Update am 24. September: Die Umsetzung der Wärmewende in Wunstorf kann inzwischen weitergehen. Der dafür notwendige Förderbescheid des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) liegt jetzt vor. Das haben sowohl die Geschäftsführung der Stadtwerke Wunstorf als auch Bafa bestätigt.
Von Andreas Lorenz-Meyer
Bis 2040 plant die 42.000-Einwohner-Stadt Wunstorf bei Hannover, klimaneutral zu sein. Die kommunale Wärmeplanung (KWP) ist abgeschlossen und führt drei für künftige Wärmenetze geeignete Gebiete auf: den Stadtteil Barne, die Oststadt und die Innenstadt. Auch organisatorisch ist alles in die Wege geleitet.
Zum Jahresbeginn 2026 werden die Stadtwerke Wunstorf und die Eon-Tochter Avacon Natur und der örtliche Bauverein die Wärmegesellschaft "Meerwärme" gründen, im Namen angelehnt an das nahegelegene Steinhuder Meer. Zusammen wollen sie die Versorgung auf erneuerbar umstellen. Diese basiert derzeit zu 85 bis 90 Prozent auf Erdgas, hinzu kommen Erdöl und Wärmepumpen. Ein Wärmenetz gibt es nicht, dieses muss komplett neu gebaut werden. Die Kosten für Wärmeerzeugungsanlagen und Verteilnetze liegen geschätzt bei 70 Millionen Euro.
Warten auf Bundesförderung
Solche Investitionen können die wenigsten allein stemmen, und auch in Wunstorf braucht es dafür neben Fremdkapital Fördermittel, in diesem Fall Mittel aus der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW). Und genau da hakt es. Im Januar hatte Avacon Natur, die sich um das Fördermanagement kümmert, beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) den Antrag auf Förderung einer Machbarkeitsstudie gestellt.
Heute, neun Monate später, wartet Henning Radant, Geschäftsführer der Stadtwerke, immer noch auf grünes Licht. "Wir wollen endlich loslegen, dürfen aber nicht." Würde jetzt ohne Genehmigung die Erstellung der Machbarkeitsstudie schon mal in Auftrag gegeben, wäre die Förderung dahin.
Fluss- oder Abwasserwärme?
Eine solche Machbarkeitsstudie ist dazu da, Grundlegendes zu klären: Welche erneuerbaren Wärmequellen kommen überhaupt in Frage, wo sollten die jeweiligen Erzeugungsanlagen stehen, wie viele Kilometer Netz müssen es insgesamt sein? Die Basis der ganzen Transformation ist, wenn sie einmal gestartet ist, nicht mehr rückgängig zu machen.
In Wunstorf sollen mehrere Wärmequellen geprüft werden: Flusswärme, Abwasserwärme sowie Wärme aus dem tieferen Erdreich. Vor zehn Jahren hatten die Stadtwerke schon mal eine große Tiefengeothermiestudie durchgeführt, damals für den Fliegerhorst in Wunstorf. Die errechnete Vorlauftemperatur von 60 Grad war für die Bundeswehr nicht hoch genug. "Für unsere Zwecke würde das aber durchaus reichen. Nur können wir ohne Bafa-Genehmigung nicht nach geothermischen Standorten suchen und mit den Probebohrungen beginnen."
Ähnlich sieht es bei den Quellen Flusswärme und Abwasserwärme aus. Flusswärme könnte entweder die Westaue liefern, die direkt durch die Stadt fließt, oder die Leine, die östlich an der Stadt vorbeifließt. Eine mögliche Quelle für Abwasserwärme wäre die städtische Kläranlage Wunstorf-Luthe, von der aus das gereinigte Abwasser in die Leine fließt. Hier stellt sich für Radant die Frage: "Nehmen wir das wärmere Abwasser? Oder ist es besser, die Wärme aus dem Fluss selbst zu holen, der vom Abwasser aufgewärmt worden ist? Auch hier kommen wir ohne Prüfung keinen Schritt weiter."
Auch Trinkwasserwärme denkbar
Eine weitere denkbare Wärmequelle ist Trinkwasserwärme aus den Brunnen im Trinkwasserschutzgebiet im Stadtteil Barne. Der Partner Avacon sei als Wasserversorger daran interessiert, diese Technologie zu prüfen. Dem Brunnenwasser würden dann 1 bis 2 Grad Wärme entzogen und diese mittels kaskadierter Wärmepumpentechnologie auf ein geeignetes Temperaturniveau gebracht.
Das sei aber eher noch Zukunftsmusik und rechtlich nicht ganz einfach, da es sich um eine Wärmequelle im Trinkwasserschutzgebiet handelt. Man taste sich da vorsichtig heran. "Ohne Studie lässt sich sowieso nicht klären, mit welcher Temperatur wir dann überhaupt ins Netz hineingehen wollen."
In der Zwickmühle
Der Bevölkerung ist der erzwungene Stillstand bei der Wärmewende schwer zu erklären. Bei Infoveranstaltungen wollen die Aufgeschlossenen von Radant wissen, ob die neuen Wärmenetze auch ihre Straße versorgen und wann sie denn endlich gebaut werden. Er kann darauf keine Antwort geben. Andere sind dagegen skeptisch und stellen unangenehme Fragen: "Was macht ihr, wenn ich mein Haus nicht anschließen will? Wollt ihr mich dann zwingen?"
Da befänden sich die Stadtwerke in einer Zwickmühle: Einerseits wollen sie die Bevölkerung überzeugen und mitnehmen, andererseits brauchen sie beim Aufbau neuer Wärmenetze Planungssicherheit. "Für eine solide Wirtschaftlichkeit reicht es nicht, wenn 20 Prozent der Anlieger ihr Haus anschließen und der Rest ‘nein’ sagt."
Klimaneutralität bis 2035 "unrealistisch"
Bis das Bafa sein Okay gibt, hängt Wunstorfs künftige Wärmeversorgung in der Förder-Warteschleife. "Da geht es vielen anderen ähnlich", vermutet Radant. Es sei absurd: "Wir wollen als Land möglichst schnell von den fossilen Energien wegkommen. Aber mit dem System, das wir haben, geht das nicht. Die bürokratischen Hindernisse, die wir gerade erleben, zeigen es." Radant hielte allein deswegen das Ziel der Klimaneutralität für Wunstorf zum Beispiel bis 2035 für unrealistisch.
Was ihn auch stört, ist die fehlende Kommunikation. Zum Stand der Bewilligung hätte die Behörde zwischendurch nichts übermittelt. Immerhin gab es jetzt eine erste Reaktion: Das Bafa hat ein paar Nachfragen zum Antrag geschickt. Es kommt offenbar Bewegung in die Sache. Die Fragen werden gerade beantwortet – und so hofft Radant, dass vielleicht nicht erst in ein paar Monaten, sondern schon in ein paar Wochen der herbeigesehnte Förderbescheid im Briefkasten liegt.



