Wärmewende: "Es gibt keine Technologie, die überall die günstigste Lösung ist"

Welche Wärmequelle ist die richtige für die Wärmewende? Darüber wurde bei der Eon Wärmekonferenz 2025 diskutiert. (Symbolbild)
Bild: © patila/Adobestock
Von Julian Korb
Die Wärmewende ist technisch machbar – aber regulatorisch ausgebremst. Darin waren sich die Fachleute auf der Eon-Wärmekonferenz 2025 am 5. November weitgehend einig. Ob Förderstrukturen, Planungspraxis oder soziale Flankierung – Stadtwerke und Energieversorger stehen vor der Aufgabe, zwischen ökonomischer Tragfähigkeit und Klimazielen zu vermitteln.
"Wir kommen von einer Regulierung, die auf zentrale Versorgung ausgerichtet war. Wir machen uns das Leben selbst schwer, weil wir immer mehr Anforderungen stellen, die nicht sinnvoll sind", sagte Munib Amin von Eon Innovation. Forschung könne helfen, pragmatischere Wege zu finden. Auch Andreas Klesse von Eon Energy Infrastructure Solutions betonte: "Es gibt keine Technologie, die überall die günstigste Lösung ist."
Wärmenetze im Zentrum der Wärmeplanung
Ein zentrales Thema war die kommunale Wärmeplanung. Jan Peter Klatt vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) unterstrich, dass der Bund lediglich den Rahmen schaffe. "Die Wärmeplanung liefert nicht unmittelbar eine Lösung, aber sie zwingt dazu, sich vor Ort mit der eigenen Wärmewende auseinanderzusetzen." Förderprogramme wie BEW für Wärmenetze und BEG für dezentrale Lösungen zeigten bereits steigende Abrufzahlen.
Lars Grothe vom Energiebranchenverband BDEW forderte, die "Fördereffizienz" stärker in den Blick zu nehmen. "Was in der Wärmepumpenförderung nicht abgerufen wird, sollte in die Wärmenetzförderung fließen." Zudem müsse privates Kapital gezielter mobilisiert werden. Für sozial schwache Gruppen brauche es "maßgeschneiderte Programme statt Gießkannenförderung".
Auch Andree Hack von der Stadt Köln mahnte eine praxisnahe Umsetzung an. "Die Wärmeplanung ist zunächst ein strategisches, kein Umsetzungsinstrument. Wir müssen jetzt große Lösungen finden, die sich ausrollen lassen." In Köln wisse man nur bei etwa 20 Prozent der Stadt, dass ein Wärmenetz die Lösung sei.
Abwärme, Geothermie und Rechenzentren als Wärmequellen
Technologisch zeigten sich vielfältige Ansätze. Oliver Zernahle von BTB Berlin berichtete, man prüfe derzeit "jede Form von Umweltwärme", die sich mit Wärmepumpen koppeln lasse. BTB habe bereits über 50 Prozent grüne Energie im Fernwärmesystem erreicht. Alexander Vogel von Edistherm ergänzte: "Wir können Windenergie mit Fernwärme verbinden – die Herausforderung liegt in der Regulierung und der Entscheidungsfreude der Wohnungswirtschaft."
Franziska Giffey, Berliner Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, hob die Rolle Berlins als dicht besiedeltes Wärmelabor hervor: "Wir haben nicht die Flächen für Windkraft, aber wir haben Abwasser, Dachflächen und Rechenzentren." Der größte Abwasserwärmetauscher Europas entstehe derzeit in der Siemensstadt, das Berliner Abwasser habe konstant 10 bis 12 Grad – ein bislang kaum genutztes Potenzial.
Andree Hack verwies zudem auf Rechenzentren als Wärmequelle: "Wir schauen, wo wir in Köln neue Rechenzentren ansiedeln können, um deren Abwärme direkt zu nutzen." Viele Datenzentren würden heute aber noch auf der grünen Wiese geplant.
Niedrigere Vorlauftemperaturen und smarte Netze
Wie Wärme künftig verteilt wird, entscheidet laut Dirk Müller von der RWTH Aachen maßgeblich über die Wirtschaftlichkeit. "Wir können künftig nicht mehr beliebig hohe Vorlauftemperaturen in Wärmenetze geben. Wärmeübergabestationen müssen intelligenter werden." Niedrigere Systemtemperaturen könnten die Effizienz deutlich steigern – ein Schlüsselthema für Stadtwerke beim Netzausbau.
Auch Nicole Wallner von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen warnte vor Überdimensionierung. "Warum sollen wir Wärmenetze für Extremtemperaturen planen, die so gar nicht kommen?" Viele DIN-Normen basierten heute noch auf historischen Werten, der Klimawandel sei nicht einberechnet. Zudem verwies sie auf zunehmende Klimarisiken bei Bauprojekten und neue EU-Vorgaben zur Kreditvergabe. So erhielten in den Niederlanden schon heute Projekte mit zu hohem CO₂-Fußabdruck keine Baugenehmigung mehr. Das könne auch auf Deutschland zukommen.
Soziale Balance bleibt entscheidend
Neben Technik und Planung stand die soziale Dimension im Fokus. Rüdiger Lohse von der Deneff kritisierte: "Derzeit wird über die Kostenneutralität in der Regulatorik versucht, eine soziale Frage zu lösen." Wenn Wärme teurer werde, könnten "20 Prozent der Mietenden das nicht mehr zahlen". Hier brauche es gezielte Förderprogramme für betroffene Wohnungsunternehmen.
Elisabeth Gendziorra vom Immobilienverband BFW NRW ergänzte: "Bei den Vermietenden ist die Zielgruppe über 60. Wie hoch ist hier noch die Kreditfähigkeit? Wir brauchen gute Kommunikation, damit überhaupt investiert wird. Wärme wird nicht günstiger werden, nur teurer."
Finanzierung und Renditeerwartungen als Engpass
Kai Roger Lobo vom Stadtwerke-Verband VKU mahnte eine realistischere Renditebetrachtung an. "Die Renditeerwartung in der Fernwärme ist erschreckend niedrig. Die BEW-Förderung von 40 Prozent pro Projekt ist zwingend erforderlich." Internationale Investoren seien oft überrascht, wie gering die Margen im deutschen Wärmemarkt seien. Höchstens einstellig seien diese. Wichtig sei zudem, Strom- und Wärmesysteme künftig stärker zu koppeln. "Ein Fernwärmenetz mit Geothermie oder Abwärme entlastet per se das Stromnetz."
Auch die Finanzierungsseite werde zunehmend von Klimarisiken beeinflusst, wie Manuel Ehlers von der nachhaltigen Triodos-Bank erläuterte. "Wenn Gebäude nicht mehr versicherbar sind, können Banken sie auch nicht mehr refinanzieren. Das wirkt wie eine indirekte Sanktion für schlechte Energiestandards."
Wärmewende erfordert Prioritäten und Koordination
Deutlich wurde auf der Konferenz: Die Wärmewende wird lokal entschieden – durch kommunale Planung, tragfähige Geschäftsmodelle und flexible Technologien. Christoph Reißfelder von Eon brachte es auf den Punkt: "Unvermeidbare industrielle Abwärme als klimaneutrale Wärme zu definieren, war ein kluger Schachzug. Jetzt braucht es mehr Verbindlichkeit und Qualität in den Wärmeplänen."
Für Stadtwerke und Versorger heißt das: Wärmenetze, Abwärmequellen und digitale Steuerungssysteme sind zentrale Stellschrauben – doch ohne klare politische Zielrichtung und faire Förderbedingungen bleibt die Transformation auf halbem Weg stecken.

