Die Bauarbeiten für den größten Solarpark im Landkreis Tübingen haben begonnen. Bis zum Sommer lassen die Stadtwerke Tübingen (SWT) entlang der Bundesstraße B27 über 15.000 Photovoltaik-Module installieren und realisieren damit ihren neuen Solarpark "Traufwiesen". Regierungspräsident Klaus Tappeser, Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer und SWT-Geschäftsführer Ortwin Wiebecke gaben nun den offiziellen Startschuss für das Großprojekt.
Auf knapp acht Hektar erstreckt sich das Areal neben der Bundesstraße B27 in Fahrtrichtung Stuttgart von der Abfahrt nach Lustnau/Bebenhausen/Böblingen bis zum SWT-Solarpark "Lustnauer Ohren", den die Stadtwerke erst vor zwei Jahren in Betrieb genommen hatten. Dieser war bislang der größte Freiflächen-PV-Park Tübingens – und wird mit dem neuen Projekt laut den Stadtwerken um das Achtfache seiner Größe übertroffen.
Knapp zwei Jahre
Das gesamte Bebauungsplanverfahren konnte in eineinhalb Jahren durchlaufen werden, nachdem der Tübinger Gemeinderat im Juli 2022 den Bebauungsplan aufgestellt und ein frühzeitiges Beteiligungsverfahren angestoßen hatte. Von der Idee bis zur Umsetzung vergingen nur knapp zwei Jahre. "Wir können große PV-Parks in überschaubarer Zeit umsetzen. Das ist die Geschwindigkeit, die wir für Projekte der erneuerbaren Energien brauchen, um mit wirklich großen Schritten bei der Energiewende voranzukommen", wird Ortwin Wiebecke, Geschäftsführer der Stadtwerke Tübingen, zitiert.
Die Stadtwerke Tübingen haben den Solarpark komplett in Eigenregie entwickelt und setzen das Projekt nun zusammen mit Fachfirmen und Partnern aus der Region um: Die Errichtung des Solarparks übernimmt die Fachfirma Schoenergie. Die Module liefern der ortsansässige SWT-Partner Baywa r. e. Solar Trade und sein Tochterunternehmen Solar Energy Systems.
Erzeugung von 1700 Dachanlagen
Mit rund 8800 Megawattstunden pro Jahr rechnen die Stadtwerke in ihrem neuen Solarpark. Das entspricht der Stromerzeugung von 1700 PV-Dachanlagen. Der erzeugte Ökostrom soll nach Möglichkeit über einen Direktvertrag (Power-Purchase-Agreement, PPA) vermarktet werden.
Zum Einsatz kommen 15.045 Solarmodule. Sie können als bifaziale Module Sonnenlicht auf beiden Seiten aufnehmen und in Ökostrom umwandeln. 23 Wechselrichter, drei Trafostationen und eine Übergabestation sorgen für die Einspeisung des Sonnenstroms ins Stromnetz.
Bauen im "Ohrenbereich"
Dabei gab es durchaus Hindernisse: Voruntersuchungen und historische Recherchen hatten ergeben, dass die Fläche als "bombardierter Bereich" einzustufen ist. Bis zuletzt hatte eine Spezialfirma daher umfangreiche Untersuchungen und Aufgrabungen durchgeführt, ob es mögliche "Blindgänger" aus dem Zweiten Weltkrieg gibt, bevor es grünes Licht für den Baubeginn gab.
Zudem tangiert Fläche auf dem Bundesstraßen-"Ohr" die Pläne des Planfeststellungsverfahrens für den Schindhaubasistunnel. Als "Ohren" bezeichnet man freie Flächen an Anschlussstellen von Bundesstraßen, die aus Gründen der Verkehrssicherheit eingerichtet wurden. Der Tübinger OB Palmer hatte sich schon 2022 dafür eingesetzt, diese Flächen für PV-Anlagen zu nutzen.
Die Lösung nun im vorliegenden Fall: Durch die Festsetzung eines bedingten Baurechts kann die Anlage in diesem Bereich trotzdem gebaut werden und muss erst nach Erlass des Planfeststellungsbeschlusses beziehungsweise erst zum tatsächlichen Baubeginn an der Anschlussstelle Tübingen-Ost in Teilen zurückgebaut werden. Das hat den Vorteil, dass damit im "Ohrenbereich" schon bald große Mengen Ökostrom erzeugt werden können und nicht erst nach etwaigen Beschlüssen zum Schindhaubasistunnel.
Erstmalig Agri-PV
Auf der 'Ohrenfläche‘' kommt im Solarpark "Traufwiesen" zum ersten Mal auch das Konzept der Agri-Photovoltaik (Agri-PV) zum Einsatz. Um sich dem Thema möglichst ergebnisoffen zu nähern, hatten die Stadtwerke Tübingen gemeinsam mit der Universitätsstadt Tübingen im vergangenen Jahr einen öffentlichen Ideenwettbewerb durchgeführt. Zum Zug kommt auf den Traufwiesen die Firma Kleinblatt. Kleinblatt möchte einen Pilzgarten unterhalb der PV-Module aufziehen.
Die geernteten Pilze sollen später lokal vermarktet werden. Zur Vorbereitung hatten im letzten Jahr bereits auf den Lustnauer Ohren zahlreiche Sensoren Messdaten geliefert, um die Bereiche unter den Modultischen mit dem idealen Klima für die Pilzzucht zu finden. Begleitet wird das Agri-PV-Projekt durch die Universität Hohenheim. (jk)



