Diskutierten über die Wärmewende (von links): Techem-Chef Matthias Hartmann, BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae und Tanja Loitz, Geschäftsführerin von Co2Online.

Diskutierten über die Wärmewende (von links): Techem-Chef Matthias Hartmann, BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae und Tanja Loitz, Geschäftsführerin von Co2Online.

Bild: © Techem

Von Julian Korb

Die Wärmewende im Gebäudesektor gilt als einer der wichtigsten Hebel der deutschen Klimapolitik. Doch wie sie umgesetzt werden soll, darüber wächst der Dissens. Der neue Techem-Atlas für Energie, Wärme und Wasser 2025 liefert eine datengestützte Bestandsaufnahme, die zeigt: Deutschland steht zwischen zwei Wegen – der Elektrifizierung mit Wärmepumpen auf der einen und der Dekarbonisierung der Fernwärme auf der anderen Seite.

Die Analyse von rund 100.000 Mehrfamilienhäusern mit 1,1 Millionen Wohnungen gehört zu den umfassendsten ihrer Art. Sie zeigt: Das individuelle Sparverhalten hat seine Grenze erreicht – Effizienzgewinne müssen künftig aus Technik, Digitalisierung und systemischer Steuerung kommen.

Grafiken zur Wärmewende in Bestandsmehrfamilienhäusern finden Sie hier: Die Wärmewende im Bestand in Grafiken

Heizkosten auf Rekordniveau – Verbrauch stagniert

Eine wichtige Erkenntnis der Analyse: Seit Beginn der Energiekrise sind die Energiepreise um 82 Prozent gestiegen, die Verbrauchskosten pro Quadratmeter um 40 Prozent. Dennoch blieb der Verbrauch 2024 stabil. "Das Sparverhalten der Verbraucher ist an einem Limit angekommen", sagt Techem-CEO Matthias Hartmann. "Weitere Einsparungen sind nur noch durch technische Innovationen möglich."

Der Atlas offenbart zudem deutliche regionale Unterschiede: In Chemnitz zahlen Haushalte mit 19,01 Euro pro Quadratmeter die höchsten Heizkosten, gefolgt von Potsdam (18,61 Euro) und Offenbach (17,86 Euro). Gleichzeitig werden 87 Prozent der Gebäude noch fossil beheizt, meist mit Erdgas. Zwar sinkt dieser Anteil leicht, aber zu langsam, um die Klimaziele zu erreichen.

Fernwärme: Effizient, aber noch nicht grün genug

Einen deutlichen Fortschritt verzeichnet hingegen die Fernwärme. Erstmals liegen ihre Emissionen unter denen von Erdgas – 166 gegenüber 201 Gramm CO₂ pro Kilowattstunde. Gebäude mit Fernwärmeanschluss verursachen im Schnitt 0,9 Tonnen CO₂ pro Wohneinheit und erfüllen damit schon das Klimazwischenziel 2030.

"Die Fernwärme ist auf der Überholspur", betonte Hartmann in einer Diskussion nach Vorstellung des neuen Atlas. Doch BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae mahnte: "In vielen Städten deckt sie bis zur Hälfte des Wärmebedarfs ab, basiert aber noch auf Kohle und Gas. Die Dekarbonisierung wird ein Mammutprojekt – technisch, finanziell und logistisch."

Die zentrale Frage: Wie lassen sich steigende Preise für grüne Wärme sozial ausgleichen? "Ein heute günstiger Energieträger wird künftig teurer sein", sagte Andreae. "Das muss flankiert werden, sonst verlieren wir die Akzeptanz."

Wärmepumpen: Reif für den Bestand – aber Vertrauen fehlt

Auf der anderen Seite bleibt die Wärmepumpe das Symbol der Elektrifizierung. Laut Techem sind 50 Prozent der zentral beheizten Mehrfamilienhäuser bereits heute für Wärmepumpen geeignet, mit Heizkörpertausch sogar bis zu 90 Prozent. Mit einer Jahresarbeitszahl von 3,5 zeigen moderne Systeme solide Effizienzwerte – auch im Bestand.

"Die Wärmepumpe ist längst keine Nischentechnologie mehr", sagte Hartmann. "Sie funktioniert – wenn Planung und Betrieb stimmen."

Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht in der Technologie sogar den Schlüssel zur Dekarbonisierung. "Die Wärmepumpe hat enormes Potenzial, besonders im Bestand. Aber sie braucht politische Rückendeckung und stabile Förderung."

"Das Heizungsgesetz hat viele verunsichert", entgegnete Tanja Loitz von der gemeinnützigen Beratung CO2online. "Es war unklar, ob die Wärmepumpe im Altbau überhaupt praktikabel ist. Diese Unsicherheit hemmt Investitionen."

Streit um den richtigen Weg: Dezentral oder zentral?

Genau hier verläuft die neue Bruchlinie der Wärmewende: Elektrifizierung versus Systemlösung. Andreae vom Energieverband BDEW plädierte für Pragmatismus. "Die Wärmepumpe ist wichtig, aber in kalten Winterwochen stoßen Stromnetze schnell an ihre Grenzen. Fernwärme wird deshalb unverzichtbar bleiben."

Wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen stamme, sei das der direkteste Weg zu klimaneutraler Wärme, entgegnete Kemfert. "Fernwärme muss erst dekarbonisiert werden – und bleibt vielerorts ein Monopol."

Hinter dieser Debatte steckt ein tieferliegendes Strukturproblem: Soll die Wärmewende dezentral und prosumergetrieben erfolgen – oder zentral über Netze und kommunale Planung? Beide Wege erfordern gewaltige Investitionen, klare Regulierung und soziale Ausgleichsmechanismen. Für Energieversorger geht es auch um zentrale Veränderungen in ihren Geschäftsmodellen.

Digitalisierung: Zu wenig für die vernetzte Energiewirtschaft

Einigkeit herrscht nur in einem Punkt: ohne Digitalisierung keine Wärmewende. Durch digitale Betriebsführung konnten laut Techem 2024 rund 15,9 Millionen Euro an Betriebskosten eingespart werden. Etwa 62 Prozent der Gebäude sind bereits vollständig fernablesbar – bis 2027 verlangt die EU eine Quote von 100 Prozent.

Der Smart-Meter-Rollout im Strombereich bleibt jedoch hinter den Erwartungen zurück. "Wir liegen aktuell bei drei bis vier Prozent – das ist zu wenig für eine vernetzte Energiewirtschaft", unterstrich Hartmann.

Smart Meter seien der Schlüssel für Prosumer-Modelle, flexible Tarife und ein intelligentes Lastmanagement, bestätigte Kemfert. "Ohne digitale Transparenz bleibt die Wärmewende blind."

Digitale Systeme eröffneten neue Kommunikationswege, ergänzte Loitz. "Wenn Verbraucher monatlich Feedback zu ihrem Verbrauch erhalten, steigt das Bewusstsein – und die Bereitschaft, effizienter zu handeln."

Betrieb, Sanierung, CO₂-Preis: Die zweite Hälfte der Aufgabe

Die Techem-Daten zeigen auch: Der Betrieb entscheidet ebenfalls über Effizienz. "Falsches Heizen und Lüften verursacht bis zu 30 Prozent Energieverlust", erklärte Hartmann. "Digitales Monitoring kann hier viel bewirken."

Doch die Sanierungsquote im Bestand stagniert seit Jahren bei rund einem Prozent. Ökonomin Kemfert forderte daher klare Ausstiegsfahrpläne: "Ein Enddatum 2035 für Öl- und Gasheizungen würde Planungssicherheit schaffen."

Hartmann verwies dagegen auf die Notwendigkeit marktwirksamer Instrumente. "Ein CO₂-Preis mit sozialer Abfederung schafft Kontinuität – das ist nachhaltiger als kurzfristige Förderprogramme."

Kemfert warnt hingegen vor den Folgen. "Mit dem ETS 2 werden CO₂-Preise stark steigen." Nur mit einem Klimageld ließe sich das sozial abfedern. Zudem erkenne sie derzeit wenig politischen Willen, die Folgen des Zertifikatehandels auch hinzunehmen und "durchzustehen".

Kein Entweder-oder – aber doch eine Richtungsentscheidung

Der Techem-Atlas 2025 dokumentiert ein Land im Übergang: Der Verbrauch sinkt, Emissionen gehen zurück, und die Fernwärme wird effizienter. Doch die Weichen sind noch nicht gestellt. Wärmepumpen und Fernwärme stehen symbolisch für zwei Wege – die Elektrifizierung der Gebäude oder die Transformation der Netze. Beide sind notwendig, beide teuer, beide komplex.

Zwar waren sich die Experten grundsätzlich einig: Am Ende wird es kein Entweder-oder geben, sondern ein Sowohl-als-auch: Wärmepumpen, Fernwärme und Digitalisierung müssen zusammenspielen, damit die Wärmewende gelingt.

"Entscheidend ist nicht, ob Strom oder Fernwärme gewinnt – entscheidend ist, dass Wärme bezahlbar, sauber und verlässlich ins Haus kommt", brachte es Andreae auf den Punkt. In den Details unterschieden sich die Meinungen dann aber doch.

Während bei den übrigen Diskutanten die zentrale Rolle der Wärmepumpen feststand, machte sich die BDEW-Chefin vor allem für die Fernwärme stark. "Ich glaube eher an einen Fernwärmeanteil von 50 Prozent als einen von 20 Prozent", so die Verbandsvertreterin.

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