Bürogebäude der SWRO am Mühlbachbogen

Bürogebäude der SWRO am Mühlbachbogen

Bild: © Stadtwerke Rosenheim

Florian Lippert, Leiter Redispatch bei den Stadtwerken Rosenheim, betreut mit seinem Team die Redispatch-Prozesse für mehr als 30 Netzbetreiber in Deutschland. Im Gespräch erläutert er, warum die Zahl der Maßnahmen seit 2024 stark zugenommen hat, welche technischen und fachlichen Herausforderungen bestehen – und wie die Stadtwerke Rosenheim diese für ihre Mandanten bewältigen.

Herr Lippert, bekanntlich ist ja die Abwicklung des Redispatch 2.0 in Deutschland eine komplexe Angelegenheit. 

Das stimmt. Insbesondere, weil daran so viele Marktrollen beteiligt sind und zusammenarbeiten müssen, sprich Netzbetreiber, Einsatzverantwortliche, Betreiber technischer Ressourcen und Anlagenbetreiber, Lieferanten und Direktvermarkter und Bilanzkreisverantwortliche. Der Aufbau der fachlichen Prozesse und der Betrieb einer IT-Lösung sind komplex und zeitintensiv, deshalb interessieren sich viele Netzbetreiber dafür, die Redispatch-2.0-Lösung eines Dienstleitungsanbieters zu nutzen. Inzwischen führen deutschlandweit mehr als 30 Netzbetreiber ihre Redispatch-Verpflichtungen über die Stadtwerke Rosenheim durch. Wir unterstützen über die gesamte Prozesskette von der Bereitstellung der Stammdaten über Wetterdaten, Prognosen und Abrufumsetzung bis hin zur Bilanzierung und Abrechnung.

Florian Lippert, Leiter Redispatch bei den Stadtwerken Rosenheim

Bild: © SWRO

Bei mehr als 30 Mandanten deutschlandweit ist das System sicher ständig im Einsatz. Gibt es da regionale Unterschiede?

In der Tat gibt es jegliche Extreme. In manchen Verteilnetzen sind überhaupt keine Maßnahmen nötig, während andere Netzbetreiber täglich Maßnahmen abwickeln müssen. Die meisten Maßnahmen verteilen sich auf einige wenige Netzbetreiber, wobei durchaus erkennbar ist, dass seit 2024 immer mehr Verteilnetzbetreiber in Abschaltungen miteinbezogen werden.

Die Anzahl der Maßnahmen in unserem System steigt ebenfalls von Jahr zu Jahr an. Im Jahr 2022 hatten wir um die 100 Maßnahmen pro Jahr, wie auch im Jahr 2023. Ein deutlicher Sprung ist in 2024 erkennbar – mit einer Verzwanzigfachung der Maßnahmen gegenüber 2023. In 2025 sind bereits in der ersten Jahreshälfte doppelt so viele Maßnahmen wie im gesamten Jahr 2024 erkennbar.

Unterschiede gibt es auch bei der Prozesskonformität. In einigen Regionen erfolgen die RD2-Abrufe der vorgelagerten Netzbetreiber bilateral per Telefon oder E-Mail, statt über die dafür vorgesehene Marktkommunikation via Connect+. Dies erfordert eine nachträgliche Eingliederung des Abrufs in die RD2-Prozesskette zur Berechnung, Abstimmung und Abrechnung der Ausfallarbeit. Dafür haben wir gemeinsam mit unserem Dienstleister Kisters einen Abrufgenerator entwickelt. Dieser ist uns eine große Hilfe, denn damit können wir Abrufe, die nicht über die üblichen Marktprozesse ankommen, schnell erfassen und der automatisierten Ausfallarbeitsberechnung sowie den Folgesystemen bis zur Abrechnung zuzuführen.

Der Gesamtprozess Redispatch 2.0 klingt fachlich aufwändig und kompliziert. Wie bekommt man die Komplexität in den Griff – sowohl fachlich als auch IT-technisch?

Die fachliche Prozesskette ist durchgängig, hochautomatisiert und mit zugehörigen Softwarekomponenten in sinnvolle Aufgaben- bzw. Funktionsblöcke gegliedert: Stammdatenerfassung, Prognose, Planungsdatenbereitstellung, Abrufvalidierung und -umsetzung, Ausfallarbeitsberechnung und -abstimmung, Abrechnung inklusive format- und prozesskonformer Kommunikation mit den Marktpartnern und Data Providern. Jeder Kunde hat seinen eigenen Mandanten mit eigenen Zugangsrechten und Schnittstellen und jede Marktrolle hat ihr eigenes Datenmodell mit eigenen prozessorientierten Oberflächen. Der Fokus liegt seit Umsetzungsbeginn im Jahr 2021 auf der Standardisierung und Beschleunigung der Prozesse – dies erreichen wir beispielsweise über die Nutzung automatisierbarer Schnittstellen.

Mit der IT-Komplexität müssen wir uns als Dienstleistungsanbieter nur bis zu einem gewissen, für uns beherrschbaren Grad auseinandersetzen. Denn wir haben uns dazu entschieden, die Software in der Cloud von Kisters zu betreiben, so dass der Hersteller uns notwendige Updates im Hintergrund einspielt, die Betriebsfähigkeit überwacht und proaktiv sicherstellt. Weil wir uns auf eine starke Softwarebasis verlassen können, können wir uns besser auf die fachlichen Prozesse und deren Qualität konzentrieren – dies betrifft nicht nur die Dienstleistung, sondern auch das aktivere Mitwirken in der Softwareweiterentwicklung. 

Können weitere Netzbetreiber, Einsatzverantwortliche (EIV), Betreiber technischer Ressourcen (BT) und Direktvermarkter (DV) einfach einsteigen?

Ja, das technische Onboarding neuer Mandanten wird zügig unterstützt und ist innerhalb kurzer Zeiträume möglich. Dabei kommt uns zugute, dass bereits Schnittstellen zu vielen marktgängigen Verbrauchsabrechnungs-, ERP- und Bilanzierungssystemen unterschiedlicher Hersteller erarbeitet wurden. Die Schnittstelle zwischen denselben Softwareherstellern für den Kunden Zwei, Drei und Vier aufzubauen, ist generell zügiger möglich, als die Schnittstellen erstmalig aufzubauen. Hier kommt uns nicht selten unsere eigene Kundenanzahl zugute, und darüber hinaus, dass viele weitere Netzbetreiber die Cloud-Lösung des gleichen Dienstleisters nutzen und Schnittstellen etabliert haben.

Im Kontext des Redispatch 2.0 kommen weitere Anforderungen auf die VNB, EIV, BT und DV zu. Wie stellen sich die Stadtwerke Rosenheim dazu auf? Und welche weiteren Entwicklungen sind für das Rosenheimer RD2-System geplant?

Technisch wird die Hochverfügbarkeit der Systeme immer wichtiger. Diesbezüglich sind wir in der Kisters-Cloud mit dem Ausblick auf Georedundanz gut aufgehoben. In puncto fachliche Umsetzung liegt unser Fokus darauf, bei allen Kunden und deren vorgelagerten Netzbetreibern die Prozesse endlich gänzlich wie vorgesehen zu nutzen, also in den Standard zu überführen und die gemeinsamen Systemtests abzuschließen. Zudem müssen wir die abschließenden Anforderungen aus dem Festlegungsverfahren zur Fortentwicklung des "Redispatch 2.0" umsetzen, das sich derzeit in Konsultation befindet. Auch die Umsetzung von Clusterabrufen, Kostenblättern und bei einzelnen Netzbetreibern die Abwicklung von Maßnahmen im eigenen Netzgebiet wird in Zukunft notwendig werden. Wir als Dienstleister wollen die betroffenen Netzbetreiber dabei bestmöglich unterstützen.

Das Interview führte Stephanie Gust

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