Sibylle Braungardt: "Nicht alle Probleme im Gebäudesektor lassen sich durch Fördergeld lösen".

Sibylle Braungardt: "Nicht alle Probleme im Gebäudesektor lassen sich durch Fördergeld lösen".

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Wie sozialverträglich sind Klimaschutzvorgaben im Gebäudesektor? Dieser Frage geht ein Gutachten des Öko-Instituts im Auftrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen nach. Darüber hat die ZFK mit Sibylle Braungardt, Gruppenleiterin Wärmewende & Effizienz / Senior Researcher Energie & Klimaschutz beim Öko-Institut gesprochen.

Frau Braungardt, im Gebäudesektor werden die Klimaziele verfehlt – trotz bestehender Förderprogramme. Ist die bisherige Förderlogik gescheitert?

Nein, so war es nie vorgesehen. Die Förderung war immer nur ein Bestandteil eines breiteren Instrumentenmixes – und aus meiner Sicht ist das auch sinnvoll. Dem Projektionsbericht der Bundesregierung können Sie entnehmen, dass die Förderung durchaus einen großen Beitrag leistet, aber eben nicht den einzigen. Dass die Klimaschutzziele im Gebäudesektor nicht erreicht werden, kann man deshalb nicht der Förderung allein anlasten. Es wäre auch überraschend gewesen, wenn das allein über Förderprogramme gelungen wäre.

Wurden die Fördertöpfe denn überhaupt ausgeschöpft – oder gab es strukturelle Probleme?

In den vergangenen Jahren wurden die Mittel in einzelnen Programmen nicht immer vollständig ausgeschöpft. Aktuell läuft insbesondere die Heizungsförderung aber sehr gut. Grundsätzlich gilt: Nicht alle Probleme im Gebäudesektor lassen sich durch Fördergeld lösen, weil nicht alle Hemmnisse rein ökonomischer Natur sind. Gerade im vermieteten Bereich greifen andere Logiken. Deshalb ist es nicht überraschend, dass Förderung allein nicht ausreicht.

Sibylle Braungardt: "Die Förderung muss so ausgestaltet sein, dass sie auch unteren Einkommensgruppen zugutekommt."Bild: © Öko-Institut

In Ihrem Gutachten spielt die Dimension der sozialen Verträglichkeit der Maßnahmen eine zentrale Rolle. Wird sie in der Praxis noch unterschätzt?

Die Wärmewende betrifft praktisch alle Menschen, deshalb ist es zentral, Klimaschutz und soziale Aspekte zusammenzudenken. In der Vergangenheit war das weniger im Fokus, das hat sich inzwischen – auch durch Impulse aus der EU, etwa zum Thema Energiearmut – deutlich verändert. Klimaschutz kann nicht alle sozialen Probleme lösen, aber er darf sie auch nicht verschärfen. In der Vergangenheit sind Fördermittel teilweise überproportional in höhere Einkommensgruppen geflossen. Wenn wir bis 2045 Klimaneutralität erreichen wollen, müssen wir gezielt die Haushalte unterstützen, die es sich sonst nicht leisten können.

Klimaschutz und soziale Verträglichkeit stehen kurzfristig oft im Spannungsfeld. Werden beide Ziele durch politische Kompromisse nicht verwässert?

Ich sehe die stärkere Verzahnung beider Aspekte positiv. Gerade die Energiekrise hat gezeigt, wie stark steigende Energiepreise sozial wirken – etwa bei der Gaspreisbremse. Neben den Investitionen spielen auch laufende Energiekosten eine große Rolle. Dass diese Themen heute stärker gemeinsam gedacht werden, ist ein Fortschritt, auch wenn es noch Verbesserungsbedarf gibt.

Ist das das, was Sie im Gutachten "gerechte Transformation" nennen?

Im Kern geht es darum, die Klimaziele so umzusetzen, dass alle Haushalte daran teilhaben können. Die politischen Rahmenbedingungen müssen so gestaltet sein, dass niemand ausgeschlossen wird und die Transformation gemeinsam getragen werden kann.

Welches Instrument wird politisch unterschätzt – CO₂-Preis, Förderung oder Regulierung?

Ich würde kein einzelnes Instrument herausheben. Entscheidend ist die Kombination. Der Gebäudesektor ist sehr heterogen, deshalb braucht es unterschiedliche Ansätze. Ein sehr hoher CO₂-Preis allein wäre problematisch, weil er starke soziale Auswirkungen hätte. Gleichzeitig spielen Investitionszyklen eine große Rolle – etwa beim Heizungstausch. Hier greifen ordnungsrechtliche Maßnahmen wie Effizienzstandards oder Vorgaben für erneuerbare Energien. Und die Förderung muss so ausgestaltet sein, dass sie auch unteren Einkommensgruppen zugutekommt.

Braucht die Wärmewende mehr Zwang für mehr Erfolg – etwa durch strengere Effizienzstandards?

Man muss hier differenzieren. Effizienzstandards gibt es seit den 1970er-Jahren, sie sind etabliert und auch EU-weit üblich. Die öffentliche Debatte wurde stark durch die sogenannte "Heizungshammer"-Diskussion geprägt, die sehr emotional geführt wurde. Dabei gilt: Wenn ohnehin am Gebäude gearbeitet wird, ist es wirtschaftlich sinnvoll, Effizienzmaßnahmen gleich mitzudenken. Ob Maßnahmen unpopulär sind, ist eine andere Frage als ihre fachliche Sinnhaftigkeit.

Sind strengere Standards finanziell verkraftbar?

Die verpflichtenden Standards im Gebäudeenergiegesetz bestehen seit Langem und wurden zuletzt nicht grundlegend verschärft. Höhere Standards sind an zusätzliche Förderung gekoppelt. Grundsätzlich gilt: Wenn Maßnahmen ohnehin anstehen, lassen sich Effizienzverbesserungen wirtschaftlich sinnvoll integrieren. Zudem amortisieren sich die Investitionen über geringere Energiekosten – insbesondere dann, wenn sie an ohnehin anstehende Arbeiten gekoppelt werden.

Sind Themen wie Fachkräftemangel und/oder Netzausbau weiterhin ein großes Thema?

Fachkräfte waren vor einigen Jahren ein großes Thema, insbesondere bei Wärmepumpen. Der Markt hat sich hier aber weiterentwickelt. Beim Stromnetz muss man die Wärmewende im Gesamtkontext sehen – also zusammen mit Elektromobilität und Photovoltaik. In der aktuellen Entwicklung sind Wärmepumpen nicht der zentrale Treiber für Netzengpässe.

Wenn Sie priorisieren müssten: Welche Maßnahmen sollten politisch zuerst umgesetzt werden?

Die Maßnahmen sind bewusst als Kombination gedacht. Dazu gehören etwa das Verhältnis von Strom- und Gaspreisen, soziale Flankierungen und der Umgang mit dem vermieteten Bereich. Es gibt nicht das eine Instrument, das alles löst.

Wo sehen Sie derzeit politischen Handlungsbedarf – und wo wird zu viel diskutiert?

Ich halte die aktuellen Eckpunkte im Gebäudebereich für kritisch. Wichtig wäre vor allem, keine Rückschritte beim Klimaschutz zu machen. Maßnahmen sollten nur dann zurückgenommen werden, wenn klar ist, wie die dadurch entstehenden Emissionslücken geschlossen werden.

Sind solche Rückschritte zumindest ein Beitrag zur sozialen Entlastung?

Nein, das sehe ich nicht so. Das wäre auch aus sozialpolitischer Sicht ein Rückschritt.

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