Uwe Feige ist seit Jahrzehnten in der Abfallwirtschaft tätig.

Uwe Feige ist seit Jahrzehnten in der Abfallwirtschaft tätig.

Bild: © Trenkel/Bildschön

Die Altkleidersammlung wird für kommunale Entsorger immer mehr zur finanziellen Belastung. Laut einer aktuellen Umfrage des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) ist die Weiterverwertung von Alttextilien für fast drei Viertel der befragten Betriebe kein Erlösbringer mehr, sondern ein Zuzahlgeschäft. Was läuft da schief? Ein Interview mit Uwe Feige, Chef der Kommunalservice Jena und VKU-Vizepräsident.

Herr Feige, gefühlt treffen immer mehr Wegwerfklamotten auf immer weniger Altkleidercontainer und zunehmend frustrierte kommunale Abfallentsorger. Nehmen Sie uns mal mit: Was läuft da schief?

Wir haben Produzenten vor allem aus Asien, die immer mehr minderwertige Billigware auf den deutschen Markt bringen. Wird Kleidung immer günstiger, können sich Konsumenten mehr Kleidung kaufen. Ist die Kleidung minderwertig, wird sie nicht mehr so lange getragen. Also landen immer mehr Altkleider von schlechter Qualität in Containern. Früher haben wir für Altkleider bis zu 600 Euro pro Tonne erlösen können. Jetzt müssen wir sogar draufzahlen, wenn die Ware nicht wiederverwendet werden kann und verbrannt werden muss.

Von wie viel Geld reden wir hier?

In der Gesamtkalkulation ist das ein geringer Anteil. Das bringt die Entsorgungswirtschaft wirtschaftlich nicht in Bedrängnis. Trotzdem ist es am Ende so, dass wir die Mehrkosten aus den Abfallgebühren subventionieren. Das heißt: Der Gebührenzahler finanziert Fehler, die ganz am Anfang der Produktionskette entstehen. Das ist nicht hinnehmbar.

Sie wollen Textilhersteller an den Kosten beteiligen. Wäre es nicht sinnvoller, kommunale Entsorger ihrer Aufgabe zu entbinden und ein neues duales System nach dem Vorbild gebrauchter Verkaufsverpackungen einzurichten?

Nein. Nur Kommunen können sicherstellen, dass Alttextilien tatsächlich im Kreislauf bleiben, hochwertig sortiert werden und Wiederverwendung Vorrang hat. Das System an sich ist richtig. Es ist nur wirtschaftlich massiv unter Druck, solange sich die Verursacher der Textilschwemme nicht an den Kosten beteiligen.

Wir hatten Schlimmes befürchtet und wurden positiv überrascht.

Auch Bundesumweltminister Carsten Schneider will weiter auf kommunale Entsorger setzen. Gleichzeitig soll die Textilindustrie für die flächendeckende Sammlung und eine sinnvolle Verwertung bezahlen. Sind Sie zufrieden?

Wir hatten Schlimmes befürchtet und wurden positiv überrascht. Dem Ministerium ist es in den Eckpunkten schon sehr gut gelungen, die Welten der Textilhersteller, -verwerter und -entsorger zusammenzuführen. Es sind aber noch einige Fragen offen.

Zum Beispiel?

Uns wird zugesichert, dass Textilhersteller Sammelkosten übernehmen. Die genaue Ausgestaltung kennen wir aber noch nicht. Wir setzen uns für eine mindestens kostendeckende Lösung ein. Die Textilindustrie wird dagegen darauf drängen, so wenig wie möglich zu zahlen. Die Frage ist: Wie wird das Ministerium diese beiden Interessen fair und kontrollierbar zusammenbringen? Hier müssen wir noch abwarten.

Für ein funktionierendes System dürfte auch die Zahl der Container entscheidend sein. Was wünschen Sie sich hier?

Aktuell kommen im Schnitt bundesweit 1000 Einwohner auf einen Altkleidercontainer. In Jena sind wir bei einem Verhältnis von exakt 1 zu 721. Bis zum nächsten Container sind es im Jenaer Stadtkern maximal 350 Meter und in den Randgebieten bis zu 500 Meter. Die Frage ist nun: Können wir diesen Standard im neuen System ohne Zusatzkosten für unsere Abfallgebührenzahler aufrechterhalten? Das ist unser Ziel.

Die deutsche Textilindustrie hat die Eckpunkte des Umweltministers kritisiert. Sie fürchtet, dass das eigentliche Problem – Billigimporte aus Asien – dadurch nicht behoben werde. Hat sie einen Punkt?

Die Kollegen haben nicht Unrecht. Mich stört an der Diskussion, dass wir viel über Finanzströme, Zuständigkeiten und Erstzugriffe reden. Bislang habe ich keinen wirklich guten Vorschlag gehört, wie wir die Kernprobleme lösen: Ich meine damit nicht nur Billigimporte aus Asien, sondern auch den nachhaltigen Wiedereinsatz von Altkleidern.

Das müssen Sie erklären.

Nirgendwo in der Abfallwirtschaft wird noch so oldschool gearbeitet wie in der Textilentsorgung. Wegen der steigenden Qualitätsansprüche – Stichwort trocken und sauber – haben wir Altkleidung zunehmend in Containern gesammelt. Die Container werden heute noch händisch entleert. Nach einer gewissen Vorsortierung gehen die Materialien dann aber komplett in den Export. Ich kann mich gut erinnern, welche Diskussionen wir bei Kunststoffabfällen hatten. Es könne nicht sein, dass diese containerweise in Asien landen, hieß es. Bei den Textilien gibt es deutlich weniger Entrüstung. Dabei ist das Oldschool-Geschäftsmodell erkennbar ans Ende gekommen.

Ich persönlich bin Trigema-Kunde, aber damit wahrscheinlich ein Exot.

Inwiefern?

Aktuell wird gerade einmal ein Prozent der Textilfasern recycelt. Außerdem werden kaum noch Textilien in Deutschland produziert. Wer kauft schon noch groß Kleidung, die in Deutschland hergestellt wurde? Ich persönlich bin Trigema-Kunde, aber damit wahrscheinlich ein Exot.

Auch hier will Minister Schneider umsteuern.

Ich begrüße ausdrücklich, dass das Umweltministerium eine verbindliche Ökomodulation einführen will, also umweltfreundliche Produkte im Rahmen der Herstellerverantwortung belohnen und minderwertige Billigware verteuern will. Es bleibt aber dabei: Wir stehen vor einer Riesenherausforderung, weil es eigentlich überall Baustellen gibt.

Jetzt muss nicht jede Altkleidung zu neuer Kleidung werden. Auch Putzlappen braucht der Mensch.

Das mag sein. Was aber auch stimmt: So viele Putzlappen und Dämmwolle, wie wir aus den gesammelten Alttextilien machen könnten, braucht kein Mensch.

Das Eckpunktepapier ist also am Ende zu wenig und kommt zu spät.

Nein, das ist nicht mein Fazit. Man muss an einer Stelle anfangen. Es ist gut, Textilhersteller gedanklich in die gesamte Wiederverwertungskette einzubinden, wenn auch zunächst nur finanziell. Dass das Umweltministerium nicht alle Probleme auf einen Schlag lösen kann, leuchtet jedem ein.

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