In der Minderheit: Jugendliche beim Start in die Ausbildung

In der Minderheit: Jugendliche beim Start in die Ausbildung

Bild: © industrieblick/AdobeStock

Der Ausbildungssektor erholt sich nur langsam von dem Schock der Pandemie, den fehlenden Praktika und der eingeschlafenen Beratung. Die Zeit hat Lücken in das typisch deutsche System der dualen Ausbildung in Betrieb und Berufsschule gerissen. Im Jahr 2019 wurden noch mehr als 500.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen - acht Prozent mehr als aktuell im Jahr 2022. Eine schnelle Rückkehr auf das Vorkrisenniveau erscheint unrealistisch.

Allerdings hatte die klassische Berufsausbildung schon vor der Krise an Beliebtheit verloren. Ein historischer Tiefstand ist erreicht:  Ende des letzten Jahres befanden sich nur noch 1,22 Mio. Personen in einer dualen Berufsausbildung. Das sind drei Prozent weniger als im Vorjahr.

Das laufende Jahr ist noch in Bewegung

Viele Jugendliche sind noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz - wichtige Branchen wie Handel oder Handwerk hoffen auf Spätentschlossene. Bis weit in den Herbst hinein würden in der Regel noch Ausbildungsverträge abgeschlossen, wie es der Handelsverband Deutschland betont. Dieser verweist auf zehntausende offene Stellen und duale Studiengänge bei seinen Mitgliedsunternehmen. Bislang ist die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber im Vergleich zum Vorjahr nahezu unverändert, während die Unternehmen auf der Suche nach Fachkräften wieder mehr Ausbildungsstellen ausgeschrieben haben. So kommen nach den bisherigen Juli-Zahlen auf 100 freie Stellen nur noch 77 Bewerberinnen und Bewerber.

Handwerks-Präsident Jörg Dittrich

Erholung geht zu schleppend voran

Elke Hannack, Vizevorsitzende beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), geht die Erholung bis zum Vor-Corona-Niveau nicht schnell genug: „Beim aktuellen Tempo bräuchten wir dafür noch mehr als zehn Jahre. So lange können wir im Interesse von jungen Menschen und im Kampf gegen den Fachkräftemangel nicht warten.“ Hannack sieht die Betriebe in der Pflicht, die Bedingungen attraktiver zu machen. Gute Beispiele gebe es viele wie Vier-Tage-Wochen, Verzicht auf Nachtarbeit, Auslandsmobilität oder Hilfe bei der Wohnungssuche.

Der Weg in die Ausbildung sei für junge Menschen nicht mehr zwingend, beschreibt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Situation: Während mehr als 55 Prozent eines Jahrgangs zunächst ein Studium aufnähmen, gebe es auf der anderen Seite eine wachsende Gruppe, die ohne Schulabschluss oder Ausbildung auf den Arbeitsmarkt dränge. In vielen Helferberufen lockten die Unternehmen mit überdurchschnittlich gestiegenen Löhnen und suchten Arbeitskräfte. Allerdings sei hier das Risiko schneller Arbeitslosigkeit deutlich erhöht.

Geeignete Strukturen und mehr Wertschätzung sind gefragt

2,6 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsabschluss gibt es in Deutschland bereits und gleichzeitig einen Fachkräftemangel an nahezu jeder Ecke. Allein für die Klimawende in den Heizungskellern fehlen nach Einschätzung des Handwerks rund 600 000 Monteure. Eine «Bildungswende» hin zu mehr Wertschätzung von beruflicher Bildung und berufspraktischer Arbeit verlangt daher Handwerks-Präsident Jörg Dittrich. Er sagt: „Die Auszubildenden von heute sind die (Klima-)Fachkräfte von morgen – und wer eine Ausbildung im Handwerk startet, bekommt die Chance, nicht nur an der eigenen Zukunft, sondern der des Landes zu schrauben!“

IAB-Forscher Weber rät zu einer verbesserten und passgenauen Berufsberatung für jeden einzelnen. Dabei müssten dualer und akademischer Bildungsweg auf gleicher Augenhöhe behandelt werden, da der Bedarf in beiden Bereichen steigen werde. DGB-Vize Hannack verlangt eine Reform der Berufsorientierung in den Schulen und fordert: „Die Länder müssen endlich für einen funktionierenden Datenaustausch zwischen Schulen und Arbeitsagenturen sorgen, damit niemand am Übergang verloren geht.“

Die Chancen, übernommen zu werden, standen nie besser

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nennt noch ein weiteres Argument für eine Ausbildung: Nach einem Pandemie-Knick ist 2022 die Übernahmequote wieder auf den Rekordwert von 77 Prozent gestiegen. Mit Sorge betrachten die Nürnberger Experten, dass die Zahl der ausbildungsberechtigten Betriebe seit Jahren zurückgeht. Vor allem kleine Unternehmen verabschieden sich von der Idee, selbst etwas gegen die Fachkräfte-Misere tun zu können. Nur noch gut jeder fünfte Betrieb (22 Prozent) bildet überhaupt aus. (dpa/bs)

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