Karriere

„Mit Job Crafting erhöhe ich meinen ‚Marktwert‘“

Job Crafting gilt als nützliches Managementinstrument, um die Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden zu fördern. Das Konzept eignet sich auch für kommunale Unternehmen. Fragen an Coach und Buchautor Christian Thiele.
04.07.2024

Wo bringen Beschäftigte ihre Stärken im Betrieb am erfolgreichsten ein?

Ursprünglich stammt der Begriff Job Crafting aus der Positiven Psychologie und beschreibt die aktive physische, kognitive oder soziale Umgestaltung des Arbeitsplatzes durch die Mitarbeitenden selbst. Der Grundgedanke ist, dass es immer möglich sein sollte, selbstständig kleine Anpassungen an der Arbeit vorzunehmen, um sie den persönlichen Werten, Wünschen, Bedürfnissen, Interessen und Fähigkeiten anzupassen.

Es hat sich gezeigt, dass Menschen, die ihre Arbeit selbst gestalten können, in der Regel zufriedener und gesünder sind – das belegen Untersuchungen schon seit Langem und wurde nun auch in der aktuellen Studie "Social health @work" der Barmer Versicherung und der Universität St. Gallen bestätigt. 

Eigenengagement zahlt sich aus 

Mitarbeitende, die viel Job Crafting betreiben, schätzen laut der Studie ihre Gesundheit elf Prozent höher ein als ihre Kolleg:innen, die das wenig nutzen. Dieser Effekt wird noch verstärkt, wenn die Führungskraft über gute virtuelle Führungskompetenzen verfügt – heutzutage ein wichtiges Kriterium.

Höhere Arbeitszufriedenheit, größeres Arbeitsengagement und bessere Arbeitsleistung, niedrigere Stresslevel und dadurch weniger Ausfalltage und ein geringeres Risiko für Erkrankungen wie Burnout sind demnach positive Effekte, von denen Führungskräfte und Unternehmen profitieren können, wenn sie Job Crafting ermöglichen. 

Über die positiven Wirkungen sprachen wir mit Christian Thiele, Buchautor von „Job Crafting – erfüllter und erfolgreicher arbeiten".

Herr Thiele, die Ergebnisse der Studie überraschen Sie nicht?

Bei Job Crafting geht es immer auch um das Entdecken und Nutzen von Spiel- und Freiräumen. Und Autonomie ist ein starkes Grundbedürfnis, von daher überraschen mich diese Ergebnisse nicht. Zumal sich leicht verstehen lässt, dass Menschen, die ihre Arbeit durch Job Crafting mit mehr Sinn, Stärkenbewusstsein und positiven Emotionen erleben, damit auch ihre geistige und körperliche Gesundheit stärken. 

Davon profitieren dann sowohl Mitarbeitende als auch die Unternehmen?

Als Teammitglied kann ich meine Stärken, meine Präferenzen, meine Identität meist mehr einbringen, wenn ich Job Crafting betreibe. Ich habe daher in der Regel mehr Freude an der Arbeit, bin leistungsfähiger, habe vielleicht auch ein höheres soziales Standing im Betrieb und steigere meinen „Marktwert".

Organisationen können von Job Crafting profitieren, indem die Mitarbeitenden produktiver und engagierter arbeiten, loyaler gegenüber der Führungskraft und der Organisation sind und die Organisation für zukünftige potenzielle Bewerber:innen attraktiver wird, wenn sich Job Crafting nach außen herumspricht.

Welche Rolle spielt der Fachkräftemangel?

Ich gehe davon aus, dass sich der Fachkräftemangel auf allen Ebenen, in allen Branchen, in allen Regionen verschärfen dürfte. Dem kann entgegengewirkt werden, indem die Beschäftigten verstärkt dort eingesetzt werden, wo sie besonders gut und gerne arbeiten. 

An dieser Stelle höre ich von Unternehmen immer wieder, dass Job Crafting doch eher etwas für Start-ups sei, die über die nötige Flexibilität verfügen. Nein, jeder hat die Möglichkeit, seinem Team mehr Freiraum zu geben. Es gibt Nischen, auch wenn das Aufgabenspektrum durch viele Vorgaben – das gilt sicher auch für kommunale Unternehmen mit Versorgungsauftrag – vorgegeben scheint.

Wie ist Job Crafting denn mittlerweile in den Unternehmen verankert?

Aus meiner Sicht zu wenig. Auf Managementveranstaltungen ist der Begriff oft wenig oder gar nicht bekannt. Aber: Unternehmen machen mehr Job Crafting, als es ihnen bewusst ist. Die Mitarbeiter:innen entscheiden oft selbst, wann sie ins Büro kommen, sie teilen sich die Tage nach ihren Bedürfnissen ein und wann und wo sie den wichtigen Austausch mit Kolleg:innen nutzen. Auch das ist Job Crafting.

Hat sich Job Crafting seit der Pandemie verändert?

Auf mehreren Ebenen: Zunächst einmal haben die Unternehmen gesehen, wie schnell sich Kommunikation und Zusammenarbeit verändern lassen – wenn es nötig ist. Selbst starre Verwaltungsapparate wurden plötzlich zu hybriden Arbeitsplätzen.

Zweitens haben die Beschäftigten das Gefühl, von einer Krise in die nächste zu taumeln: Lockdown, Inflation, Krieg. Die Unternehmen sehen es zunehmend als ihre Pflicht an, sich um das Wohlergehen ihrer Mitarbeitenden zu kümmern. Und drittens hat der auch daraus resultierende Fachkräftemangel dazu geführt, dass Beschäftigte Dinge wie freie Arbeitseinteilung viel selbstverständlicher einfordern. All das gibt Job Crafting aus meiner Sicht und Erfahrung Rückenwind.

Bei aller Euphorie weisen Sie auch immer wieder auf die Bedenken gegen Job Crafting hin.

Richtig. Bei Menschen, die sehr in ihrer Tätigkeit aufgehen und denen die Abgrenzung zwischen Arbeit und Nichtarbeit schwerfällt, könnte Job Crafting zu zusätzlicher Überbelastung und gegebenenfalls auch familiären Konflikten führen – mit entsprechenden Gesundheitsfolgen. Da steht die Forschung noch am Anfang.

Viele Führungskräfte hegen nach meiner Erfahrung aus verschiedenen Gründen Skepsis gegenüber dem Ansatz. Ich höre da häufig Fragen wie: Muss ich meinen Mitarbeitenden denn von früh bis spät die Möglichkeit von Job Crafting bieten? Lernen die überhaupt noch dazu, wenn sie permanent in der Komfortzone sind? Und was wird aus den Tätigkeiten, die sich weniger gut craften lassen – wie soll ein Gabelstaplerfahrer seinen Job groß craften?

Die Bedenken sind aus meiner Sicht nicht völlig von der Hand zu weisen. Aber es bräuchte mehr Erfahrung, Wissen und Austausch über Job Crafting.

Was raten Sie Führungskräften konkret? Sie wollen ja vor allem die positiven Aspekte des Job Crafting fördern

Das Wichtigste ist der Dialog mit wirklich allen Teammitgliedern. Fragen zu formulieren: Welche Tätigkeit erfüllt, aber auch: Was kostet besonders viel Energie? Manchmal ist es genau das, was mir leicht fällt, was mein Kollege als besonders nervig empfindet. Und andersherum.

Außerdem ist es wichtig, als Chef Wissen über Job Crafting zu teilen. Dazu kann man Referent:innen einladen, Podcasts teilen oder ehrliche Podiumsdiskussionen zum Thema führen.

Und ganz wichtig: Job Crafting vorleben. Manche Themen werden von anderen Abteilungsleiter:innen vielleicht einfach besser erledigt als von mir. Dann kann ich dafür dem Unternehmen an anderer Stelle einen guten Dienst erweisen. (hp)

(Das Interview führte Boris Schlizio)