Herr Hermes, die Stadtwerke Bonn verfolgen ambitionierte Dekarbonisierungsziele. Wo stehen Sie aktuell bei der Wärmeerzeugung?
Unser aktuelles Erzeugungsportfolio basiert im Wesentlichen auf zwei großen Quellen: der thermischen Abfallverwertung einerseits, die etwa 40 bis 50 Prozent der Fernwärme liefert, sowie einem klassischen, erdgasbetriebenen Heizkraftwerk andererseits. Die Müllverwertung gilt formal als 'unvermeidbare Emission', ist aber natürlich nicht CO₂-neutral. Deshalb denken wir intensiv über CO₂-Abscheidung und die Nutzung entsprechender Speicher- oder Verwertungsoptionen nach – idealerweise über CCS oder CCU.
Parallel dazu bereiten wir unsere Anlagen auf die Zukunft mit Wasserstoff vor. Bei unseren Turbinen setzen wir bereits heute den Stand der Technik ein – derzeit sind bis zu 15 Prozent Wasserstoffbeimischung möglich. Langfristig wollen wir aber auf 100 Prozent Wasserstofffähigkeit umstellen. Das erfordert jedoch eine stabile Versorgung mit grünem Wasserstoff, die aktuell noch nicht gewährleistet ist.
Was bedeutet das konkret in Bezug auf Ihre Investitionen?
Für die Wasserstofftauglichkeit der Turbinen sind bereits etwa 1,5 Millionen Euro investiert worden. Der vorgelagerte Netzbereich dürfte im niedrigen zweistelligen Millionenbereich liegen. Für den Fernwärmeausbau insgesamt planen wir mit Investitionen von rund 600 Millionen Euro. Diese Summe ist ohne eine gezielte Förderung und tragfähige Finanzierungsmodelle nicht zu stemmen. Wir nutzen dafür auch ungenutzte Leitungsinfrastrukturen, um die Investitionskosten zu optimieren. Wichtig ist: Wir bereiten heute schon vor, was morgen Standard sein muss.
Welche Rolle spielt dabei die Fernwärmeversorgung?
Fernwärme ist ein wesentlicher Bestandteil unserer kommunalen Wärmeplanung. Neben bestehenden Erzeugern wollen wir neue, nachhaltige Quellen erschließen – zum Beispiel eine 20-Megawatt-Flusswasser-Wärmepumpe, die bereits konkret in der Umsetzung ist. Auch die Nutzung industrieller Abwärme ist Teil des Konzepts. Darüber hinaus planen wir, die Fernwärme in bisher noch nicht erschlossene Stadtgebiete auszudehnen. 70 Kilometer zusätzliche Trasse sollen entstehen – das ist ein ambitioniertes, aber realisierbares Ziel.
Wie steht es um die kommunale Wärmeplanung in Bonn?
Unsere Planungen sind abgeschlossen und im Juli vom Stadtrat beschlossen worden. Unsere Strategie geht aber ohnehin über gesetzliche Vorgaben hinaus – wir wollen unabhängig davon den Netzausbau zügig vorantreiben. Die Wärmewende ist für uns keine neue Aufgabe, sondern eine, die wir seit Jahren strategisch mitdenken.
"Fernwärme muss wirtschaftlich tragfähig sein. Als Stadtwerk brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen und eine moderate Rendite – sonst können wir die nötigen Investitionen nicht schultern."
Welche Technologien ersetzen künftig Gas?
Wärmepumpen und Fernwärme, die auf Basis von Ab- sowie Flusswasser und Wasserstoff in Kraft-Wärme-Kopplung erzeugt wird. Klar ist: Versorgungssicherheit hat oberste Priorität. Solange das Wasserstoffkernnetz nicht flächendeckend vorhanden ist, bleibt Erdgas unsere Rückfallebene. Wir müssen Anlagen so auslegen, dass sie flexibel reagieren können – auch auf externe Unsicherheiten.
Wie sichern Sie die Finanzierung?
Fernwärme muss wirtschaftlich tragfähig sein. Als Stadtwerk brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen und eine moderate Rendite – sonst können wir die nötigen Investitionen nicht schultern. Gleichzeitig darf das System nicht zulasten der Verbraucher aus dem Ruder laufen. Wir setzen daher auf wirtschaftliche Anreize, nicht auf Anschluss- und Benutzungszwang. Unsere Angebote müssen im Wettbewerb zu anderen Technologien überzeugen.
Welche Folgen haben steigende Zinsen für Ihre Projekte?
Kurzfristig können wir das durch eine gute Eigenkapitalquote kompensieren. Langfristig brauchen wir neue Finanzierungsmodelle – mit privaten Investoren, kommunalen Partnerschaften oder über projektbezogene Vereinbarungen. Der Energiesektor bleibt grundsätzlich attraktiv für Kapitalgeber, aber die Anforderungen an Fremdfinanzierungen steigen. Wir entwickeln deshalb eine eigene Finanzierungsstrategie.
"Für uns ist Wasserstoff eine dauerhafte Komponente – vorausgesetzt, die globale Infrastruktur wird rechtzeitig aufgebaut."
Sie planen, ab 2035 auf Wasserstoff umzustellen. Wie weit sind Sie?
Wir bereiten alles technisch vor, aber eine vollständige Umstellung auf 100 Prozent Wasserstoff ist 2035 noch nicht realistisch. Wir rechnen zunächst mit 15 Prozent Beimischung – aber auch hier ist bereits eine Versorgung über Wasserstoffnetze notwendig, damit die Zufuhr dauerhaft erfolgen kann. Solange die Versorgungslage nicht gesichert ist, behalten wir Erdgas als Brennstoff im Kraftwerk bei. Alles andere wäre ein Risiko für die Versorgungssicherheit.
Ist Wasserstoff eine Brückentechnologie oder eine dauerhafte Lösung?
Für uns ist Wasserstoff eine dauerhafte Komponente – vorausgesetzt, die globale Infrastruktur wird rechtzeitig aufgebaut. Deutschland wird seinen Bedarf nicht alleine decken können. Wir brauchen Importe, internationale Kooperationen und Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Nur dann kann Wasserstoff wirtschaftlich tragfähig sein – Subventionen alleine reichen nicht.
Was erwarten Sie von der Bundesregierung?
Wir brauchen mehr Struktur, weniger Mikromanagement. Die Politik sollte sich auf übergeordnete Infrastrukturen konzentrieren – Wasserstoffkernnetz, Importverträge, Netzausbau und -regulierung sowie Erzeugungsstrategie. Lokale Umsetzung und Kundenkommunikation können wir mit der Kommune selbst organisieren. Wenn der Staat eingreift, muss er auch die finanziellen Folgen tragen – siehe das Deutschlandticket im ÖPNV. Planungssicherheit entsteht, wenn man klare Zuständigkeiten definiert und respektiert. Dann bekommen wir das als Branche auch geregelt.
Das Interview führte Daniel Zugehör.
Dieser Artikel erschien auch in der "ZfK Spezial Nordrhein-Westfalen", einer Sonderbeilage des ZfK-E-Papers September (ab Seite 37).



