Das Netzwerk Conpadres hat sich zur Aufgabe gemacht, Väter in ihrer Rolle und Unternehmen dabei zu unterstützen, neue Vereinbarkeits- und Elternzeitmodelle zu entwickeln. Mittlerweile unterstützt das Väternetzwerk rund 30 Mitgliedsunternehmen, darunter auch Stadtwerke.
Die Bedürfnisse und Herausforderungen für Mütter und Väter unterscheiden sich immer noch stark: Mütter arbeiten oft unter ihren Möglichkeiten – hohe Teilzeitquoten, begrenzte Karriereoptionen, ungleiche Verteilung der Care-Arbeit – oder fühlten sich in der Doppelrolle stärker belastet. Demgegenüber wollen sich Väter stärker in die Familie einbringen – doch es fehle häufig an Ermutigung, passenden Rahmenbedingungen und psychologischer Sicherheit.
Im Interview erklärt Nicole Beste-Fopma, Expertin und Gründerin des Bundesverbands Vereinbarkeit, warum Stadtwerke bei der Integration von Vätern ein Vorbild sind.

Frau Beste-Fopma, wo hakt es Ihrer Erfahrung nach noch bei der Vereinbarkeit?
Leider hakt es noch an vielen Stellen. In den Unternehmen ist zwar angekommen, dass auch Männer – also Väter – sich um ihre Kinder kümmern wollen. Aber bitte nur maximal zwei Monate. Also die zwei Partnermonate. Der Begriff "Partnermonate“ impliziert leider, dass Männer nur zwei Monate nehmen dürfen, und das steckt sehr fest in den Köpfen – der Unternehmen, aber auch der Männer.
Fakt ist, dass Väter natürlich genauso maximal zwölf Monate nehmen dürfen wie Mütter. Fakt ist auch, dass 2024 nur 25,8 Prozent der Väter in Elternzeit waren – und zwar lediglich 3,8 Monate (Mütter im Vergleich dazu: 14,8 Monate). Studien zufolge würden sich 48 Prozent der Väter die Sorge gerne paritätisch mit ihren Partnerinnen teilen, aber nur 17 Prozent tun dies.
Fakt ist auch, dass nur etwa sieben Prozent der Männer in Teilzeit arbeiten. Die meisten allerdings nicht wegen der Kinder, sondern weil sie sich weiterbilden. Sorgearbeit ist bei Männern nur für das Wochenende vorgesehen. Im Vergleich dazu arbeiten knapp 70 Prozent der Mütter in Teilzeit. Hinzu kommt, dass viele Männer sich von familienbewussten Maßnahmen nicht angesprochen fühlen.
Dann hat sich in den letzten Jahren doch nicht viel getan?
Doch. Es hat sich durchaus viel getan. Es bedeutet, dass noch Luft nach oben ist.
Es hakt aber noch bei den Männern?
Ja. Frauen gehen seit Jahrzehnten auf die Straßen und kämpfen für ihr Recht auf mehr Gleichstellung. Haben Sie schon mal einen Mann gesehen, der für mehr Gleichstellung kämpft?
Einige Fakten: Schwangere Frauen genießen den Mutterschutz inklusive Kündigungsschutz. Wo ist dieser Schutz für werdende Väter? Väter haben noch nicht einmal direkt nach der Geburt ihres Kindes ein Recht auf eine Freistellung, obwohl dies laut EU-Recht längst hätte passieren sollen. Nach einer Scheidung leben die meisten Kinder bei ihren Müttern. Oftmals sehen Väter ihre Kinder nur jedes zweite Wochenende.
Inwieweit ist im Zuge des Fachkräftemangels der Handlungsbedarf bei Unternehmen angekommen?
Grundsätzlich zeigen sich die Unternehmen gegenüber dem Thema "Familienbewusstsein“ beziehungsweise "Lebensphasenorientierung“ immer offener. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass Unternehmen wie Comspace und Coca-Cola Europacific Partners einen Kündigungsschutz für werdende Väter eingeführt haben. Andere Unternehmen wie Vodafone und Henkel stocken für einige Monate das Elterngeld auf 100 Prozent des Gehalts auf. Daimler hat Job-Sharing auf Führungsebene eingeführt und ermöglicht damit auch jungen Vätern die Vereinbarkeit von Fürsorgearbeit und Karriere.
Gilt Familienbewusstsein nur für junge Familien?
Nein. Auch Eltern mit älteren Kindern müssen vereinbaren, und oft wird die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege übersehen. Hier gibt es auch ein sehr großes Potenzial zu schöpfen. Familienbewusstsein ist aber auch ein Bewusstsein für die ältere Generation, die nicht mehr 40 Stunden pro Woche arbeiten möchte. Familienbewusstsein ist also Lebensphasenorientierung, und die braucht jedes Unternehmen.
Weitere Hürden sind Gesetze, die es schwer machen, eine Betriebskita zu eröffnen, oder Gesetze, die den Verwaltungsaufwand in die Höhe treiben.
Wie groß ist die Bereitschaft von Stadtwerken, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Väter zu schaffen?
Erfreulich groß! Zumindest sind sie häufig sehr viel weiter als viele Unternehmen der freien Wirtschaft, und das führt automatisch zu mehr Familienbewusstsein. Die Berliner Stadtwerke zum Beispiel sind ein super familienbewusstes Unternehmen. Die regionalen Versorger sind vielerorts sogar Vorreiter und offen für Verbesserungen. Sie sind es auch, die zeigen, dass Vereinbarkeit in vielen verschiedenen Berufsgruppen möglich ist – also auch für Mitarbeitende, die nicht vom Schreibtisch aus arbeiten.
Das Interview führte Christina Hövener-Hetz.
Der Beitrag ist zuvor in der Juni-Ausgabe der ZfK erschienen. Zum Abo geht es hier.



