Von Ariane Mohl
Die Stadt Winterthur, nordöstlich von Zürich in der Nähe der deutschen Grenze liegend, hat sich viel vorgenommen: In einer Volksabstimmung haben die Einwohner der Stadt im November 2021 entschieden, dass die Stadt bis 2040 das Ziel "netto Null Treibhausgasemissionen" erreichen soll. Seit dem 1. September 2022 verbietet das revidierte kantonale Energiegesetz den Ersatz von Gasheizungen. Die Entscheidung, das Gasnetz in Winterthur schrittweise stillzulegen, ist auch Teil des kommunalen Energieplans der Stadt, wie Urs Buchs, Mitglied der Geschäftsleitung beim Stadtwerk Winterthur, bei einem Webinar des Umweltinstituts München erläuterte.
Der Plan sieht vor, fossile Brennstoffe konsequent durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Für das kommunale Unternehmen sei damit klargewesen, dass man nun schnell reagieren müsse – kommunikativ, aber eben auch strategisch. "Wir wollen nicht warten, bis wir keine Kunden mehr haben, sonst wird der Netzbetrieb unwirtschaftlich", sei der Leitgedanke für den Transformationsprozess.
Trennung der Fernwärme vom Gasnetz bereits 2030
Das Stadtwerk Winterthur hat für den Ausstieg aus dem Erdgas laut Buchs einen klaren Zeitplan entwickelt: Bis 2030 sollen Gebiete mit bestehender Fernwärmeversorgung vom Gasnetz getrennt werden. Bis 2033 folgen Gebiete mit Quartierwärmeverbünden sowie solche ohne geplante Wärmenetze. Bis 2040 soll schließlich die Gasversorgung auch in Gebieten eingestellt werden, in denen neue Wärmenetze entstehen sollen.
Man habe die Haushalte schriftlich über die geplanten Änderungen informiert, um ihnen genügend Zeit zu geben, alternative Heizsysteme zu planen und zu installieren. Generell gelte, dass der Versorger gar nicht früh genug mit der Kommunikation beginnen könne, so die Einschätzung aus der Schweiz. So könne man von Beginn an auf Bedenken reagieren, den Kunden Ängste nehmen und eben auch andere Heizungssysteme aktiv anbieten.
Erst wenn an einem ganzen Straßenabschnitt kein Gasbezug mehr erfolgt, nimmt das Stadtwerk die Leitung außer Betrieb, erläuterte Buchs. Bis auf weiteres wolle man die Gasleitungen im Boden liegen lassen statt das Netz zurückzubauen. Das sei auch eine wirtschaftliche Frage.
Angst vor hohen Kosten
Einige Hauseigentümer hätten sich trotz der aus Sicht von Buchs guten Kommunikation von der Entscheidung der Stadt überrascht gefühlt. Hinzu sei die Angst vor hohen Kosten gekommen, die beim Umstieg auf eine andere Technologie anfallen. Doch nicht nur die finanziellen Aspekte hätten Sorgen bereitet. In bestimmten Quartieren konnten Erdsondenheizungen aufgrund von Gewässerschutzauflagen nicht installiert werden. Der Hauseigentümerverband (HEV) Region Winterthur schaltete sich in die Debatte ein und forderte alternative Lösungen wie den Anschluss an die Fernwärme oder die Nutzung von CO₂-neutralem Biogas.
Ähnlich wie in vielen deutschen Kommunen hat auch das Stadtwerk Winterthur auf umfassende Bürgerbeteiligung gesetzt. Frühzeitig habe man Informationsveranstaltungen organisiert, auf denen Bürgerinnen und Bürger Fragen stellen und ihre Bedenken äußern konnten, berichtete Buchs. Das Stadtwerk bietet zudem individuelle Beratungen für betroffene Haushalte an. Ziel sei es, den Umstieg auf erneuerbare Heizsysteme so reibungslos wie möglich zu gestalten.
Die Stadt hilft mit
Ein Erfolgsfaktor sei auch die finanzielle Unterstützung durch die Stadt. Diese umfasst sogenannte Restwertentschädigungen für Gasheizungen und -leitungen. Die Entschädigungen belaufen sich auf 5 Prozent des Anschaffungswerts pro verbleibendem Nutzungsjahr für Heizungen und 2,5 Prozent pro Restjahr für Leitungen. Zudem wurde die Abschreibedauer für Gasinstallationen verlängert, um die Belastung für Eigentümer zu reduzieren. "Wir entschädigen nur die Werte die wir durch die frühere Netzstilllegung vernichten", mache Buchs klar.



