RWE-Chef Markus Krebber hat sich bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen klar für einen zentralen Kapazitätsmechanismus ausgesprochen. Dieses Modell lasse sich, "wenn es einfach designed ist", am besten umsetzen, um den erforderlichen Neubau an Back-up-Kapazität anzureizen. Das ebenfalls diskutierte Hybridmodell erscheine ihm dafür zu kompliziert zu sein. Dieses wird aktuell im Rahmen der Entwürfe für die eine künftige Kraftwerksstrategie vom Bundeswirtschaftsministerium und vom VKU favorisiert.
Ziel müsse es sein, mit Blick auf die sich abzeichnende Lücke durch den beschlossenen Kohleausstieg so schnell wie möglich den Neubau von wasserstofffähigen Gaskraftwerken anzureizen, so der Energiemanager. Gleichzeitig müsse die Umsetzung "so günstig wie möglich erfolgen, weil diese Kraftwerke kaum laufen werden".
Der Energiekonzern erneuerte seine Zusicherung, sich an den geplanten Ausschreibungen für neue, wasserstofffähige Gaskraftwerke zu beteiligen. "Voraussetzung ist, dass wir vernünftige Ausschreibungsbedingungen bekommen, bis dahin warten wir ab", bekräftigte Krebber.
"Einzelne Onshore-Projekte schaffen wir unter einem Jahr"
Der Energiepolitik der Bundesregierung stellte Krebber ein durchwachsenes Zeugnis aus. Zwar habe man auch in vielen Bereichen durchaus Rückenwind für die eigene Strategie erhalten.
Beispielhaft stehe hier die deutliche Beschleunigung von Genehmigungsverfahren. "Einzelne Onshore-Projekte schaffen wir inzwischen sogar unter einem Jahr", so der Vorstandsvorsitzende. Auch das Papier für das Strommarktdesign enthalte viele gute Ansätze und lenke die Diskussion in die richtige Richtung. An vielen Stellen gehe es darum, Klimaschutz und ökonomische Effizienz stärker zusammen zu denken.
Kritik an Nein der Bundesregierung zum Tennet-Deal
Unterm Strich würden aber viele drängende Themen zwar angestoßen, dann aber nicht konsequent umgesetzt. Der Gesetzentwurf für den Bau von wasserstofffähigen Gaskraftwerken sei da nur ein besonders plakatives Beispiel – er liege immer noch nicht vor.
Auch die monatelangen Überlegungen, das deutsche Netz des Übertragungsnetzbetreibers Tennet zu übernehmen und dann wieder ad acta zu legen, ließen mögliche Investoren in die deutsche Energieinfrastruktur fragend und zögernd zurück. "Es muss gelingen, dieses umzukehren, damit wir für die massiven Investitionen schnell Klarheit haben und nicht noch mehr Zeit verlieren", appellierte Krebber.
"Mehr Tempo beim Ausbau der Wasserstoffindustrie"
Kritik äußerte er auch an dem schleppenden Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft. Anfang Juni habe das Unternehmen in Deutschland nach langem Warten die Förderzusagen von Bund und Ländern für seine deutschen Großprojekte erhalten.
"Nach der Projektentwicklung hat die Förderzusage mehr als drei Jahre Zeit, mehr als 1000 Seiten Papier und enormen Aufwand für die Beantwortung von Detailfragen in Anspruch genommen. Dieses Schneckentempo können wir uns beim Aufbau der Wasserstoffwirtschaft eigentlich nicht leisten", verdeutlichte er.
"Mehr als die Hälfte der Gewinnprognose bereits erreicht"
Unterm Strich fiel das Ergebnis des Energiekonzerns im ersten Halbjahr deutlich besser aus als ursprünglich angenommen. Das Unternehmen hat zwar deutlich weniger verdient als im Vorjahreszeitraum.
Das bereinigte Ebitda (bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) für die ersten sechs Monate lag bei 2,9 Mrd. Euro (Vorjahreszeitraum: 4,1 Mrd.), das bereinigtes Nettoergebnis bei 1,4 Mrd. Euro (Vorjahreszeitraum: 2,4 Mrd.).
Normalisierung im Energiemarkt sorgt für Ergebnisrückgang
Der RWE-Chef sprach aber von einem guten Ergebnis. "Mehr als die Hälfte der diesjährigen Gewinnprognose haben wir bereits erreicht". Man sei auf einem guten Weg, das angestrebte Ergebnisziel zu erreichen. Der Ergebnisrückgang sei aufgrund der Marktentwicklungen zu erwarten gewesen. "Der europäische Energiemarkt hat sich im ersten Halbjahr weiter normalisiert. Die Großhandelspreise für Strom befinden sich nominal auf dem Niveau von 2021", stellte er klar. Entsprechend deutlich fielen die Ergebnisrückgänge in den Sparten flexible Erzeugung und Energiehandel aus.
Ein wesentlicher Ergebnistreiber im ersten Halbjahr war hingegen der Bereich erneuerbare Energien. Hier profitierte das Unternehmen von teils sehr günstigen Windbedingungen im Offshorebereich und dem Zubau weiterer Anlagen. 45 Prozent der erzeugten Strommenge des Unternehmens im ersten Halbjahr stammte aus Erneuerbaren. Das ist ein neuer Höchstwert für RWE.
Hohes Investitionsniveau, Jahresprognose bestätigt
Kräftig gestiegen ist auch das Investitionsniveau. 4,5 Milliarden Euro flossen in den weiteren Ausbau des Portoflios, mehr als die Hälfte davon in neue Offshore-Wind-Projektes (mehr zur Entwicklung des Erneuerbarenportfolios von RWE und zum weltweiten Strombedarf finden Sie hier).
Der Großteil der Investitionen werde aus dem starken operativen Cashflow erzielt. Daneben setze man vor allem auf grüne Anleihen und grüne Kredite, führte Finanzchef Michael Müller aus. Das Wachstum erfolge auf der Basis einer soliden Bilanzstruktur. Die Eigenkapitalquote konnte im ersten Halbjahr um vier Prozentpunkte auf 35 Prozent gesteigert werden.
An der Ergebnisprognose hält das Unternehmen fest und geht unverändert von einem bereinigten Ebitda in Höhe von 5,2 bis 5,8 Mrd. Euro und einem bereinigten Nettoergebnis in Höhe von 1,9 bis 2,4 Mrd. Euro für das Gesamtjahr aus. Bestätigt wurden ebenfalls die Dividendenziele von 1,10 Euro je Aktie fürs laufende Geschäftsjahr.
Aktie gibt deutlich nach
Die Aktien von RWE haben am Mittwochnachmittag während der Telefonkonferenz zu den Halbjahreszahlen ihre Verluste ausgeweitet. Zuletzt betrug das Minus gut vier Prozent bei 30,98 Euro. Damit lagen sie zeitweilig gestern auf dem letzten Platz im Deutschen Aktienindex (DAX). Analysten waren am Morgen mit dem Abschneiden des Energiekonzerns in der ersten Jahreshälfte sehr zufrieden, monierten aber, dass RWE den Ausblick nicht angehoben habe - gerade weil sich der Konzern besser geschlagen habe als erwartet. Der Ausblick sei konservativ, so ein Börsianer.
Aus dem Handel hieß es am Nachmittag, RWE habe in der Telefonkonferenz konkretere Aussagen vermissen lassen, was Pläne für mögliche Investitionspläne und auch die Kapitalverteilung angehe. RBC-Analyst Alexander Wheeler hatte am Morgen noch darauf gehofft, dass RWE zur Kapitalallokation Details nennen würde.
Gerüchte über Beteiligung an US-Stromerzeuger
Die Diskussion findet vor dem Hintergrund jüngster Berichte über eine mögliche Beteiligung von RWE am US-Stromerzeuger Calpine statt. Ein solcher Einstieg bei dem Betreiber von Gaskraftwerken könnte nach Lesart einiger Anleger der grünen Strategie von RWE widersprechen. Konzernchef Markus Krebber verwies nur darauf, dass RWE in den USA kein "integriertes System" habe, welches die flexible Stromerzeugung abdecke. Nichts passiere aber "über Nacht", so der Manager. (dpa/hoe)
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