Pragmatismus ist gefragt bei knappen Ressourcen. Die kommunale Wärmeplanung wird nicht mehr nur als neue Aufgabe gesehen, sondern zunehmend als Chance.

Pragmatismus ist gefragt bei knappen Ressourcen. Die kommunale Wärmeplanung wird nicht mehr nur als neue Aufgabe gesehen, sondern zunehmend als Chance.

Bild: @ AdobeStock/Gerd

Von Midjana Mujkanovic

Kommunale Wärmeplanung in der Praxis: Matthias Neumeier von der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW) und Jördes Wüsterman, Klimamanagerin der Stadt Flensburg, berichten, wie Projekte trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen mit einem gemeinsamen Ziel gelingen. Entscheidend sind dabei Priorisierung, Kooperation und Fachwissen, die die Wärmewende voranbringen.

Wärmewende als Chance

Wenn es um die kommunale Wärmeplanung geht, unterscheiden sich die Voraussetzungen in den Kommunen oft grundlegend. Größe, personelle Ressourcen und politische Zielsetzungen variieren stark und beeinflussen, wie ambitioniert oder zögerlich Kommunen an das Thema herangehen.

"Die kommunale Wärmeplanung wird nicht mehr nur als neue Aufgabe gesehen, sondern zunehmend als Chance", sagt Matthias Neumeier. Der Leiter des Fachbereichs Wärmewende der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW) und sein Team beraten Kommunen in Baden-Württemberg, bieten Leitfäden sowie Toolkits und unterstützen in Netzwerken zusammen mit den regionalen Energieagenturen und Beratungsstellen.

In Flensburg liegt der Fokus bereits auf der Umsetzung. 2022 beschloss die Kommunalpolitik die Erstellung eines kommunalen Wärmeplans. "Wir konnten auf einer guten Ausgangslage aufbauen: Die Stadtwerke betreiben ein Fernwärmenetz mit einer Anschlussquote von über 95 Prozent", erklärt Jördes Wüsterman, Klimamanagerin der Stadt Flensburg. Die Stadtverwaltung und die Stadtwerke arbeiten eng zusammen: "Wir haben eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, die Aufgaben, Schnittstellen und Kostenbeteiligungen klar regelte."

Priorisierung ist wichtig

Im Ergebnis liegen nun zwei komplementäre Planwerke vor: der kommunale Wärmeplan der Stadt und der Transformationsplan der Stadtwerke Flensburg, die gemeinsam den Weg zur CO2-Neutralität bis 2035 skizzieren. Die Stadtwerke übernahmen die Federführung für den technischen Teil, die Stadt führte den Gesamtprozess. Externe Dienstleister wurden punktuell eingebunden, etwa für Potenzialanalysen und Szenarienentwicklung. Wichtig war dabei, dass Fachwissen im Fokus stand und die kommunalen Ziele klar im Zentrum blieben.

Laut Neumeier gehen einige Kommunen in Baden-Württemberg mit Engagement vor, andere tun sich hingegen schwer. "Die Gründe reichen von knappen Personalressourcen über fehlendes Know-how bis zu allgemeinen Vorbehalten gegenüber neuen Aufgaben", erklärt er. Besonders kleinere Kommunen hätten es schwer, weil dort eher Generalisten statt Fachspezialisten arbeiten. "Trotzdem sehen wir: Auch mit kleinen Schritten kann man anfangen. Priorisierung statt Perfektion lautet die Devise."

Matthias Neumeier, Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW)

Politik als Partner

Ein weiterer Aspekt, der in der Beratungspraxis der KEA-BW immer wieder auftaucht, ist die politische Rückendeckung. "Ohne den Rückhalt durch Gemeinderat oder Verwaltungsspitze bleibt vieles stecken", so Neumeier. Gerade in kleineren Kommunen sei es wichtig, dass politische Entscheider:innen frühzeitig eingebunden werden, um Akzeptanz und Verbindlichkeit zu schaffen. Schulungsangebote für Ratsmitglieder oder gemeinsame Auftaktveranstaltungen hätten sich hier als hilfreich erwiesen. 

Die Zusammenarbeit mit Stadtwerken spielt überall eine zentrale Rolle – wenn auch unterschiedlich ausgeprägt. In Flensburg als 100-prozentige Tochter der Stadt war das Stadtwerk eng eingebunden. Doch Neumeier betont: "Nur rund ein Viertel der Kommunen haben ein eigenes Stadtwerk im klassischen Sinne. Wichtig ist nicht, wer die Planung erstellt, sondern dass alle Beteiligten ihre Rolle kennen und ernst nehmen."

Typischerweise übernehmen Kommunen Projektkoordination, Terminabstimmung und Beschlussfassungen; externe Dienstleister liefern die fachliche Zuarbeit. Ein Erfolgsfaktor sei eine klare Aufgabenteilung und gegenseitiges Verständnis: "Es geht darum, das kommunale Projektmanagement mit externer Fachkompetenz zu verzahnen und die Bürger:innen dabei mitzunehmen."

Strukturelle Schwächen abfedern

Die größten Herausforderungen? Für Flensburg war es der Umgang mit Unsicherheiten in der Szenarienentwicklung – etwa beim Thema Wasserstoff. Diese wurden mit "Wenn-Dann-Beziehungen" abgefedert.

Eine weitere Schwierigkeit war es, die Schnittstellen zur Stadtplanung und Bauleitplanung frühzeitig mitzudenken, da die Wärmeplanung dort konkrete Auswirkungen entfalten wird. Oft sind Schwächen auch strukturell bedingt: "Fehlende GIS-Systeme oder deren Anwender, befristete Stellen, mangelnde Erfahrung oder hohe Fluktuation machen es vielen Kommunen schwer." 

Was also raten die Praktiker den Kommunen, die noch am Anfang stehen? "Nicht zögern. Jetzt beginnen und eigene Handlungsfelder identifizieren", sagt Neumeier. Und: "Die Öffentlichkeit als Chance begreifen, denn die Wärmewende gelingt nur mit den Menschen vor Ort." Die Wärmewende sollte nicht als technisches Verwaltungsprojekt, sondern als gemeinschaftliche Zukunftsaufgabe begriffen werden.

Midjana Mujkanovic ist bei Modul3 tätig, einer Agentur für strategische Beratung. Die ZfK arbeitet seit November 2019 langfristig redaktionell mit Modul3 zusammen. Die Dortmunder entwickeln Marken und Strategien für Stadtwerke und Kommunen. Dazu gehören strategische Planung, Content Marketing und Umsetzung.

Der Beitrag ist zuvor in der September-Ausgabe der ZfK erschienen. Zum Abo geht es hier.

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