Frau Nestle, in Ihrem Konzept für ein neues Strommarktdesign plädieren Sie für einen CO2-Preis in Höhe von 60 Euro pro Tonne bis 2023. So weit sind wir ja davon gar nicht mehr entfernt. Wie hoch sollte der CO2-Preis sein?
Die 60 Euro beziehen sich erst mal auf Verkehr und Wärme. Über den EU ETS werden wir nun mit dem neuen 55-Prozent-Ziel eine Verschärfung des CO2-Preises bekommen; er muss und wird weiter nach oben gehen. Doch sollte kurz- und mittelfristig der CO2-Preis für Mobilität und Wärme nicht mit dem EU ETS für Strom und Industrie zusammengeführt werden. Denn die CO2-Vermeidungskosten sind zu unterschiedlich. In Verkehr und Wärme würde jahrelang nichts passieren, während der Stromsektor und die Industrie überfordert würden.
Wohin sollte denn das Aufkommen aus der CO2-Bepreisung in Deutschland fließen? Hauptsächlich in die Senkung beziehungsweise Abschaffung der EEG-Umlage?
Wir plädieren mittlerweile dafür, dass der Großteil der Einnahmen aus dem CO2-Preis pro Kopf zurückgegeben wird, also durch ein Bürgergeld. Das führt definitiv dazu, dass Leute mit kleinem Geldbeutel profitieren. Also man kann so ganz grob sagen: Die zehn Prozent mit dem meisten Geld in Deutschland emittieren ungefähr gleichviel CO2 wie die ärmeren 50 Prozent in der Gesellschaft. Das heißt, sie würden dann auch fünfmal mehr einzahlen in den CO2-Preis-Pott, aber jeder würde gleichviel rauskriegen. Damit kann auch der Vorwurf aus der Welt geschafft werden, man müsse sich zwischen Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit entscheiden. Gleichzeitig plädieren wir dafür, die EEG-Umlage dann abzusenken, wenn Wind und Sonne viel Strom liefern. So fördern wir eine Sektorenkopplung, die gezielt an der Verfügbarkeit der Erneuerbaren ausgerichtet ist.
Wenn der fossile Anteil im Strommix hoch ist, wird die EEG-Umlage also nicht gesenkt und der Strom bleibt weiterhin teuer?
Ja, wobei wir darauf achten möchten, dass die EEG-Umlage auch dann nicht noch weiter ansteigt. Der Vorteil ist auch, dass wir wesentlich weniger Geld in die Hand nehmen müssen, um die EEG-Umlage nur gezielt für erneuerbaren Strom abzusenken. Dies macht die Finanzierung deutlich leichter.
Ein weiterer Punkt, den Sie in Ihrem Konzept vorschlagen, sind variable Verteilnetzentgelte in Abhängigkeit von der erneuerbaren Erzeugung. Wie soll das funktionieren?
Es gibt ein Pilotprojekt bei Mitnetz, das den Weg weisen kann. Das Verteilnetzentgelt variiert dort zwischen 0 und 12 Cent pro Kilowattstunde. Wenn die Kunden bei hoher erneuerbarer Einspeisung viel Strom verbrauchen, ist das Netzentgelt niedrig. Bei geringer erneuerbarer Einspeisung und hohem Stromverbrauch wird es teuer. Darüber hinaus gibt es einen Mechanismus, der dafür sorgt, dass die Verteilnetze auch bei niedrigen Netzentgelten nicht überlastet werden.
Wie sehen Sie eigentlich die Rolle von fossilem Erdgas bei der Wärme- und Stromversorgung? Wie lange wird dies noch benötigt und wann soll mit fossilem Erdgas tatsächlich Schluss sein?
Unser Szenario ist definitiv nicht gasfrei, aber wir setzen auf grüne Gase. In Deutschland am ehesten Wasserstoff, aber auch andere Gase wie Ammoniak oder Biogas. Wann wir endgültig aus dem letzten Kubikmeter fossilen Gas rausgehen, halte ich nicht für die entscheidende Frage. Entscheidend ist, dass wir unsere Klimaziele erreichen. Dafür müssen wir den CO2-Ausstoß schnell reduzieren, erstmal über den Kohleausstieg, das ist ja schwierig genug, und dann auch die fossilen Gasmengen runterbringen. Doch auch künftig werden wir für die zwei Wochen Winterflaute Gaskraftwerke als Backup für unser Stromsystem brauchen. Diese relativ geringen Mengen können wir irgendwann erneuerbar bereitstellen. Solange wir nicht genügend grünes Gas haben, werden wir hierfür noch konventionelles Gas nutzen müssen.
Sind Sie eigentlich optimistisch, dass der Übergang hin zu einem Strommarkt mit 100 Prozent erneuerbaren Energien gelingen kann, mit einem wirtschaftlich vertretbaren Aufwand?
Ja, wenn man von Anfang an auf ein effizientes System setzt, müssen die Gesamtkosten nicht höher sein, als wenn man bei dem fossilen System bleibt. Solar und Wind produzieren ja heute schon günstiger als neue konventionelle Kraftwerke. Wir haben im Grundsatz kein Kostenproblem, sondern ein Managementproblem. Derzeit läuft sehr viel ineffizient. Man kann die Energiewende x-beliebig teuer machen, wenn man sich blöd anstellt. Zur Effizienz gehört beispielsweise auch, dass das Strommarktdesign so funktioniert, dass Verbraucher sich auch auf die Verfügbarkeit der fluktuierenden erneuerbaren Energien einstellen, und man nicht versucht alles über physische Speicher abzudecken. Dies wäre natürlich deutlich teurer. Man muss die Energiewende managen mit dem Willen, dass sie funktioniert. Dann kann man auch die Kosten gut im Griff halten.
Das Interview führten Klaus Hinkel und Hans-Christoph Neidlein
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