Dott: Der große Vorteil der Fernwärme sei Technologie- und Energieträger-Offenheit.

Dott: Der große Vorteil der Fernwärme sei Technologie- und Energieträger-Offenheit.

"e-regio"/Timm Fleissgarten

Herr Dott, was bedeutet dieses Projekt für die Energieversorgung der Stadt, etwa hinsichtlich der Bezahlbarkeit, und welchen Platz nimmt es in der kommunalen Wärmeplanung ein?

Die Stadt und damit die Bürgerinnen und Bürger gewinnen eine komfortable und klimafreundliche Alternative für die Zukunft des Heizens, die sowohl im Bestand als auch im Neubau funktioniert. Und das durch die Ausschöpfung und das Zusammenbringen regionaler Potenziale. In puncto Bezahlbarkeit gibt es mehrere Vorteile. Zunächst fallen beim Umstieg auf die Fernwärme keine Anschaffungskosten für eine neue Heizung an. Im Betrieb entstehen Vorteile durch die Nutzung kostengünstiger, lokaler Energiequellen und eine intelligente Beschaffung, die sich die Dynamiken der Märkte zu Nutze macht. Ich bin überzeugt, dass wir so ein wirtschaftliches und vor allem wettbewerbsfähiges Produkt anbieten. Für die Wärmewende braucht es Lösungen, die zu den Städten und Gemeinden passen. Wir kennen die Potenziale und Strukturen vor Ort und bringen sie optimal zusammen. Das Projekt zeigt: Die Wärmewende ist möglich und das hat Strahlkraft auch für die Wärmeplanung. Die Initialzündung für ein klimafreundliches Fernwärmenetz passierte schon vor der kommunalen Wärmeplanung (KWP). Es ist aber jetzt umso mehr zu einem wirklichen Leuchtturmprojekt geworden.

Die künftige Energiezentrale soll mindestens 65 Prozent erneuerbare Energie nutzen. Welche und wie versorgungssicher ist das?

Das neue Fernwärmenetz wird zum Start mit Biomethan aus einer eigenen Aufbereitungsanlage versorgt. Mit wachsendem Wärmebedarf kommen weitere erneuerbare Energieträger hinzu. Das können Abwärme und Umweltwärme über Großwärmepumpen sein, sowie weitere Biogase etwa aus der Abwasserreinigung. Auch die Power-to-Heat-Nutzung von Ökostrom-Überschüssen ist eingeplant. Als Redundanz für Spitzenlastzeiten und Wartungen wird Wärme in Heizkesseln erzeugt und abgesichert. Mobile Einspeisepunkte können ebenfalls genutzt werden. Die Versorgungssicherheit ist damit absolut gewährleistet.

"Fernwärme ermöglicht verschiedene Wege in Richtung Klimaneutralität."

Sie sprechen von einem modularen und technologieoffenen Konzept. Was heißt das?

Es sind mehrere Ausbaustufen geplant. Weitere erneuerbare Energiequellen werden eingebunden, wenn das Netz und die neuen Quartiere wachsen. Wir denken dabei in lokalen Synergien. Die Lage direkt neben der Euskirchener Zuckerfabrik ist kein Zufall: Hier können sich Potenziale durch Abwärme und Rohbiogas ergeben. Auch kommen grüner Wasserstoff oder Solarthermie in Betracht. Wann weitere BHKW oder Großwärmepumpen integriert werden, bleibt flexibel. Diese Technologie- und Energieträger-Offenheit ist aus meiner Sicht der große Vorteil des Fernwärmenetzes, da es verschiedene Wege in Richtung Klimaneutralität ermöglicht.

Ein Blockheizkraftwerk, ein Pufferspeicher und ein Spitzenlastkessel sind zentrale Elemente der Energiezentrale. Wie greifen diese Komponenten technisch ineinander?

Mit dem Energiekonzept können wir neben der grünen Fernwärme sowohl erneuerbaren Strom erzeugen als auch Ökostrom zur Wärmeproduktion beziehen. Das Ergebnis: Ein wärmegeführter, stromoptimierter Betrieb der Energiezentrale. Dabei sichern BHKW und Pufferspeicher den Regelbetrieb. Der Spitzenlastkessel liefert die Redundanz. Mit dem Pufferspeicher erzielen wir künftig die beste Adaption an die flexiblen Energiemärkte. Durch eine optimierte Fahrweise werden die Erzeuger immer dann eingesetzt, wenn es einerseits betrieblich am sinnvollsten und andererseits das Angebot an erneuerbaren Energien besonders günstig ist.

Die Fernwärme soll auch für Bestandsgebäude attraktiv sein. Welche Vorteile ergeben sich für Eigentümer?

Mit der klimaoptimierten Fernwärme ergibt sich ein ganzes Bündel an Vorteilen: Keine Kosten für eine eigene Wärmeerzeugungsanlage, mehr Platz, jederzeit Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben für die Erneuerbare-Energien-Quote, ein 24/7-Service und eine hervorragende Basis für Förderungen, zum Beispiel für Sanierungsmaßnahmen.

Mit einem CO₂-Ausstoß von nur rund 70 Kilogramm (kg) je Megawattstunde (MWh) ist das System besonders klimafreundlich. Wie wirkt sich das im Gesamtkontext der kommunalen Klimaziele aus – gibt es Einsparziele?

Die Stadt Euskirchen hat das Ziel, bis 2045 die Wärmeversorgung klimaneutral zu gestalten. Dazu leistet dieses Projekt einen wichtigen Beitrag. Zum Vergleich: Bei Erdgas oder Erdöl fallen 240 beziehungsweise 310 kg CO2/MWh an. In Zukunft werden wir auf dem Pfad zur Klimaneutralität den Wert noch weiter senken.

"Ein Zukunftsmodell für die Stadt"

Neben ökologischen Aspekten betonen Sie auch die Wirtschaftlichkeit. Wie beurteilen Sie die langfristigen Betriebskosten und den Wettbewerb mit anderen Heiztechnologien, etwa Wärmepumpen?

Die Offenheit beim Energieträger ermöglicht uns heute und in Zukunft, auf veränderte Marktbedingungen und Preisentwicklungen dynamisch zu reagieren. So stellen wir sicher, dass wir wettbewerbsfähige Preise anbieten können. Die grüne Fernwärme setzt auf mehrere Optionen, insbesondere auf solche, die lokal kostengünstig verfügbar sind. So können wir die Betriebskosten langfristig optimieren. Mit dezentralen Heiztechnologien legt man sich fest. Zudem bringen Wärmepumpen gerade in verdichteten Gebieten immer auch die Frage mit sich, wo sie überhaupt noch Platz finden und verträglich für die Nachbarschaft sind. Die Fernwärme Euskirchen ist daher sowohl in puncto Energiewende als auch wirtschaftlich gesehen ein Zukunftsmodell für die Stadt.

Das Interview führte Daniel Zugehör

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