Ginge es nach Marco Karber, gehörten stinkende Windeln in Restmülltonnen bald der Vergangenheit an. Dann würde der Abfall zu Öl. Daraus ließe sich wiederum Strom und Wärme gewinnen. Und das nicht etwa erst auf dem Wertstoffhof, sondern zu Hause.
Zusammen mit seinen Studienfreunden Andres Sheldrick und Jonas Bonus wollte Karber, gelernter Verfahrenstechniker aus Aachen, eine Anlage bauen, der genau das gelingen sollte, und die zudem noch wirtschaftlich sein sollte. Wenn alles klappt, geht Anfang nächsten Jahres die erste Pilotanlage ihres Start-ups AES bei einem Kunststoffverarbeiter in Betrieb.
Altenheime und Hotels als Zielgruppe
Von einer Wunschvorstellung mussten sich die Erfinder allerdings vorerst verabschieden. Für einfache Haushalte rechnet sich das von ihnen entwickelte Pyrolyseverfahren nicht.
"Erst ab einer Größenordnung von 100 Kilogramm Trockenmasse pro Tag wird es interessant", sagt Karber. "Größere Einrichtungen wie Altenheime, Hotels und Restaurants sind ideal."
Mehrstufiges Verfahren
Mit der Anlage ließe sich grundsätzlich jeglicher Bio- und Kunststoffmüll verarbeiten, führt der Verfahrenstechniker aus. Bei Polyvinylchlorid werde es zwar schwieriger. Unmöglich sei aber auch das nicht.
Während des mehrstufigen Verfahrens würden die Abfälle zuerst zerkleinert, dann durch eine thermo-chemische Behandlung zersetzt. Dabei entstehen unter anderem die Gase Kohlendioxid, Kohlenmonoxid und Methan, erklärt Karber. Diese würden direkt verbrannt werden.
Asche und Pyrolyseöl als Endprodukte
Am Ende fielen Asche und ein Pyrolyseöl an. "Die Asche können wir nicht direkt verwerten", sagt der 30-Jährige. "Wir loten gerade aus, inwiefern wir sie als Zementzusätze verwenden können.Im schlimmsten Fall müsste man sie deponieren."
Das Öl dagegen könnten Kunden direkt für energetische Zwecke verwenden. Oder sie könnten es in einem dafür vorgesehenen Tank zwischenspeichern.
Hoffnung auf staatliche Förderung
"Anschließend könnten Lastwagen das Öl einsammeln und an Aufbereitungsfirmen verkaufen", erläutert Karber. "Allerdings lohnt sich bislang durch die hohen Energie- und Strombezugskosten das Einsammeln des Öls für den Kunden noch nicht."
Das Start-up hofft, dass sich das bald ändern wird. Die Politik suche in alle Richtungen nach Konzepten für erneuerbare Kreisläufe, sagt Karber. "Ich bin zuversichtlich, dass da in kommenden Jahren — etwa durch staatliche Förderungen — gute Fortschritte erzielt werden."
Start-up übernimmt Steuerung
Kunden können auch die Abwärme der Anlage zur Erwärmung von Warmwassertanks nutzen, versichert das Unternehmen. Das Öl wiederum soll noch innerhalb der Anlage verstromt werden, falls es nicht von Beginn an eingesammelt wird.
Steuern muss der Kunde die Anlage übrigens nicht selbst. Das übernimmt das Start-up.
Höchstens 3,5 Jahre Amortisierungszeit
"Wir haben von der Software bis zu den Platinen alles selbst entwickelt und auch die komplette Systemüberwachung selbst geschrieben", sagt Karber. "Deshalb werden wir die Anlage auch über das Internet selbst überwachen und im Notfall eingreifen. Der Kunde soll nur den Müll in die Anlage geben. Mit der dahinterliegenden Technik hat er nichts zu tun. Durch einen 24/7-Support und die bezahlte Vollwartung soll die Anlage möglichst ohne Ausfälle laufen können."
Noch stehe nicht fest, wie viel eine Anlage kosten würde, sagt Karber. „Wir wollen aber das günstigste Modell für 129.000 Euro auf den Markt bringen.“ Bei großen Altenheimen solle die Amortisierungszeit höchstens dreieinhalb Jahre betragen. Bei kleineren dauere es länger. Generell gelte: Je mehr Müll anfalle, desto schneller rechne sich die Anschaffung.
Kooperation mit Stadtwerken
Karber wirbt, dass Kunden mit der Erfindung seines Start-ups gleich dreifach sparen können: „Erstens kann die Abwärme der Anlage dazu genutzt werden, einen Teil des Wärmebedarfs des Kunden zu decken. Zweitens kann ein Teil der Energie bedarfsgerecht verstromt werden, um so den externen Strombezug zu reduzieren. Und drittens werden die Entsorgungskosten deutlich geringer, weil der Abfall, der in Mülltonnen landet, auf ein Mindestmaß reduziert wird.“
Das Start-up kann sich abschließend vorstellen, auch mit Kommunalversorgern zu kooperieren. "Eine Zusammenarbeit mit den Stadtwerken könnte durch lokale Energieerzeugung und durch die Bereitstellung gesicherter Leistung erfolgen", sagt Mitgründer Jonas Bonus.
Helfer bei Energiewende
"AES-Anlagen sind bereits komplett über eine IT-Infrastruktur steuerbar und lassen sich mit wenig Aufwand in virtuelle Kraftwerke einbinden. AES kann somit Kosten und Aufwände reduzieren, welche durch die Umgestaltung des Energiesystems im Zuge der Energiewende entstehen." (ab)



