Wie will die Gasag die Wärmewende in Berlin meistern? Auf welche Technologien setzen Sie?
Die Wärmeversorgung der Hauptstadt zu dekarbonisieren, ist eine riesige Aufgabe, da verbieten sich die einfachen Antworten. Entsprechend werden wir die ganze Bandbreite an Technologien nutzen müssen. Die Fernwärmeverbundnetze werden in Berlin voraussichtlich einen großen Teil, ungefähr die Hälfte der Wärmewende leisten müssen. Aber auch für die andere Hälfte muss es Lösungen geben – im Bereich der Einfamilienhäuser vor allem individuelle. Wärmepumpen werden eine wichtige Rolle spielen, vor Ort nutzbare erneuerbare Energien und vielfach auch neue, dezentrale Wärmenetze. Das ist unser Kerngeschäft, mit dem wir uns bereits jetzt bestens auskennen. Die Gasag betreibt schon heute rund 50 dezentrale Wärmenetze für Quartiere und Immobilienprojekte in Berlin. Dezentral heißt, wir können auch dezentrale Energiepotentiale nutzen. Bei der oberflächennahen Geothermie gibt es z. B. großes Potenzial. Aber auch Abwärme aus Rechenzentren oder Abwasser nutzen wir. Wir wollen und müssen so viel lokal erzeugte erneuerbare Energie nutzen, wie möglich. Für das Gelingen der Wärmewende müssen wir jedes verfügbare Potenzial mitnehmen.
Spielt Wasserstoff in Ihren Plänen auch eine Rolle? Immerhin wollen sie knapp 60 Kilometer des Berliner Gasnetzes für Wasserstoff ertüchtigen und haben einen entsprechenden Antrag bei der Bundesnetzagentur eingereicht.
Es ist heute klar, dass ein Energiesystem, das wesentlich auf Erneuerbaren basiert, eine Absicherung benötigt. Sonne und Wind stehen uns eben nicht immer dann zur Verfügung, wenn wir sie brauchen. Wir benötigen also ein Speichermedium und das wird grüner Wasserstoff sein. Für mich ist Wasserstoff nicht etwa ein Konkurrent der Wärmepumpe, also Konkurrenz zur Nutzung von erneuerbar produziertem Strom. Im Gegenteil: Der Grünstrom, den wir im Sommer mittels Wasserstoff gespeichert haben, sichert im Winter den Betrieb der Wärmepumpe. Es geht also gar nicht darum, Erdgas durch Wasserstoff zu ersetzen. Wir bauen vielmehr eine zweite Säule der Energieversorgung auf, um die Versorgungssicherheit in einem erneuerbaren Energiesystem zu gewährleisten.
Wie stehen Sie zum Dauer-Streitthema Heizen mit Wasserstoff?
Wasserstoff ist ein Energieträger, den wir nicht einfach aus der Erde holen können, sondern erstmal erzeugen müssen. Insofern finde ich es richtig, wenn er nur restriktiv zum Einsatz kommt. Aber bleiben wir beim Beispiel Berlin: Es gibt in der Stadt unzählige Altbauquartiere. Wie wollen wir hier für verlässliche grüne Wärme sorgen? Ich denke, dass wir beim Thema Wasserstoff noch lange nicht am Ende des Austestens und Ausprobierens sind. Was man meiner Meinung nach aber bereits jetzt sagen kann: Je größer die Anlage bzw. die Einheit ist, die wir absichern müssen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass dort gerade im Winter künftig grüner Wasserstoff eingesetzt wird. Kochen mit Wasserstoff werden wir hingegen sicher nicht. Also, wir werden eher Raumwärme über Wasserstoff absichern, als dass wir – so wie heute mit Erdgas – künftig mit Wasserstoff heizen.
Aktuell ist grüner Wasserstoff aber noch sehr teuer.
Das stimmt. Ich kann nachvollziehen, dass die Industrie sich Sorgen macht. Wenn man sich die heutigen Preise für grünen Wasserstoff anschaut und ein Produkt herstellt, das in anderen Ländern mit fossilen Brennstoffen viel günstiger hergestellt werden kann, ist das schwierig. Um zu einer fairen Bewertung zu kommen, müssen wir aber in die Zukunft blicken und den Preis des grünen Wasserstoffs im Jahr 2045 mit dem für eine Kilowattstunde grünen Strom während einer Dunkelflaute vergleichen. Im Vergleich wird der Wasserstoff dann relativ preiswert sein. Mit Blick auf die Absicherung des Energiesystems wird die Wasserstoff-Gleichung problemlos aufgehen.
Der „Champagner-Debatte“ können Sie also nichts abgewinnen, oder?
Die hat viel Verwirrung gestiftet. Meiner Meinung nach hat der Hinweis auf den angeblichen „Champagner der Energiewende“ die Rolle von Wasserstoff in einer künftigen, grünen Energiewelt vernebelt, vielleicht war das auch beabsichtigt. Die Energiewirtschaft ist aber schon längst auf der Reise hin zu einem erneuerbar geprägten, klimaneutralen Energiesystem – und Wasserstoff ist ein Teil genau dieser Reise.
Aber muss es denn immer grüner Wasserstoff sein? Die Bioenergie-Branche kritisiert den Wasserstoff-Hype und fordert einen stärkeren Einsatz von Biomethan. Dieses wird heimisch produziert und steht bereits jetzt zu bezahlbaren Preisen zur Verfügung.
Beim Thema Biomethan schlagen zwei Seelen in unserer Brust. Auf der einen Seite bereitet uns das Anschlussregime für Biomethananlagen Kopfzerbrechen. Hier ist zum Teil ein ziemlicher Wildwuchs entstanden, weil die Anschlusskosten sehr großzügig sozialisiert werden. Auf der anderen Seite zeigen die vielen Anschlussbegehren, dass es ein Potenzial für Biomethan gibt. Natürlich wird Biomethan Erdgas nicht eins zu eins ersetzen können, die Mengen wird es auch künftig nicht geben. Aber es wird lokale oder regionale Cluster geben, in denen Biomethan eine zentrale Rolle spielen wird. Erfreulicherweise gibt das Wärmeplanungsgesetz Kommunen die Möglichkeit, Prüfgebiete für den Einsatz von Biomethan auszuweisen. Das wird für Rückenwind sorgen. Ein regionales Biomethannetz könnte also durchaus die kleine Schwester der regionalen Wärmenetze werden.
Stichwort kommunale Wärmeplanung: Wie zufrieden sind Sie mit dem Tempo?
Die Gasag ist ja nicht nur in Berlin, sondern auch in Brandenburg aktiv. Wir stellen gerade fest, dass viele kleine Gemeinden bei der Wärmeplanung deutlich schneller vorankommen als Berlin. Einige werden den Prozess bereits in diesem oder im nächsten Jahr abschließen, was natürlich erfreulich ist. Ich glaube aber auch, dass man die Bedeutung der kommunalen Wärmeplanung nicht überschätzen darf. Es wäre ein Missverständnis zu glauben, dass dort perfekte Pläne erarbeitet werden können, in denen genau festgeschrieben wird, wer bis wann was umzusetzen hat.
Wünschen Sie sich mehr Verbindlichkeit bei der Wärmeplanung – etwa in der Form eines Anschluss- und Benutzungszwangs?
Wenn wir in den letzten zwei Jahren etwas gelernt haben, dann, dass die Bürgerinnen und Bürger sehr sensibel reagieren, wenn sie den Eindruck haben, dass ihnen von der Politik Lösungen aufgezwungen werden, von denen sie nicht überzeugt sind. Deswegen glaube ich, dass man mit Themen wie dem Anschlusszwang vorsichtig umgehen sollte. Wärmepläne sollten meiner Meinung nach einen groben Rahmen abstecken. Es ist dann Aufgabe der Versorger, Wärmelösungen zu erarbeiten, mit denen sie bei den Kunden punkten können. Und dazu gehört eben auch das Risiko, dass einzelne Kunden sich nicht immer so entscheiden, wie der Versorger das vielleicht gerne hätte. Aber zu strikte Vorgaben helfen nicht weiter. Wir müssen die Menschen überzeugen, statt sie zu verpflichten.
Keine leichte Aufgabe – schließlich wird die Wärmewende viel Geld kosten.
In der Tat. Die Wärmewende wird scheitern, wenn sie nicht bezahlbar bleibt – und das für alle. Wir haben zu lange gehofft, dass die Verfügbarkeit erneuerbarer Energien die Kosten der Wärmewende zügig senken wird. Die erheblichen Systemkosten haben wir ausgeblendet. Egal, ob Leitungsausbau oder Zubau neuer Anlagen – diese Kosten werden sich auch in den Energiepreisen wiederfinden. Übrigens spricht auch das gegen einen Anschluss- und Benutzungszwang: Es dürfte politisch nur schwer vermittelbar sein, dass einzelne Stadtteile an ein vergleichsweise teures Wärmenetz angeschlossen werden, während in anderen Stadtteilen günstigere, frei wählbare Wärmelösungen genutzt werden. Am Ende müssen wir als gesamte Gesellschaft für die Kosten aufkommen – entweder durch höhere Energiepreise oder aber über Steuermittel. So oder so müssen wir die benötigten Gelder aufbringen. Wir reden hier von der größten Transformationsaufgabe der letzten Jahrzehnte. Und die ist nicht umsonst zu haben.
Welche Rolle wird die Gasag bei der Wärmewende spielen? Und wie könnte sich dabei der mögliche Kauf des Gasnetzes durch das Land Berlin auswirken?
Die Entscheidung liegt bei der Politik und unseren Anteilseignern, nicht bei der Gasag. Was ich aber dazu sagen kann, ist, dass die privat organisierten Anteilseigner uns bereits heute nicht nur nach finanziellen, sondern auch nach ökologischen Kriterien steuern. Und umgekehrt würde ein kommunaler Anteilseigner nicht nur auf Klimaziele schauen können. Wir betreiben effizient ein Wirtschaftsunternehmen, das sich mit einer von der öffentlichen Hand gewünschten, CO2-getriebenen Transformation beschäftigt. Die grundsätzliche Ausrichtung der Gasag passt also zu einer privatwirtschaftlichen als auch staatlichen Eigentümerstruktur.
Die Fragen stellte Ariane Mohl.


