Auf die Gefahr von „stranded investments“ im Netzbereich wies der Übertragungsnetzbetreiber Tennet in Kooperation mit den Consultingunternehmen E-Brigde Consulting und Agora Energiewende hin. „Wir können uns Tausende von Kilometern von Netzausbau sparen, wenn wir die Netze effizienter nutzen würden“, erklärte Lex Hartman, Geschäftsführer von Tennet, bei einer Pressekonferenz am Dienstag (11. Juni) in Berlin.
Diese Aussage bezieht sich vor allem auf den Netzausbaubedarf nach 2030. Schließlich sind die bisherigen Maßnahmen im Rahmen des Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) und Bundesbedarfsplangesetz 2015 (BBPlG) zwingend erforderlich. Sie bilden das notwendiges Zwischenzielnetz – unabhängig davon, welchen Pfad die Energiewende einschlagen wird. Dies beinhaltet einen Ausbau von etwa 6000 Kilometern Netze. Haupttrassen sind dabei die HGÜ-Trassen Südlink und Süd-Ost-Link.
Neues "Zielnetz"
Klar sei aber auch, dass für den Schritt in Richtung 80 bis 100 Prozent Erneuerbarer - und die neue Zielmarke von 65 Prozent erneuerbarer Energie im Jahr 2030 - energiewirtschaftliche und technologische Innovationen zum Einsatz kommen werden, die hohen Einfluss auf die Ausgestaltung des für diesen Zeitpunkt notwendigen „Zielnetzes“ haben.
Erstrebenswert für Hartman sei deshalb eine Art Netzentwicklungsplan (NEP) 2.0, der am besten so früh wie möglich, spätestens aber 2020 umgesetzt wird. Schon im zweiten Halbjahr 2018 sollte sich ein Forum aus Übertragungsnetzbetreibern, Politik und Behörden sowie weiteren Vertretern aus Wirtschaft und Gesellschaft bilden. Der aktuelle Prozess zum NEP 2030 (2019) sollte ausgesetzt und alle Ressourcen bei den Beteiligten in die Vorbereitung des neuen NEP 2.0 gesteckt werden. Die im Forum entwickelten Empfehlungen sollten Eingang in die Gesetzgebung finden und im NEP 2020 anhand der neuen Planungsleitlinien für ein robustes und zukunftsfähiges Energiewendenetz umgesetzt werden.
Planungen nach dem Stand von 2012
Die Notwendigkeit eines neuen NEP erklärt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende. „Wir laufen Gefahr, dass die Netze zum Showstopper der Entwicklung werden.“ Dabei müsse diese Legislaturperiode eine Legislatur der Netze werden. Der bisherige NEP basiere auf Annahmen aus dem Jahr 2012. Damals ging man von einem geringeren Ausbau der erneuerbaren Energien bis 2030 wie jetzt aus. Bekanntlich soll jetzt bis 2030 die Marke von 65 Prozent erreicht sein.
Nun gibt es neue Technologien, die natürlich den Netzausbaubedarf in einem neuen Licht erscheinen lassen. Schon bald könnte man mit Freileitungs-Temperatur-Monitoring und Supraleiter die Leistung der Netze erhöhen, damit mehr Strom durch die Bestandsnetze fließen kann und somit eine bessere Auslastung erreicht wird.
Automatisierte Systemführung
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Automatisierte Systemführung. Aufgrund der n-1-Steuerung der Netze dient ein Teil der Netzkapazität der Reserve. Diese Reserve könnte aber durch intelligente Nutzung von IT-Technologie in Zukunft für höhere Kapazitäten sorgen. Unter der Annahme einer stufenweisen Einführung der Automatisierten Systemführung ließe sich der Netzausbau erheblich reduzieren, argumentierte E-Bridge Consulting in der Analyse. Die Technologie soll 2030 eingeführt werden.
Wichtig für die Zukunft ist auch ein gleichmäßiger Ausbau der erneuerbaren Energien. Die jetzt im Rahmen der Windausschreibungen erfolgte Allokation der Windenergie im Norden bedingt einen höheren Netzausbau. Mit Einführung einer „Südquote“ könnte man hier regulativ eingreifen und den Netzausbau minimieren, erklärte Patrick Graichen.
Mehr Speicher und DSM
Weiter sinkende Preise für PV-Speicher und der Ausbau von Demand-Side-Management werden natürlich die Regionalität fördern und den Bedarf am Netzausbau mindern. (al)



