Das Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE) entsteht auf dem Gelände der ehemaligen Müllverwertungsanlage Stellinger Moor im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld.

Das Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE) entsteht auf dem Gelände der ehemaligen Müllverwertungsanlage Stellinger Moor im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld.

Bild: © David Hammersen/dpa

Eigentlich sollte die neue Müllverwerung in Hamburg längst stehen. Stattdessen muss die Stadtreinigung Hamburg bei ihrem Neubau am Volkspark sowohl den Zeit- als auch den Kostenplan erneut aufschnüren. Die Umweltbehörde bestätigte der Deutschen Presse-Agentur, dass sich die Fertigstellung des Zentrums für Ressourcen und Energie (ZRE) weiter verzögert und die bisherige Kalkulation nicht mehr trägt.

Auslöser ist eine externe Projektüberprüfung, die die neue Geschäftsführung der Stadtreinigung unter der Leitung von Daniela Enslein, die seit 1. Januar im Amt ist, gleich zu Jahresanfang in Auftrag gegeben hatte. Das Ergebnis: Der freigegebene Kostenrahmen von 534 Millionen Euro kann nach derzeitiger Einschätzung nicht eingehalten werden.

Wie hoch die abermalige Steigerung ausfällt, ist noch offen. Eine genaue Schätzung sei aktuell noch Gegenstand der Prüfung und nicht abgeschlossen, hieß es aus der Umweltbehörde. Auch der ursprüngliche Terminplan ist nicht mehr zu halten; die Belastbarkeit eines neuen Terminszenarios werde derzeit verifiziert. Konkrete Zahlen zu Mehrkosten und Inbetriebnahme bleibt die Stadt also vorerst schuldig.

Vom Viertel zur halben Milliarde

Bemerkenswert ist die Kostenkurve über die Projektlaufzeit. Baubeginn war im April 2023, ursprünglich kalkuliert mit einer Fertigstellung 2025. Die erwarteten Kosten waren zwischenzeitlich von rund 450 Millionen Euro auf über eine halbe Milliarde gestiegen; in einer ganz frühen Phase war die Stadtreinigung sogar nur von etwa der Hälfte ausgegangen.

Der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Sandro Kappe, der Baufortschritt und Kostenstand per Kleiner Anfrage abgefragt hatte, zeichnet die Spanne noch schärfer: von ursprünglich rund 234 Millionen Euro zunächst auf 534 Millionen – und nun räume der Senat ein, dass selbst diese Summe nicht ausreiche. Kappe sieht Parallelen zur Kostenexplosion bei der Erweiterung der Klärschlammverbrennung Vera II von Hamburg Wasser und verlangt eine lückenlose Aufklärung.

Dass die Aufarbeitung von der neuen Geschäftsführung angestoßen wurde, ist kein Randdetail: Es deutet darauf hin, dass nach einem Führungswechsel Altlasten des Projekts systematisch offengelegt werden. Der Aufsichtsrat wurde Ende April über die Kostensteigerungen und die verzögerte Fertigstellung informiert. Die Aufsichtsratsvorsitzende, Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne), berief daraufhin eine Sondersitzung ein, um über das weitere Vorgehen zu beraten.

Baustein der Wärmewende

Für die kommunale Energiewirtschaft liegt die eigentliche Brisanz weniger im Müll als in der Wärme. Das ZRE ist als fester Bestandteil der Hamburger Wärme- und Energiewende geplant. Die Anlage soll im Winter bis zu 75 Megawatt Fernwärmeleistung bereitstellen und in den wärmeren Monaten, wenn weniger Wärme nachgefragt wird, bis zu 22 Megawatt Strom erzeugen.

Technisch geht das ZRE über eine klassische Verbrennungslinie hinaus: Vorgesehen ist auch eine Hausmüllsortieranlage, die gemischten Siedlungsabfall in einer Größenordnung von rund 145.000 Tonnen pro Jahr aufbereitet und dabei Metalle, Kunststofffraktionen und Glas zurückgewinnt, bevor der Rest energetisch verwertet wird.

Trotz der Verzögerung gibt sich der Senat bei der Dekarbonisierung gelassen. Auswirkungen auf die geplante Abschaltung des Kohle-Heizkraftwerks Wedel habe der Verzug beim ZRE nicht; am grundsätzlich eingeschlagenen Dekarbonisierungspfad der Wärmeversorgung und an der Zielerreichung 2030 ändere sich nichts:

Das in den 1960er-Jahren errichtete Kraftwerk Wedel soll nach Angaben der Hamburger Energiewerke Mitte kommenden Jahres stillgelegt und durch den noch im Bau befindlichen Energiepark Hafen abgelöst werden.

Kappe wertet die Einordnung des Senats jedoch als rhetorische Abstufung. Jahrelang sei das ZRE als wichtiger Baustein der Wärmewende dargestellt worden; jetzt, wo Probleme sichtbar würden, klinge es plötzlich nur noch nach einem ergänzenden Baustein. Mit Blick auf den Wedel-Ausstieg mahnt er Tempo und Verlässlichkeit an.

Bekanntes Muster, offene Fragen

Der Fall reiht sich in ein Muster ein, das viele kommunale Betreiber thermischer Großanlagen seit 2022 kennen: stark gestiegene Bau- und Materialkosten, komplexe Anlagentechnik mit langen Lieferketten und ambitionierte Zeitpläne, die unter realen Bedingungen reißen.

Für Hamburg kommt hinzu, dass ein Schlüsselprojekt der Wärmewende just in der Phase ins Wanken gerät, in der das Kohlekraftwerk Wedel vom Netz gehen soll. Nächster Meilenstein ist die Sondersitzung des Aufsichtsrats. Erst danach dürfte sich abzeichnen, wie groß der finanzielle Nachschlag ausfällt – und wie viel Zeit das Projekt verliert.

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