Badenova experimentiert im Banula-Projekt mit Durchleitung an der Ladesäule.

Badenova experimentiert im Banula-Projekt mit Durchleitung an der Ladesäule.

Bild: © Badenova

Im Forschungsprojekt Banula – Barrierefreie und nutzerfreundliche Lademöglichkeiten schaffen – testen Unternehmen und Forschungsinstitute aus unterschiedlichen Fachgebieten, zum Beispiel mit Blockchain-Technologie, ob ein einfaches, transparentes, kundenfreundliches und barrierefreies Laden möglich ist. Neben Fragen der Netzstabilität gehört zum Projekt auch das Ziel, dass Elektroauto-Fahrende per Durchleitung ihren Stromanbieter an der Ladesäule frei wählen können. Beteiligt an Banula ist auch der Energiedienstleister Badenova. Hannes Meyer-Schönbohm, Projektleiter Elektromobilität bei Badenova, steht Rede und Antwort, beispielsweise auch dazu, warum Kommunale mit Durchleitung experimentieren.

Hannes Meyer-Schönbohm

Bild: © Badenova

Herr Meyer-Schönbohm,warum experimentieren Kommunale mit Durchleitung?

Als regionaler Energieversorger beschäftigen wir uns stets mit innovativen Ansätzen, um die Energiewende und den Energiemarkt von morgen aktiv mitzugestalten. Das Durchleitungsmodell ist besonders spannend, da es das vielfach kritisierte und intransparente Roaming-System vereinfachen könnte. Dieses Modell bietet das Potenzial, die Energiewende voranzutreiben, indem es beispielsweise die Durchleitung von eigenem PV-Strom ermöglicht oder ein echtes Grünstrom-Labeling unterstützt.

Gefährdet das nicht das klassische Business-Modell der Versorger, mit dem Verkauf von Strom an eigenen Ladesäulen Geld zu verdienen?

Energieversorger, die sich in der Vergangenheit gute Standorte gesichert und umfangreiche Ladeinfrastruktur aufgebaut haben, profitieren derzeit vom bestehenden System und können dadurch sukzessive die damals hohen Investitionskosten amortisieren. Dies ist auch wichtig und richtig, damit sich das Business-Modell tragen kann. Gleichzeitig steigen allmählich die Ladevorgänge. Wenn fremde Ladestromanbieter im Roaming-System teilweise stark benachteiligt werden, entstehen Probleme. Für Endkunden führt dies zu hohen und oft nicht nachvollziehbaren Ladekosten. Das Durchleitungsmodell soll bestehende Business-Modelle nicht gefährden, sondern Chancen für die Entwicklung der E-Mobilität und des öffentlichen Lademarktes schaffen. So könnte die Auslastung von Standorten beim Durchleitungsmodell steigen, da Endkundenpreise sinken und die Komplexität reduziert wird.

Wer profitiert davon?

Das Durchleitungsmodell sichert allen Akteuren Erlösmöglichkeiten zu. Für Stromlieferanten werden beliebige Ladepunkte zur Versorgung ihrer Kunden mit Fahrstromprodukten eröffnet. Ladepunktebetreiber können über die Definition eines Infrastrukturentgelts als Nutzungsgebühr ihre Preise weiterhin frei definieren und ihren Kunden innovative Lösungen anbieten.

Gibt es neue Ergebnisse des Banula-Modellprojekts?

Im vergangenen Jahr wurde unsere Ladeinfrastruktur am Baden-Campus in das Durchleitungsmodell überführt. Dabei konnten Ladevorgänge mit unterschiedlichen Lieferanten demonstriert werden. Das Projektkonsortium von Banula entwickelt kontinuierlich neue Inhalte weiter und erarbeitet standardisierte Prozesse. Im Fokus steht dabei unsere dezentrale Banula-Systemlandschaft mit einer offenen, Blockchain-basierten Softwarelösung. Für 2025 ist ein Feldtest mit Forschungsfahrzeugen geplant, um das Durchleitungsmodell im breiten Marktumfeld zu testen.

Ist das Angebot des Forschungsprojekts, den Strom mitnehmen zu dürfen, bei Kunden überhaupt auf Resonanz gestoßen? Wie viele Kunden interessieren sich dafür?

Das Interesse am Thema ist groß, auch wenn die Bekanntheit bisher noch gering ist.

Das Bundeskartellamt äußert sich skeptisch zur Durchleitung, weil die Kosten fürs Laden steigen könnten.

Unsere ersten Ergebnisse zeigen, dass eine Kostenreduktion möglich ist – je nach Anwendungsfall kann diese sogar erheblich ausfallen. Ein Beispiel: Wenn Kunden ihren eigenen PV-Strom an die Ladesäule durchleiten können, bezahlen sie zwar die Nutzung der Infrastruktur, jedoch weit weniger für die geladene Energie.

Das Entgelt für den Durchleitungsservice beläuft sich nach aktuellen Einschätzungen auf weniger als die Gebühren der etablierten Roaming-Plattformen. Die Gestaltung von Banula als offenes Ökosystem unterstützt verbraucherfreundliche Ladepreise durch marktlichen Wettbewerb auf allen Wertschöpfungsebenen. Gleichzeitig berücksichtigt Banula die Übergangszeit, in der alte und neue Systeme parallel existieren, und ermöglicht weiterhin die Nutzung von Roaming-Ladekarten und Ad-hoc-Autorisierung.

Welche Produkte könnten Stadtwerke für ein Durchleitungsmodell anbieten?

Mit diesem Modell haben Stadtwerke und Lieferanten erstmals die Möglichkeit, den Strom selbst zu beschaffen und direkt an die Endkunden zu liefern, auch wenn die Ladesäule nicht in ihrem Besitz ist. Dies ermöglicht eine engere Kundenbindung. 

An dieser Stelle möchten wir betonen, dass es sich bei Banula um ein Forschungsprojekt handelt. Unser Ziel ist es, nach Ende des Förderprojektes das Banula-Ökosystem in den Realbetrieb zu überführen. Im Rahmen des Projekts untersuchen wir verschiedene Use-Cases, die zukünftig als Produkte ausgearbeitet werden können.

Wie hoch könnte das Infrastrukturentgelt liegen?

Diese Frage ist zentral für den Erfolg des Durchleitungsmodells, aber in ihrer Beantwortung äußerst komplex. Im Projekt verfolgen wir den Ansatz, dass jeder CPO das Entgelt individuell festlegen kann. Es könnte standortübergreifend gemittelt oder spezifisch für einzelne Ladepunkte berechnet werden.

Klar ist jedoch, dass unterschiedliche Standorte variierende Kosten verursachen, wodurch ein einheitliches Entgelt schwer umsetzbar ist. Zudem hängt das Infrastrukturentgelt von Faktoren wie der Auslastung, dem Leistungsspitzenwert und der Kosteneffizienz ab. Diese Kostenpunkte werden bereits heute von Ladepunktbetreibern ermittelt und über den Ladepreis an Endkunden weitergegeben.

Das Interview führte Jürgen Walk

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