Als wären die aktuellen CO2-Preise für manchen Börsianer nicht schon schwindelerregend genug, setzte der renommierte Commodity-Analyst Bjarne Schieldrop von SEB Research vor ein paar Tagen noch einen drauf. 75 Euro pro Tonne CO2 schon im dritten Quartal? Dorthin scheint die Reise zu gehen, schrieb er.
Tatsächlich scheint es noch ein weiter Weg zu sein zur 75-Euro-Marke. Allerdings verging gerade auch nur ein halbes Jahr, bis sich die Zertifikatspreise verdoppelten: von 23,88 Euro Ende Oktober auf 47,51 Euro am Donnerstag.
Compliance-Käufe stützen Preis
Und die Rallye dürfte anhalten. Denn bis Ende April sind alle Unternehmen, die am EU-Emissionshandel teilnehmen, verpflichtet, eine bestimmte Zahl an Zertifikaten abzuführen.
Sogenannte Compliance-Käufe stützten schon in den vergangenen Wochen den Preis. Das dürften sie in der letzten Aprilwoche wieder tun.
Kohle- und Gasbedarf steigt
Preistreibend wirken seit Wochen zudem das kühle Aprilwetter sowie die vergleichsweise geringe Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Folge: Die Nachfrage nach Strom aus konventionellen Kraftwerken stieg und damit auch die Nachfrage nach CO2-Zertifikaten.
Stand Freitag machten Braun- und Steinkohle 23,5 Prozent des deutschen April-Strommixes aus (2020: 16,0 Prozent). Bei Gas waren es 14,2 Prozent (2020: 9,2 Prozent).
EU verschärft Klimaziele
Dazu kam die politische Ebene. Zum einen verpflichtete sich die Europäische Union, ihre Treibhausgase bis 2030 um mindestens 55 Prozent zu senken. Referenzjahr ist das Jahr 1990. Zuvor war das Senkungsziel bei 40 Prozent gelegen.
Noch ist nicht entschieden, mit welchen Instrumenten die zusätzlichen Einsparziele erreicht werden sollen. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass zumindest ein Teil der Lasten über das europäische Emissionshandelssystem ETS abgewickelt wird.
USA wollen CO2-Emissionen halbieren
Eine entsprechende Angebotsverknappung würde erheblichen Druck auf den CO2-Preis ausüben. Darauf fußt auch die Schieldrops 75-Euro-Prognose.
Ferner kündigten andere große Energieverbraucher schärfere Klimaziele an. Die USA wollen bis zum Ende des Jahrzehnts ihre Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 2005 mindestens halbieren, wie Präsident Joe Biden ankündigte.
Hedgefonds wettet auf 100 Euro/Tonne
Chinas Staatschef Xi Jinping versprach zudem, den Kohleverbrauch seines Landes von 2025 an zu verringern und Kohlekraftwerke streng zu kontrollieren. Während EU und USA bis 2050 klimaneutral werden wollen, will China dieses Ziel bis 2060 erreichen.
Schieldrop ist nicht der Einzige, der sich mit einer mutigen Prognose zur CO2-Preisen vorwagte. Anfang Februar wettete mancher Hedgefonds schon auf 100 Euro pro Tonne bis Ende dieses Jahres. Und das zu einem Zeitpunkt, als die Zertifikate gerade einmal auf 35 Euro pro Tonne geklettert waren.
Rekordjagd geht weiter
So weit will Schieldrop nicht gehen. In seinem Report nennt er zwar einen Preis von 108 Euro pro Tonne. Er bezieht sich dabei jedoch auf eine Analyse der Bloomberg-Forschungseinrichtung BNEF, die einen solchen Preis für das Jahr 2030 prognostiziert.
Und doch scheint für Schieldrop die Richtung klar: Die Zeiten niedriger CO2-Preise sind vorbei. Die Rekordjagd geht weiter — und das rasant. (ab)
Siehe auch: Ungewöhnliches April-Hoch: Warum Gas gerade so gefragt ist
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