Die gestiegenen Netzentgelte führen auch dazu, dass die Branche die Redispatch-Kosten stärker unter die Lupe nimmt.

Die gestiegenen Netzentgelte führen auch dazu, dass die Branche die Redispatch-Kosten stärker unter die Lupe nimmt.

Bild: © David Woods/AdobeStock

Von Julian Korb

Der für die Energiewende nötige Ausbau der Stromnetze in Deutschland kostet laut einer Studie bis 2045 rund 651 Milliarden Euro. Die bisherigen jährlichen Investitionen müssten sich dafür mehr als verdoppeln, heißt es in der von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderten Untersuchung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Beteiligt waren auch Forscher der Universität Mannheim.

Demnach seien in den kommenden Jahren jeweils Investitionen von rund 34 Milliarden Euro nötig – 127 Prozent mehr als die 15 Milliarden Euro, die 2023 investiert worden seien. Dabei stellten die Forscher auch Berechnungen für die Verteilnetze an. Bislang werden oft meist nur die Kosten für den Ausbau der Übertragungsnetze beleuchtet.

Kosten für Übertragungsnetz und Verteilnetz etwa gleich hoch

Für ihre Berechnung greifen die Studienautoren unter anderem auf die Prognose der Übertragungsnetzbetreiber zurück. Diese schätzen die Ausbaukosten für das Übertragungsnetz im aktuellen Netzentwicklungsplan auf 328 Milliarden Euro.

Für die Ausbaukosten im Verteilnetz stellen die Forscher eigene Berechnungen an und kommen auf einen Investitionsbedarf von 323 Milliarden Euro. Jährlich wären das im Schnitt 14,4 Milliarden Euro und damit gut doppelt so viel wie 2023 investiert wurde.

Zum Vergleich: Eine Studie des Beratungsunternehmens Ef-Ruhr hatte im Frühjahr die Gesamtkosten auf rund 732 Milliarden Euro geschätzt. Davon entfielen etwa 431 Milliarden Euro auf die Verteilnetze.

Wie sich die Investitionen am besten finanzieren lassen, wollen die Autoren der neuen Studie in einem weiteren Schritt untersuchen. Laut der IMK-Studie könnten die Gesamtkosten aber auch noch höher ausfallen. Zu den Risikofaktoren zählen die Forscher etwa steigende Rohstoffpreise, Engpässe bei Transformatoren oder Leitungen sowie Verzögerungen bei Genehmigungsverfahren.

Warnung vor Verzögerungen

"Die Ergebnisse der Studie stimmen nachdenklich", wird Simone Peter, Präsidentin des Erneuerbaren-Verbandes BEE, in einer Mitteilung zitiert. Furcht vor den Kosten dürfe nicht dazu führen, dass der Netzausbau oder der Ausbau von erneuerbaren Energien wieder verzögert werde. "Wird hier das Tempo nicht weiter beschleunigt, schiebt der Netzausbau die Zubauschuld weiter wie eine Bugwelle vor sich her."

Um kurzfristig die Kosten zu senken, könnten bestehende Netzverknüpfungspunkte mit mehreren Erneuerbaren-Anlagen und Speichern überbaut werden. Dadurch könnte die bereits vorhandene Netzinfrastruktur "deutlich effizienter" genutzt werden. "Das wäre kurzfristig realisierbar, das Einsparpotenzial liegt in Milliardenhöhe."

Bisher geplante Änderungen durch eine Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) würden dazu aber noch nicht ausreichen. Außerdem müsste eine neue Bundesregierung Regelungen treffen, die "eine Erneuerung bestehender Netze unter Verzicht auf aufwendige Genehmigungsverfahren möglich machen", so Peter.

1,9 Millionen Kilometer

Der Ausbau der Stromnetze gilt als ein entscheidender Baustein für das Erreichen der Klimaneutralität im Jahr 2045. Dazu soll unter anderem der Energiebedarf von Verkehr, Industrie und Gebäuden auf erneuerbaren Strom umgestellt werden. 

Bei den Stromnetzen in Deutschland wird das Übertragungsnetz, das für den weiten Überland-Transport zuständig ist, vom Verteilnetz unterschieden, das für die regionale Verteilung sorgt. Während das Übertragungsnetz rund 38.000 Kilometer lang ist, kommt das Verteilnetz auf rund 1,9 Millionen Kilometer. Die Kosten für Betrieb und Ausbau werden auf alle Stromverbraucher umgelegt. (mit dpa)

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