Wie weiter mit dem Stromnetz? Die Planungen sind in vollem Gange.

Wie weiter mit dem Stromnetz? Die Planungen sind in vollem Gange.

Bild: © neu.sw

Die Reaktionen auf die Pläne der vier Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) für das künftige Stromnetz fallen unterschiedlich aus. Während etwa die Bioenergiebranche verärgert ist und von "Realitätsferne" spricht, sieht der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) in dem aktuellen Netzentwicklungsplan (NEP) Strom einen "soliden Entwurf" – hat allerdings Nachbesserungsbedarf angemeldet.

Andere dagegen, wie der EnBW-Konzern, "unterstützen die ÜNB" bei dem von ihnen favorisierten Zukunftsszenario. Die vier Übertragungsnetzbetreiber Amprion, 50Hertz, Tennet und Transnet BW haben im Dezember des vergangenen Jahres den ersten Entwurf des "Netzentwicklungsplans Strom 2037/2045", so der offizielle Titel, veröffentlicht.

Die ÜNB berechnen darin das notwendige Netz für ein klimaneutrales Energiesystem im Jahr 2045. Verschiedene Szenarien sollen dabei die Bandbreite wahrscheinlicher Entwicklungen für die künftige Stromversorgung in Deutschland und Europa abbilden.

Stromverbrauch steigt eher langsam

Sie halten Szenario A, das im Vergleich zu den Szenarien B und C einen langsameren Anstieg des Stromverbrauchs sowie einen moderateren Ausbau der Wind- und Solarenergie annimmt, für das wahrscheinlichste. Aus ihrer Sicht handelt es sich um ein "robustes Szenario", das "eine verlässliche Grundlage für die Netzentwicklungsplanung" sei.

Am 14. Januar endete nun die Konsultationsfrist, also die Möglichkeit für eine Stellungnahme seitens Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen und Verbänden, von Wissenschaft und Politik. Insgesamt 847 Stakeholder haben demnach zum NEP Strom Stellung genommen.

EnBW: Netzausbau wird entzerrt

Die EnBW ist mit der Prognose der vier Netzbetreiber offenbar einverstanden. "Genau wie sie, sehen auch wir Szenario A als Optimum zwischen bedarfsgerechtem DC-Ausbau, AC-Ausbau und verbleibendem Engpassmanagement sowie Staffelung der Ausbauvorhaben bis 2045 an", teilte eine Konzernsprecherin auf Nachfrage der ZfK-Redaktion mit.

Das ermögliche eine zeitliche Entzerrung des erforderlichen Netzausbaubedarfs, erläutert die EnBW-Sprecherin weiter. Die Ergebnisse würden sich zudem mit Erkenntnissen aus einer eigenen Systemkostenstudie decken.

Basiert investitionsseitig auf
nicht sichtbaren Wasserstoff-Importtrends

Dem Bundesverband Neue Energiewirtschaft hingegen ist das nicht ambitioniert genug. Zwar sei der Entwurf insgesamt solide, doch kritisiert der BNE die Favoritenrolle von Szenario A, "da dieses sowohl die politischen Ausbauziele des Erneuerbare-Energien-Gesetzes unterschreitet als auch auf derzeit investitionsseitig nicht sichtbare Wasserstoff-Importtrends basiert".

BNE warnt vor fehlenden Netzanschlüssen

Mit negativen Auswirkungen: Laut Verband käme es zu einer zu langsamen Netzentwicklung im Übertragungsnetz und in der Folge im Verteilnetz. "Das würde dauerhaft den tatsächlichen Bedarf an Netzanschlüssen im Übertragungs- und Verteilnetz nicht decken und die Probleme der Gegenwart verschärfen und verstetigen." Stattdessen fordert der BNE, sich an den hinsichtlich Klimaneutralität ambitionierteren Szenarien B oder C zu orientieren.

Einer der größten Kritiker des NEP Strom ist jedoch der Bundesverband Bioenergie (BBE). Aus Sicht des Dachverbandes wird die Bioenergie schlicht "ignoriert". Dass die Netzbetreiber der Bioenergie im Stromsektor "keine große Zukunft" zugestehen würden, sei mit Blick auf die vergangenen Netzentwicklungspläne bekannt.

Doch dass selbst nach regulatorischen Neuausrichtungen beispielsweise im Erneuerbare-Energien-Gesetz an der bisherigen 'Copy-&-Paste-Strategie' festgehalten werde, "zeigt, wie weit sich die Netzplanung bereits von der Realität entfernt hat", so der BBE. Ein laut Verband "eklatanter Missstand", den die Politik beheben müsse.

BBE: "keine neutralen Annahmen"

Der BBE bezweifelt darüber hinaus, dass die Annahmen im NEP neutral getroffen worden seien, sondern geht vielmehr davon aus, "dass die für Bioenergie nachteiligen Annahmen zumindest zum Teil aus ideologischen Gründen getroffen wurden". Formulierungen würden nahelegen, "dass die Bioenergie nicht als erneuerbare Energie angesehen wird".

Unverständlich aus Verbandssicht, denn: Allein das "Biomassepaket 1.0" habe das Potenzial, tausenden Anlagen eine langfristige Perspektive im Stromsektor zu eröffnen. Auch könnten moderne Biogasanlagen eine wichtige Rolle in der Kraftwerkstrategie spielen, "sofern ihre grüne Eigenschaft berücksichtigt würde".

Zusätzlich verweist der BBE auf bestehende und geplante Wärmenetze im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung, die "noch weit über 2045 hinaus" Energie aus der Kraft-Wärme-Kopplung von Holzenergie sowie Biogas und Biomethan liefern würden.

BDEW begrüßt Effizienz, VKU fordert Augenmaß

Hingegen hebt der BDEW vor allem eine stärkere Ausrichtung der Netzentwicklungsplanung an Effizienzkriterien hervor. Dies sei "angesichts erheblicher Kostensteigerungen bei den notwendigen Ressourcen" von großer Bedeutung, führt der Verband aus.

Ein Sprecher des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) erklärt auf ZfK-Nachfrage: "Netzausbau muss mit Systemoptimierung und Flexibilitätsstrategien Hand in Hand gehen." Mehr als 95 Prozent der erneuerbaren Energien und die Integration von Elektromobilität und Wärmepumpen fänden in den Verteilnetzen statt, gibt er zu bedenken. Nur so ließen sich volkswirtschaftlich tragbare Lösungen erreichen und die Akzeptanz sichern.

Unkoordinierte Ausbauziele führen zu hohen Systemkosten
und unnötigem Netzausbau.

Ein "besonderes Augenmaß" fordert der Verband zum Beispiel beim Ausbau der Offshore-Windenergie. "Unkoordinierte Ausbauziele führen zu hohen Systemkosten und unnötigem Netzausbau." Stattdessen brauche es eine intelligente Kombination aus Überbauung bestehender Netzverknüpfungspunkte und einer zeitlich gestreckten Entwicklung, um Kosten zu begrenzen und die Integration ins Gesamtsystem zu verbessern.

Die vier Übertragungsnetzbetreiber legen alle zwei Jahre einen neuen Netzentwicklungsplan Strom vor. Die Stellungnahmen fließen in den zweiten Entwurf ein, der dann von der Bundesnetzagentur geprüft wird. Die aktuell geplanten Änderungen zur Version aus dem Jahr 2023 haben wir für Sie hier zusammengefasst.

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