Was lange als Oppositionsforderung galt, ist nun Regierungspolitik: Die Grünölquote findet sich in den Eckpunkten des geplanten Gebäudemodernisierungsgesetzes (GMG) wieder. Zusammen mit einer sogenannten "Bio-Treppe" für neu eingebaute Gas- und Ölheizungen sieht das Vorhaben eine schrittweise steigende Grüngas- und Grünheizölquote für Inverkehrbringer vor – beginnend mit bis zu einem Prozent ab 2028. Das erklärte Ziel ist, bis 2030 mindestens zwei Millionen Tonnen CO₂ einzusparen.
Der Kurswechsel ist programmatisch gemeint. Das alte Heizungsgesetz mit seiner 65-Prozent-Vorgabe wird gestrichen, verpflichtende Technologiewechsel entfallen. Das GMG setzt stattdessen auf Technologieoffenheit – und auf grünere Moleküle im bestehenden System.
Was die Branche fordert
Seit Monaten treiben Branchenverbände die Idee einer Grünölquote voran. Haus & Grund Deutschland, der Wirtschaftsverband "Fuels und Energie" (Eigenbezeichnung kurz "en2x"), der "UNITI Bundesverband EnergieMittelstand" sowie der Mineralölwirtschaftsverband (MEW) gehören zu den Unterstützern. Ihr Kernargument: Klimaschutz im Wärmemarkt lasse sich effizienter über eine Verpflichtung der Brennstoffanbieter organisieren als über detaillierte Vorgaben für einzelne Heizanlagen.
Analog zur Treibhausgasminderungsquote im Verkehr sollen Mineralölunternehmen verpflichtet werden, steigende Anteile erneuerbarer Komponenten beizumischen – bilanziell anrechenbar. Für Hauseigentümer bedeutet das: Die bestehende Heizung bleibt, der Brennstoff wird schrittweise sauberer.
"Wir sind zusammen mit der Biokraftstoffindustrie seit jeher in der Lage, für den Straßenverkehr den Bedarf an Biodiesel zu liefern, das dem Bioheizöl chemisch ähnlich ist", sagt ein Sprecher des Wirtschaftsverbandes Fuels und Energie (En2x). Dies sei auch für die Heizung zu schaffen, denn gerade zu Anfang sei der Markt für Biobrennstoffe ein Bruchteil des Verkehrsmarkts. "Das Angebot wird mit steigender Nachfrage wachsen – so wie es bei Super E10 und Biodiesel B7 der Fall ist." Bio-Importe seien eine wichtige Option.
Politisches Kalkül hinter der Quote
Für die Union ist die Grünölquote mehr als ein technisches Instrument. Fraktionschef Jens Spahn hatte sich früh dafür ausgesprochen – der Ansatz fügt sich nahtlos in die Erzählung von Technologieoffenheit ein: keine Heizungsverbote, keine erzwungenen Investitionen, Wahlfreiheit für Eigentümer.
Zugleich richtet sich das Angebot an Millionen Haushalte im ländlichen Raum, die weiterhin mit Öl heizen. Laut Branchenangaben sind es knapp fünf Millionen Gebäude. Klimaschutz ohne sofortige hohe Kosten – das ist politisch attraktiv.
Experten dämpfen die Erwartungen
Fachleute bewerten das Potenzial erheblich skeptischer. "Grünes Heizöl lässt sich unter anderem aus Altspeisefetten oder Ölsaaten gewinnen, die Erträge sind hier aber begrenzt", sagt Daniela Thrän vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ. Die Umwandlung aus holzartigen Biostoffen sei technisch aufwändig und großtechnisch kaum erprobt. Da Grünöl teuer in der Herstellung sei, werde es voraussichtlich vor allem im Flugverkehr nachgefragt.
Selbst im Verkehrssektor erwartet Thrän nur niedrige einstellige Prozentanteile – im Gebäudesektor dürfte es noch weniger sein. "Selbst eine Grünölquote von einem Prozent ab 2028 dürfte schwierig zu erreichen sein." Hinzu komme, dass neue grüne Heizöle teurer seien als Biogas; Wärmepumpen dürften im Wärmemarkt absehbar günstiger bleiben.
„Der Aufpreis für Bio-Heizöl beträgt aktuell bis zu 15 Prozent. Es ist somit teurer als herkömmliches Heizöl – Klimaschutz ist nicht zum Nulltarif zu haben. Für Ölheizungsnutzer kann es trotzdem die günstigste Option sein, weil dies auch für alle anderen Wärmetechniken gilt.“
Große Teile schon heute importiert
Auch Benjamin Köhler vom Öko-Institut warnt vor Illusionen. Flüssige biogene Energieträger spielten im Gebäudebereich bislang "nur eine sehr untergeordnete Rolle". Schon heute würden große Teile der Rohstoffe importiert. Zwar seien hohe Beimischungen technisch grundsätzlich möglich – doch bei einer starken Ausweitung drohe eine neue "Tank-oder-Teller"-Debatte.
Steigende Preise hätten zudem Auswirkungen auf Verkehr, Industrie und Lebensmittelmärkte. Für die Wärmewende, so Köhler, gebe es wirtschaftlichere Optionen mit besserer Klimawirkung und geringeren Abhängigkeiten.
Alter Anlagenbestand als Schwachstelle
Ein weiteres Problem benennt Alexander Steinfeldt, Energieexperte der gemeinnützigen Beratung Co2online: Fast die Hälfte der Ölheizungen ist über 20 Jahre alt. "Hier lohnt es sich in den allermeisten Fällen, direkt die Heizanlage auszutauschen."
Bio-Heizöle enthielten meist fünf bis zehn Prozent biogene Anteile, die viele Kessel zwar vertrügen – höhere Quoten könnten jedoch Nachrüstungen erfordern. Schon heute liegt Bio-Heizöl preislich fünf bis 15 Prozent über konventionellem Heizöl, und flächendeckend verfügbar ist es ohnehin nicht. Steigt die Nachfrage durch gesetzliche Quoten, dürften die Preisaufschläge weiter zunehmen.
Anders sieht das der Branchenverband En2x. Bio-Heizöl sei zwar teurer als herkömmliches Heizöl, aber Klimaschutz sei "nicht zum Nulltarif zu haben". "Für Ölheizungsnutzer kann es trotzdem die günstigste Option sein, weil dies auch für alle anderen Wärmetechniken gilt", so der Sprecher.
Bei neueren Ölbrennwertgeräten betrage die Beimischungsquote demnach bis zu 100 Prozent. Entsprechend gekennzeichnete Ölheizungen könnten demnach "mit Biofuels pur betrieben werden".
Brücke oder Umweg?
Mit dem GMG ist die Grünölquote politische Realität. Sie soll auf die Bio-Treppe angerechnet werden und als systemischer Beitrag der Emissionsminderung dienen. Doch ob verfügbare Mengen, Kostenstruktur und der sektorübergreifende Wettbewerb um biogene Rohstoffe ausreichen, um daraus mehr als eine symbolische Größe zu machen, bezweifeln Fachleute.
Die strategische Grundfrage bleibt: Setzt die Wärmewende auf knappe grüne Moleküle im alten Verbrennungssystem – oder auf einen strukturellen Technologiewechsel hin zu effizienteren Lösungen? Die Antwort entscheidet darüber, ob das grüne Öl zur Brücke wird. Oder zum Umweg.




