Visualisierung des im Bau befindlichen Quartiers "Überseeinsel" in Bremen

Visualisierung des im Bau befindlichen Quartiers "Überseeinsel" in Bremen

© Allmannwappner Architekten, München

Das Unternehmen "Stadt.Energie.Speicher" möchte auf der Überseeinsel Erzeugung und Verbrauch in Einklang bringen. Über smarte Wärmelösungen, Sektorenkopplung und die Notwendigkeit von Förderungen sprach die ZfK mit Geschäftsführer Klaus Meier.

Herr Meier, was war die Motivation zur Gründung von "Stadt.Energie.Speicher"?

Die Idee entstand 2019, damals noch unter dem Namen "Neue Energielösungen". 2023 haben wir das Unternehmen in "Stadt.Energie.Speicher" umbenannt – der inhaltliche Fokus blieb jedoch gleich. Ausgangspunkt war die Frage, wie sich Stromüberschüsse aus erneuerbaren Quellen sinnvoll für die Wärme- und Kälteversorgung nutzen lassen. Ich bin seit über 30 Jahren in der Windenergie tätig und war sechs Jahre im Vorstand des BDEW – ich kenne die Herausforderungen des Strommarkts gut. Uns ging es darum, Strom so zu nutzen, dass er dem System hilft – nicht schadet. Daraus entstand die Idee, Wärme und Kälte dann zu erzeugen, wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Das war der Startpunkt für ein sektorenübergreifendes, intelligent gesteuertes Versorgungssystem für urbane Quartiere.

Wie herausfordernd ist Ihr bislang größtes Projekt "Überseeinsel"?

Die Überseeinsel ist ein großes, innerstädtisches Gebiet in Bremen – dort entsteht im Grunde ein neuer Stadtteil mit 1600 Wohnungen und umfangreichen Büroflächen für rund 4000 Menschen. Die größte Herausforderung war es, ein komplexes Energiekonzept planerisch und technisch in ein reales Quartier zu übertragen. Zum Einsatz kommen 5 MW Großwärmepumpenleistung, ein 1-MW-Power-to-Heat-Modul sowie große Wärme- und Kältespeicher.

"Flexibel auf Sonne und Wind reagieren."

Versorgt werden alle Gebäude über ein innovatives Vierleiternetz, das unterschiedlich temperierte Wärme und Kälte bereitstellt. Die gesamten Investitionskosten liegen bei 18 Millionen Euro. Das Besondere: Erneuerbare Energien, Speicherlösungen und ein KI-gesteuertes Regelungssystem werden so kombiniert, dass Strom- und Wärmenutzung flexibel auf das Energieangebot aus Sonne und Wind reagieren – ein Systemansatz mit Modellcharakter.

Sie wollen den Verbrauch an die Erzeugung anpassen – wie funktioniert das in der Praxis?

Der Grundgedanke ist: Strom dann nutzen, wenn er günstig und im Überfluss vorhanden ist. Dafür verwenden wir Großwärmepumpen, die sowohl Wärme als auch Kälte bereitstellen – mit hohem Wirkungsgrad. Wärme und Kälte lassen sich im Gegensatz zu Strom gut speichern. Wir produzieren gezielt thermische Energie und speichern sie in Großspeichern – einem 600-m³-Wärmespeicher und einem 250-m³-Eisbreispeicher – und stellen sie bedarfsgerecht zur Verfügung.

Das eigens entwickelte und selbstlernende Demand-Side-Management-System berechnet dabei laufend die optimale Betriebsweise, basierend auf Wetterprognosen, Strompreisen, Wassertemperaturen, Gebäudeverbräuchen und technischen Betriebsgrenzen. Das System wurde von einem Unternehmen für Kraftwerkssteuerung entwickelt, das wir inzwischen übernommen haben. Die Anlage auf der Überseeinsel startet im Mai 2025 in den Realbetrieb, virtuell läuft sie bereits seit einem Jahr.

"Flusswasser ist eine exzellente Wärmequelle."

Sie nutzen das Flusswasser der Weser. Was gilt es da – gerade bei niedrigen Temperaturen – zu beachten?

Flusswasser ist eine exzellente Energiequelle, aber technisch herausfordernd. Unter 4 °C besteht Vereisungsgefahr – in Bremen betrifft das bis zu 500 Stunden im Jahr, also gerade im Winter, wenn der Heizbedarf am höchsten ist. Wenn wir die Großwärmepumpen dann abschalten müssten, bräuchten wir fossile Back-up-Systeme. Deshalb entwickeln wir aktuell drei verschiedene technische Lösungen, um auch bei Wassertemperaturen von bis zu 0 °C  noch zuverlässig Wärme zu entziehen. Gelingt das, wäre das ein echter Gamechanger.

Wie wichtig ist gesellschaftliche Akzeptanz für solche Projekte?

Enorm wichtig. Wir haben gesehen, wie schwierig es wird, wenn Klimaschutzpolitik nicht verständlich kommuniziert wird. Deshalb setzen wir auf einfache Sprache und greifbare Beispiele: Mit unserer Technologie sind eine Eislaufbahn und zwei beheizte große Schwimmbäder ohne Weiteres wirtschaftlich betreibbar. In Bremen schlagen wir den Tarif des örtlichen Fernwärmeversorgers von 18 Cent pro Kilowattstunde für Fernwärme aus Abfallverbrennung deutlich. Großwärmepumpen sind nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich – und sie machen Spaß. Unsere Botschaft ist: Energiewende kann attraktiv sein.

Welche Technologien haben aus Ihrer Sicht das Potenzial, Erzeugung und Verbrauch zu entkoppeln?

Die Kombination aus Power-to-Heat-Anlagen und Speichern funktioniert sehr gut. In einem unserer Projekte werden wir eine Kommune mit über 30.000 Einwohnern versorgen. Dort kombinieren wir Windstrom mit dezentralen Wärmeerzeugern und Pufferspeichern. Wenn wir Windstrom für 6 Cent pro Kilowattstunde beziehen, können wir Wärme mit anteiligen Stromkosten von unter 2 Cent erzeugen. Der Abschied von Gas und Öl fällt bestimmt noch leichter, wenn es einfach billiger wird! Und das kann es werden. Besonders spannend wäre darüber hinaus die Nutzung alter Kraftwerksstandorte an Flüssen, die über bestehende Entnahmebauwerke verfügen.

"Wir prüfen eigene Tiefbaukapazitäten."

Wie wählen Sie die jeweiligen Technologien aus? Stellen Sie selbst Komponenten her?

Wir sind technologieoffen und nutzen verschiedene Speicherformen – etwa Eisbrei- oder Heißwasserspeicher. Eigene Hardware bauen wir nicht, aber wir übernehmen teilweise das Assembling oder den Rohrleitungsbau mit Partnern. Aktuell prüfen wir, ob wir im Tiefbau eigene Kapazitäten aufbauen. Der Engpass liegt meist nicht beim Material, sondern bei qualifizierten Fachkräften – zum Beispiel Schweißern.

Sehen Sie regulatorische Risiken für die Skalierung Ihrer Projekte?

Unsere Projekte sind derzeit noch stark förderabhängig – bei innovativen Konzepten wie der Flusswasserwärme mit Wassertemperaturen unter 4 °C erreichen wir Förderquoten von bis zu 50  Prozent. Langfristig sollten solche Lösungen aber auch ohne zentrale Förderung funktionieren. Modelle wie zinsfreie Kommunalkredite für Wärmenetze wären ein sinnvoller Weg. Wichtig scheint mir, dass die Wärmenetze in kommunaler Hand bleiben – mit klaren Regeln und Instrumenten für den Bau und Betrieb. Wir arbeiten gern in öffentlich-privaten Partnerschaften – mit Transparenz, Bürgerbeteiligung und fairer Preisgestaltung. Dass regulatorische Hürden wie die Bewertung von Primärenergiefaktoren für Großwärmepumpen inzwischen reduziert wurden, hilft uns enorm.

Zum Abschluss: Diskutiert wird auch eine Senkung der Netzentgelte. Gerechtfertigt?

Auf jeden Fall. Großverbraucher auf Hochspannungsebene zahlen kaum Umlagen oder Steuern – Haushalte und Mittelstand tragen die Hauptlast. Ob das dauerhaft gerecht ist, muss diskutiert werden. Wenn man energieintensive Industrien entlastet, verlagert man die Kosten auf den Rest der Gesellschaft. Auch wenn es unangenehm ist – dieses Thema gehört auf den Tisch.

Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Daniel Zugehör. Der Text erschien auch im ZfK-E-Paper Mai.

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