Feiert die Steinkohle ein Comeback? Ausgeschlossen scheint dies inmitten eines immer weiter eskalierenden Krieges in der Ukraine und enormer Unsicherheiten über die Gasversorgung aus Russland nicht. Auch wenn sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) jüngst skeptisch zeigte. "Länger laufen lassen heißt längere Abhängigkeit von Steinkohle aus Russland." Mit einem Anteil von 46 Prozent war Russland im Jahr 2020 auch bei Steinkohle wichtigstes Lieferland für Deutschland.
Jetzt schaltete sich Alexander Bethe, Vorsitzender des Vereins der Kohlenimporteure, in die Diskussion ein. Er findet: Russische Steinkohle ist viel leichter zu ersetzen als russisches Gas.
"Haben gut funktionierenden, liquiden Weltmarkt"
"Steinkohleimporteure aus Russland können in wenigen Monaten vollständig durch andere Länder ersetzt werden", teilte er per Presseaussendung mit. Insbesondere die USA, Kolumbien und Südafrika kämen infrage, aber auch Australien, Mosambik und Indonesien.
"Es gibt einen gut funktionierenden, liquiden Weltmarkt", erläuterte Bethe. "Es sind ausreichende Mengen vorhanden." Deutschland habe im vergangenen Jahr rund 18 Mio. Tonnen Steinkohle aus Russland importiert. "Das sind nur rund zwei Prozent des gesamten Welthandels."
Leichterer Transport
Zudem ließe sich Kohle anders als Gas leicht und vergleichsweise preiswert weltweit transportieren. Anders als LNG müsse sie für den Transport nicht aufwendig verflüssigt werden.
Hintergrund sind Sorgen in Europa, dass Russland, bislang größter Gaslieferant des Kontinents, inmitten seines Krieges in der Ukraine den Gashahn zudrehen oder sogar Europa den Handel mit russischem Gas sanktionieren könnte. In den ersten Kriegstagen floss russisches Gas stabil nach Europa. Noch scheint Konzern Gazprom weiterhin seine Lieferverträge zu erfüllen.
LNG-Preiskampf mit Asien
Nach Einschätzung von Gasmarktexperten ist russisches Gas kurzfristig nur schwer zu ersetzen. Norwegen produziert nach eigenen Angaben am Anschlag, die Niederlande wiederum wollen nach jetzigem Stand ihre Gasförderung in Groningen bis September beenden.
Auch Flüssigerdgas ist nur in begrenzten Mengen vorhanden. Zudem konkurriert Europa hier mit anderen Weltregionen, insbesondere Asien.
Steinkohlepreise bullish
Steinkohle kommt in Deutschland vor allem für die Stromerzeugung zum Einsatz. Nach Angaben der Fraunhofer-Datenplattform Energy-Charts steuerten Steinkohlekraftwerke im vergangenen Jahr 9,4 Prozent zum deutschen Strommix bei. Gas kam auf einen Anteil von 10,4 Prozent.
In diesem Jahr trug bislang Steinkohle (10,9 Prozent) etwas mehr zum Strommix bei als Gas (10,2 Prozent). Die Großhandelspreise für Steinkohle hatten in den vergangenen Tagen wieder angezogen und im Frontmonatskontrakt die 200-US-Dollar-Grenze pro Tonne überschritten, wie Zahlen des ZfK-Datenraums zeigen.
CO2-Problem
Der große Nachteil von Steinkohle gegenüber Gas ist der CO2-Fußabdruck. Bei der Stromerzeugung stoßen Steinkohlekraftwerke in etwa doppelt so viel CO2 aus wie Gaskraftwerke.
Doch auch dafür hat Bethe eine Lösung bereit: "Mit Bezug auf die Klimadiskussion kann zur Reduzierung der CO2 -Emissionen über den Zusatz von Ammoniak im Steinkohleeinsatz nachgedacht werden." (aba)



