Nach ergebnisstarken Jahren erwartet rund die Hälfte der Energieversorger bis 2028 einen Ergebnisrückgang, verursacht durch rückläufige Vertriebsvolumina, hohe Investitionslasten und anhaltende regulatorische Unsicherheit. Das zeigt die neunte Auflage der Strategiestudie der Unternehmensberatung Horvath & Partner. Um gegenzusteuern, stärken die Versorger margenstarke Geschäftsfelder. Die Erwartung: Quartierskonzepten, Elektromobilität sowie Nah- und Fernwärmenetzen wird viel Potenzial zugeschrieben. Die Attraktivität von Wasserstoff als Geschäftsfeld sinkt dagegen weiter.
90 Prozent der EVU bewerten das Margenpotenzial von Wasserstoff als eher oder sehr gering. Ein Jahr zuvor teilten noch 85 Prozent diese Einschätzung. Über 70 Prozent der befragten Unternehmen sehen die größten Einsatzmöglichkeiten in der Industrie, insbesondere für stoffliche und energetische Anwendungen. Auch die Nutzung im Schwerlastverkehr gilt als möglich. Für private Haushalte und Pkw hingegen wird Wasserstoff kaum eine Rolle spielen.
Entsprechend sieht auch nur ein Viertel der Unternehmen bis 2030 eine signifikante regionale Nachfrage nach Wasserstoff, während die Mehrheit erst ab 2040 mit einem breiteren Einsatz rechnet. Das wiederum spiegelt sich auch in der strategischen Planung wider: Rund 43 Prozent der Energieversorger haben überhaupt noch keine strategische Entscheidung zur Eigenerzeugung von Wasserstoff getroffen. Ein weiteres Viertel hat sich sogar explizit gegen den Einstieg entschieden. Bleibt ein knappes Drittel der Unternehmen, die sich in einem Strategieprozess für Wasserstoff befinden. Dafür werden aber in der Regel Partner gesucht. 85 Prozent der Befragten sehen dafür Joint Ventures mit Finanzinvestoren als Option.
Die Ausbauziele der Bundesregierung für Elektrolysekapazitäten gelten ohnehin als unrealistisch: Mehr als 90 Prozent erwarten bis 2030 weniger als 10 GW installierte Leistung. Auch bis 2040 rechnen die meisten Unternehmen lediglich mit einem moderaten Anstieg.
Deutlich stärker als Wasserstoff rücken Fernwärme und Großwärmepumpen ins Zentrum der Unternehmensplanung. Sie gelten als wichtigste Hebel für neue Geschäftsmodelle und Margen. Quartierslösungen und die Nutzung industrieller Abwärme ergänzen das Portfolio. Dennoch erwarten über 65 Prozent der Energieversorger, dass die politischen Ziele für die Wärmewende bis 2030 verfehlt werden. Hohe Investitionsbedarfe, unsichere Finanzierung und technologische Hemmnisse bremsen den Fortschritt.
Die strategische Antwort lautet Kooperation: Alle befragten Energieversorger sehen die Zusammenarbeit mit Kommunen und Wohnungswirtschaft als essenziell an. Gleichzeitig wird die Organisationsstruktur angepasst, um Wärmeprojekte effizienter umzusetzen. Bis 2030 soll der Anteil der Fernwärme in den Versorgungsgebieten deutlich steigen – ein Viertel der Unternehmen rechnet mit über 60 Prozent.
Wärme als Wachstumstreiber im Vertrieb
Wärme weist mit deutlichem Abstand die höchste Attraktivität im Commodity-Geschäft auf. Fernwärme und Großwärmepumpen sind für Versorger die zentralen Hebel für Margen und neue Geschäftsmodelle. Rund 60 Prozent der Befragten sehen sehr hohes oder eher hohes Margenpotenzial. Wärme entwickelt sich damit zum zentralen Wachstumstreiber im Vertrieb. Rund 40 Prozent der EVU sehen bei Strom und Wasser hohes oder sehr hohes Margenpotenzial, während Gas deutlich hinter diesen Sparten zurückbleibt. Fast 75 Prozent der Befragten bewerten Gas mit einem eher geringen oder sehr geringen Potenzial.
Im Lösungsvertrieb führen Batterieinstallations- und Servicedienstleistungen die Attraktivitäts-Rangliste an. Rund 45 Prozent der EVU bewerten sie mit einem hohen oder sehr hohe Margenpotenzial. Erstmals abgefragt wurden Home-Energy-Management(HEMS)- und Flexibilitätslösungen. Sie erreichen auf Anhieb ein ähnlich hohes Potenzial positiver Bewertungen. Wärmepumpenservices folgen mit knapp 40 Prozent mit steigender Tendenz. Energie- und Effizienzberatung sowie Fotovoltaik-Servicedienstleistungen liegen mit rund 25 Prozent deutlich darunter und verlieren an Relevanz.
Insgesamt zeigt die Studie, dass Energieversorger ihre Investitionen vor allem in Wärmenetze, Batterien und IT-Landschaften ausweiten. Gasnetze hingegen verlieren an Bedeutung: 61 Prozent der Unternehmen erwarten einen Rückbau oder die Stilllegung bis 2040. Der Weiterbetrieb mit Wasserstoffbeimischung wird zwar diskutiert, bleibt aber eine Minderheitenstrategie. An eine vollständige Umstellung auf Wasserstoff glauben nur 4 Prozent der Befragten.



