"Wir müssen uns auf ein ganz neues Niveau einstellen, solange mit dem Ausstieg aus Kernkraft und Kohle Jahr für Jahr erhebliche Kapazitäten aus dem Markt gehen", sagt Frank Hoster, Beschaffungsleiter bei der Städtischen Werke AG Kassel.

"Wir müssen uns auf ein ganz neues Niveau einstellen, solange mit dem Ausstieg aus Kernkraft und Kohle Jahr für Jahr erhebliche Kapazitäten aus dem Markt gehen", sagt Frank Hoster, Beschaffungsleiter bei der Städtischen Werke AG Kassel.

Bild: © Sebastian Willnow/dpa

Von Julian Korb

Die außergewöhnlich hohen Preise im kurzfristigen Stromgroßhandel während der Dunkelflauten im November und Dezember 2024 haben in der Energiebranche für Aufsehen gesorgt. An mehreren Tagen stieg der Preis pro Megawattstunde zeitweise über 300 Euro, in der Spitze auf über 900 Euro – im Vergleich zum Jahresdurchschnitt von rund 79 Euro ein erheblicher Anstieg. Solche Preisentwicklungen riefen die Frage auf, ob marktbeherrschende Stromerzeuger ihre Kraftwerkskapazitäten zurückgehalten haben, um die Preise zu steigern.

Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt haben nun in einer gemeinsamen Untersuchung die Ursachen für die Preisspitzen analysiert. Das Ergebnis: Es gibt keine Hinweise auf missbräuchliches Verhalten. "Während der Dunkelflauten wurde der steuerbare Kraftwerkspark weitestgehend eingesetzt", betont Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur. Die sichere Stromversorgung sei jederzeit durch Reserven gewährleistet gewesen. "Hinweise auf Marktmanipulation haben wir bislang nicht festgestellt."

Wettbewerb wirksamer als Missbrauchsaufsicht

Auch das Bundeskartellamt sieht keine Hinweise auf Marktmissbrauch, wie Präsident Andreas Mundt ergänzt. "Unsere Ermittlungen zeigen, dass keines der fünf größten Stromerzeugungsunternehmen – EnBW, Leag, RWE, Uniper und Vattenfall – Erzeugungskapazitäten missbräuchlich zurückgehalten hat."

Die hohen Preise ließen sich nicht auf kartellrechtswidriges Verhalten zurückführen. Mundt weist zugleich aber auf die Bedeutung von Wettbewerb hin. "Überhöhte Preise lassen sich durch funktionierenden Wettbewerb deutlich wirksamer verhindern als durch eine noch so strenge Missbrauchsaufsicht."

Fast alle Kapazitäten genutzt

Das Bundeskartellamt prüfte demnach gezielt, ob verfügbare Kapazitäten der marktbeherrschenden Unternehmen tatsächlich eingesetzt wurden. Dazu wurden Kraftwerkseinsatzpläne für Anlagen über 10 Megawatt analysiert. Ergebnis: Fast alle verfügbaren Kapazitäten wurden genutzt.

Die verbliebenen Restkapazitäten betrafen vor allem hochflexible Speicher oder Anlagen mit hohen Grenzkosten, deren Vermarktung weniger an Day-Ahead-Preisen, sondern stärker an Intraday-Märkten orientiert ist. Ursachen für nicht eingesetzte Kapazitäten waren unter anderem Ausfälle, Regelleistungsvorhaltung oder vorrangige Wärmeerzeugung.

Die Bundesnetzagentur untersuchte zusätzlich die Versorgungssicherheit und potenzielle Verstöße gegen die REMIT-Verordnung, die Transparenzregeln für die Energiegroßhandelsmärkte vorschreibt. Auch hier zeigte sich: Der Einsatz steuerbarer Kraftwerke war deutlich höher als zunächst vermutet und ausreichend Reserven standen zur Verfügung. In den teuersten Stunden am 6. November und 12. Dezember 2024 waren nach Schätzung der Behörde noch rund 3,4 bis 4,5 Gigawatt marktlich verfügbare Kapazitäten sowie 12 bis 13 Gigawatt an Reserven vorhanden.

Stromimporte verhinderten höhere Preise

Die hohen Preise waren demnach vor allem eine Folge der Dunkelflauten – Phasen mit gleichzeitig geringer Wind- und Solarstromerzeugung über mindestens 48 Stunden. In diesen Zeiten deckten steuerbare thermische Kraftwerke die Nachfrage, was aufgrund der höheren Grenzkosten zu den beobachteten Preisspitzen führte. Die europäische Marktkopplung sorgte zudem für Stromimporte aus Nachbarländern und verhinderte noch extremere Preissteigerungen.

Brancheneinschätzungen, wonach kleinere dezentrale Anlagen, wie Gasmotoren oder Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK), während der Dunkelflauten nicht immer an der Leistungsgrenze produzierten, bestätigen die Behörden in ihrem Bericht so nicht. Allerdings wurden kleinere Anlagen auch nicht untersucht. Eine Umfrage der ZfK bei Stadtwerken hatte bereits im Winter gezeigt, dass die großen Kraftwerke überwiegend im Betrieb waren.

Lesen Sie dazu auch: Möglicher Marktmissbrauch: Diskussion um Preisaufsicht für Energiekonzerne

Bessere Werte über verfügbare Kapazitäten

Die Untersuchung von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt verdeutlicht den dringenden Bedarf an neuen steuerbaren Kapazitäten und einer stärkeren Flexibilisierung auf Erzeugungs- und Nachfrageseite. Historisch ungenutzte Potenziale, etwa bei Biomasseanlagen, könnten durch flexiblere Fahrweisen stärker in den Markt integriert werden. Netzagentur-Chef Müller fordert gesetzgeberische Maßnahmen zum Zubau solcher Kapazitäten. "Für zukünftige Dunkelflauten ist dies entscheidend, um Preisspitzen zu dämpfen und Versorgungssicherheit zu gewährleisten."

Die Bonner Behörde will auch weiterhin auffällige Marktsituationen im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags analysieren. Um solche Situationen zukünftig schneller und besser einschätzen zu können, sieht die Netzagentur auch Bedarf, die Datengrundlagen zu verbessern. Dies betreffe insbesondere Werte zur Einspeisung in andere Netze als die der allgemeinen Versorgung sowie präzisere Informationen über effektiv verfügbare Erzeugungskapazitäten und deren Nichtverfügbarkeiten, heißt es in dem Bericht.

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