Der Krankenstand in Deutschland ist nach wie vor hoch. Deshalb wird verstärkt nach neuen Lösungen gesucht.

Der Krankenstand in Deutschland ist nach wie vor hoch. Deshalb wird verstärkt nach neuen Lösungen gesucht.

Bild: © Heide/AdobeStock

Von Christina Hövener-Hetz

Hohe Fehlstände durch Grippe, Corona und psychische Erkrankungen in Unternehmen führen zu neuen Ideen. Was in Skandinavien schon seit Längerem praktiziert wird, wird nun auch erstmals in Deutschland diskutiert. Eine Umfrage bei Stadtwerken ergab mehrheitlich Zurückhaltung gegenüber "noch nicht zu Ende gedachten Maßnahmen" wie einer Teilzeit-Krankschreibung.

Die Rechtslage ist ohnehin in Deutschland anders als in Skandinavien: Entweder gilt man als arbeitsfähig oder arbeitsunfähig. Wer krank ist, ist krank und darf nicht arbeiten. Mit einer Ausnahme: betriebliche Eingliederungsmaßnahmen nach längerer Arbeitsunfähigkeit. In skandinavischen Ländern kann man sich dagegen auch teil-krankschreiben lassen und trotz Krankheit eingeschränkt weiterarbeiten.

Veränderte Arbeitswelt

Der Vorstoß des Präsidenten der Bundesärztekammer im Oktober für eine ähnliche Lösung in Deutschland von sorgte für geteilte Meinungen. Klaus Reinhardt zeigte sich mit Blick auf Arbeitsformen wie Homeoffice grundsätzlich offen für das in Nordeuropa praktizierte Modell.

"Eine praktikable Form von Teilzeitkrankschreibungen könnte den neuen Möglichkeiten Rechnung tragen und für mehr Flexibilität sorgen", sagte Reinhardt gegenüber der Funke Mediengruppe. Die Arbeitswelt habe sich in den letzten Jahren stark verändert.

Positive Auswirkung auf Bagatellinfektionen

Als Beispiel nannte er "Bagatellinfekte", bei denen der direkte Kontakt mit Kollegen im Büro vermieden werden sollte: "In solchen Fällen bietet das Arbeiten im Homeoffice aber unter Umständen die Möglichkeit, in begrenztem Umfang berufliche Aufgaben wahrzunehmen und sich dennoch zu erholen."

Zudem habe man gute Erfahrungen mit Wiedereingliederungsprogrammen nach langen Krankheitsphasen gemacht, bei denen die Arbeitszeit schrittweise erhöht wird. Diese ließen sich sicher auch auf weniger schwere Erkrankungen übertragen.

Vorbild Schweden?

In Schweden nutzen ein Drittel der Krankgeschriebenen die Teilzeit-Option. Damit konnte Schweden nicht nur die Höhe der Arbeitsunfähigkeit reduzieren, sondern auch die Krankengeldzahlungen. Anders als in Deutschland erhalten Schweden nur zwei Wochen 80 Prozent ihres Gehalts als Krankengeld, danach tritt die staatliche Sozialversicherung ein. 

In Deutschland bekommen Angestellte in der Regel vom ersten Tag der Krankheit an ihr Gehalt in voller Höhe sechs Wochen lang vom Arbeitgeber bezahlt. Danach zahlen die Krankenkassen etwa 70 Prozent des Bruttogehalts als Krankengeld – bis zu 78 Wochen innerhalb von drei Jahren.

Unterschiede bei den Tätigkeitsbereichen

Bei den Stadtwerken gibt es zum Thema Teilzeit-Krankschreibung keine einheitliche Meinung. Viele kommunale Unternehmen schließen es aber nicht aus, über Möglichkeiten nachzudenken. Aus Sicht der Stadtwerke Bochum zum Beispiel, mit 800 Beschäftigten, gibt es durchaus "Tätigkeitsbereiche, in denen Teilzeitkrankschreibungen sinnvoll erscheinen, in anderen hingegen nicht".

Christian Seger von der Unternehmenskommunikation sagte: "Für Mitarbeitende im Schicht- und Wechselschichtdienst sowie in der Rufbereitschaft lässt sich eine Teilzeitkrankschreibung aus unserer Sicht in der Praxis nur schwer umsetzen. Als Betreiber kritischer Infrastrukturen müssen wir uns darauf verlassen, dass unsere Mitarbeitenden, wenn sie arbeiten, auch vollständig belastbar und einsatzbereit sind."

Darüber hinaus seien die hinterlegten Arbeitspläne nicht auf Teilzeit-Erkrankungen ausgelegt. Dies würde einen erhöhten Aufwand für Führungskräfte sowie mehr Flexibilität für die Kolleginnen und Kollegen, die dann die fehlenden Zeiten auffangen müssten, bedeuten.

Ungesunden Krankheitsquoten

Anders als bei Arbeiten in Präsenz sei beim Arbeiten im Homeoffice die Gefahr der Ansteckung unbedenklich, in diesen Fällen wären für die Stadtwerke Bochum – abhängig vom individuellen Krankheitsverlauf – Teilzeitkrankschreibungen denkbar, so Unternehmenssprecher Seger.

Scharfe Kritik an den Überlegungen einer Teilzeit-Krankschreibung kommt von Tanja Baghorn vom Beratungsunternehmen StadtwerkeAkademie. Sie weist auf eine Veröffentlichung von Statista hin, wonach die Energiewirtschaft unter einer ungesunden Krankheitsquote leide. "Jetzt die Idee einer Teilzeit-Krankschreibung. Diese kommt in innovativer Verkleidung, die auf mehreren Ebenen nicht durchdacht ist."

Ein ganzheitliches Gesundheitsmanagement

Die Idee berücksichtige entscheidende Faktoren nicht, die gegebenenfalls zu den hohen Quoten führen. Sie sei "ein kosmetischer Vorschlag für die Oberfläche ohne jede Tiefenwirkung". Welche Botschaft solch eine Regelung in Bezug auf Mitarbeiterführung, Vertrauen und Unternehmenskultur vermittelt, bleibe unklar, so Baghorn.

"Wir brauchen andere Schlüssel in Organisationen, um die Zukunft erfolgreich gestalten zu können und Mitarbeitende in den Organisationen arbeitsfähig zu halten. Diese sind nicht neu und drehen sich um ein professionelles und ganzheitliches Gesundheitsmanagement.“

Gründe statt Symptome angehen

Die Instrumente dazu sieht die Beraterin in gesunden Arbeitsbedingungen im Generationenmix, in Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten am Puls der Zeit, in Kommunikationsstrukturen mit hohen Partizipationsmöglichkeiten und in Führungskräften, die ihr persönliches Führungsverhalten verstehen und wissen wie Menschen und Organisationen ticken.

Anstatt eine Teilzeit-Krankschreibung einzuführen, die letztlich nur Symptome adressiert, wäre ein umfassender organisationaler Blick sinnvoll. Er könnte langfristig die Krankheitsquoten senken und sowohl die Produktivität als auch die Zufriedenheit der Mitarbeitenden stärken.

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