Steinhoff. Deshalb landeten sie vor dem ebenfalls eingebauten Fischabstieg. Nach Ansicht des Ingenieurs handelt es sich um das «perfekte System, um Eingriffe der Wasserkraft in Bestände zu neutralisieren». Das Wehr war ohnehin schon da.
Zwei Turbinen hat die Anlage. Die Leistung liegt zusammen bei maximal 250 Kilowatt. 1,1 Millionen Kilowattstunden werden pro Jahr produziert - genug für 300 bis 400 Haushalte. Knapp 1,4 Millionen Euro hat das Wasserkraftwerk gekostet - auch wegen des umfangreichen Fischschutzes.
Das Geld fehlt für die Modernisierung
Nicht jeder Betreiber hat solche wirtschaftliche Bedingungen. Vor allem bei kleinen Anlagen fehle Geld zur Modernisierung. «Die Betreiber sind alles Familien, die Nachfahren von Müllern», sagt Steinhoff. Oft handelt es sich um Ausleitungskraftwerke, bei denen Wasser aus Flüssen abgezweigt wird.
Doch Umweltauflagen haben sich verschärft. Ein neuer Erlass des Landes von März 2017 schreibt Mindestwassermengen in Flüssen vor. Ist zu wenig Wasser da, drohen Betriebseinschränkungen oder Schließungen. Von den 3625 Anlagen in Hessen seien 89 Prozent Ausleitungskraftwerke - und damit betroffen. Sollte der Großteil dieser Anlagen verschwinden, wäre das laut Steinhoff fatal.
Verlust von 120 GWh Strom
Die Arbeitsgemeinschaft hessischer Wasserkraftwerke und der Hessische Mühlenverein gehen davon aus, dass der Verlust von Strom aus Wasserkraft bis zu 120 GWh pro Jahr betragen könnte. «Dies entspricht rund fünf Prozent des Gesamtanteiles des stetigen, erneuerbaren Stromes in Hessen und damit der Versorgung einer Kleinstadt wie Marburg», sagt Steinhoff. Dieser Strom sei durch andere erneuerbare Energien nicht zu ersetzen.
Betroffen von der Problematik ist vor allem Nordhessen. Derzeit laufen beim Regierungspräsidium (RP) 16 Verfahren gegen Wasserkraftwerke. Diese könnten bald die Gerichte beschäftigen: «9 von 10 Betreibern sind bereit zu klagen», sagte ein Sprecher des RP. Aufgrund geringer Gerichtskosten seien Klagen attraktiv.
Zum Schutz der Gewässer
In Hessens Wirtschaftsministerium sieht man die Situation weniger dramatisch. «In der Tat sind insbesondere kleine Wasserkraftanlagen von diesen neuen Anforderungen betroffen, da für kleine Gewässer höhere Anforderungen an den Mindestwasserabfluss gestellt werden», erklärt Sprecher Harms. Man erwarte aber nur einen geringfügigen Rückgang der jährlichen Stromerzeugung aus Wasserkraft. Denn mehr als 83 Prozent des Stroms stammten aus mittelgroßen und großen Anlagen. Durch die neuen Auflagen solle unter anderem verhindert werden, dass Teile des Gewässers austrocknen.
Derzeit werden in Hessen etwa 425 GWh mit Wasserkraftanlagen produziert. Dies entspreche in etwa 1,2 Prozent des Nettostromverbrauchs im Land, erklärt Harms. Insgesamt habe die Wasserkraft im Rahmen der Energiewende nicht die größte Bedeutung. "Gleichwohl sollten ihre Potenziale genutzt werden", heißt es aus dem Ministerium. (dpa/al)


