Von links: Olaf Lies (SPD), Wirtschaftsminister Niedersachens, Lukas Koehler, Managing Director Rolls-Royce Power Systems, und Rainer Schmittdiel, Technikvorstand Avacon.

Von links: Olaf Lies (SPD), Wirtschaftsminister Niedersachens, Lukas Koehler, Managing Director Rolls-Royce Power Systems, und Rainer Schmittdiel, Technikvorstand Avacon.

Bild: © Avacon

Von Stephanie Gust

Die "Energieplattform Twistringen" soll auf Basis eines Feldtests zeigen, dass Großbatteriespeicher einen Beitrag zur Stabilisierung des Energiesystems leisten können. Das Ziel: Mithilfe von Flexibilitätslösungen wie Speichern sollen Erzeugungsspitzen von PV-Anlagen abgemildert und Erzeugung und Verbrauch in Einklang gebracht werden. 

Auf diese Weise können Kapazitäten im Verteilnetz perspektivisch effizienter genutzt werden. Nachdem der erste Projektteil die Funktionsweise eines Großbatteriespeichers im eher ländlich geprägten Abbenhausen erprobte, fokussiert sich die ab sofort startende zweite Projektphase auf das städtisch geprägte Gebiet von Twistringen. Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) nahm den Batteriespeicher in Twistringen zusammen mit Avacon-Technikvorstand Rainer Schmittdiel und Lukas Köhler, Rolls-Royce Power Systems, symbolisch in Betrieb.
 

Gezieltes Steuern entlastet das Stromnetz

"Die Transformation unserer Energieversorgung kann nur gelingen, wenn wir neben dem Ausbau der Erneuerbaren auch die Speicherfrage lösen. Die ist zentral für den Erfolg. Projekte wie die Energieplattform Twistringen zeigen, wie mit smarten Speicherlösungen vor Ort Netze stabilisiert und Erzeugung und Verbrauch intelligent in Einklang gebracht werden können", so Olaf Lies. "Damit Speicherlösungen generell einen positiven Einfluss auf Netzausbaumaßnahmen haben, braucht es künftig aber die passenden regulatorischen Rahmenbedingungen", mahnte hingegen Schmittdiel.

Aktuell darf Avacon den Batteriespeicher nur im Rahmen des Projekts aufgrund einer Ausnahmegenehmigung der Bundesnetzagentur betreiben. Wie es nach Projektende weiter geht, ist dagegen unklar.

Das Projekt in Twistringen basiert auf dem Konzept einer Energiegemeinschaft und ist Teil des Kopernikus-Projektes ENSURE 3: Lokale Haushalte speichern selbst erzeugte Energie aus PV-Anlagen in Heimspeichern ein, überschüssige Energie wird zusätzlich in den zentralen Großbatteriespeicher geleitet. Das Zusammenspiel zwischen Heim- und Großbatteriespeicher auf der Niederspannungsebene wird mithilfe intelligenter Algorithmen gesteuert. 

Die alltäglichen Be- und Entladeprozesse der Haushaltsspeicher werden dadurch nicht beeinflusst. Auf diese Weise soll einerseits die Volatilität der Energieerzeugung aus PV-Anlagen ausgeglichen werden, andererseits strebt das Projekt eine Erhöhung der lokalen Eigenverbrauchsquote auf zeitweise bis zu 100 Prozent an. Dadurch werden potenziell höhere Spannungsebenen entlastet und die Gesamtstabilität des Systems erhöht. Diese für das Stromnetz positiven Effekte ließen sich bereits im ländlich geprägten Ortsnetz in Abbenhausen während der ersten Projektphase nachweisen und sollen nun im städtischen Kontext von Twistringen repliziert werden.

Großbatteriespeicher im Verteilnetz – Hohe Anzahl an Anschlussbegehren

Großbatteriespeicher sind ein wichtiger Baustein der zukünftigen Energielandschaft, wie auch die bisherigen Daten der "Energieplattform Twistringen" zeigen. Indem sie der Volatilität von Erneuerbaren-Energien-Anlagen potenziell entgegenwirken, können Speicher den Netzausbaubedarf positiv beeinflussen. Wie groß das Interesse am Betrieb von Großbatteriespeichern ist, zeigt die Anzahl der Netzanschlussbegehren: Allein für das Avacon-Netzgebiet liegt zurzeit ein Anfragevolumen von über 1500 Speichern mit einer Leistung von über 95 Gigawatt (GW) vor. Zum Vergleich: Die Netzlast in Deutschland liegt laut Avacon aktuell bei 80 GW – ein Missverhältnis. "Wir werden nicht jeden Batteriespeicher ans Netz nehmen können", sagt Schmittdiel voraus.

Auch bei den PV-Anlagen von Avacon geht es hoch her: Allein 44.000 Anträge hatte man 2024 – "das sind 120 Anträge pro Tag" verdeutlicht Schmittdiel. Und der Trend reiße nicht ab.

Lukas Köhler, Managing Director Sales and Service Germany bei Rolls-Royce Power Systems, verwies zudem darauf, dass dass Speichergeschäft aktuell das am schnellsten wachsende in seinem Unternehmen sei. Man setze gerade Projekte in Lettland, Deutschland, den Niederlanden und in Europa um. "Wir sehen Projekte von einigen 100 kWh bis tatsächlich über 1000 MWh."

"Unsere Großbatterien helfen, die Stromnetze zu stabilisieren. Unsere Software schafft es sehr intelligent, Stromerzeuger, Windkraft- und PV-Anlage mit dem Batteriespeicher zu verbinden, zusammenschalten und optimal anzusteuern."

Standort und Fahrweise sind ausschlaggebend für die Effizienz

Klar ist: Damit Stromspeicher grundsätzlich eine netzdienliche Rolle im Energiesystem einnehmen, braucht es passgenaue gesetzliche Rahmenbedingungen und Anreize. Nur so lasse sich die große Standortflexibilität der Anlagen maximal nutzbar machen und auf diese Weise potenziell Engpasssituationen im Verteilnetz reduzieren. Zwei Faktoren spielen hier eine zentrale Rolle: der Standort und die "Fahrweise".

Aus Sicht von Avacon braucht es Vorgaben, die eine gezielte Verortung von Großbatteriespeichern sowohl regional als auch in Bezug auf die Spannungsebene erlauben. Darüber hinaus braucht es klare Kriterien für einen netzdienlichen Betrieb von Speichern, die eine entsprechende Fahrweise angemessen entlohnen. Insgesamt gilt es, den marktlichen und regulatorischen Rahmen weiterzuentwickeln und eine netzdienliche Betriebsweise stärker anzureizen.

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