Von Jürgen Walk
Bei der Verkehrswende sieht sich die Energiewirtschaft nicht nur als technischer Enabler, sondern auch als strategischer Partner für den Hochlauf der Elektromobilität, vom Netzanschluss bis zum Ladepunkt. Ziel ist ein starker Leitmarkt, doch welcher Weg führt dahin? Das war Thema eines Diskussionspanels auf dem BDEW-Kongress. Auf dem Podium diskutierten auch Elke Temme, Chefin der Stadtwerke Bochum, und Ökonom Jens Südekum, neuer Chefberater des Bundesfinanzministers Lars Klingbeil.
"Trotz des erfolgreichen Ausbaus, den wir bei der Ladeinfrastruktur in den letzten Jahren erlebt haben, steht die Elektromobilität unter Druck", leitete Moderator Paul Leon Wagner vom BDEW ein. "Man führt ideologisch aufgeladene Debatten in Politik und Medien und zurück bleibt ein verunsicherter Kundenmarkt", so Wagners Diagnose.
"Eigentlich ein tolles Produkt"
Dabei zeichnen die Zahlen des BDEW eigentlich ein positives Bild. 97 Prozent, die ein E-Auto fahren, würden wieder zu einem E-Auto greifen. "Eigentlich haben wir ein tolles Produkt und auch der Branche ist klar, die Technologieführerschaft von morgen in der Mobilität ist elektrisch", so Wagner. Wie könne die Bundesregierung der Elektromobilität neuen Schub geben und welche Chancen ergeben sich daraus für Energiewirtschaft und Logistik? Neben Temme und Südekum diskutierten Aral-Vorstandsmitglied Alexander Junge, Imelda Labbé, Präsidentin des Verbands der internationalen Kraftfahrzeughersteller VDIK sowie Petra Meiser von EY-Parthenon.
"Aus meiner Sicht gibt es überhaupt keinen Grund mehr, nicht E-Auto zu fahren", betonte Bochums Stadtwerke-Chefin Elke Temme. "Wir haben die wesentlichen Anlaufschwierigkeiten zumindest im Pkw-Bereich mittlerweile behoben." Es gebe nur noch sehr wenige weiße Flecken, in denen Ladeinfrastruktur komplett fehlt. In dichter bevölkerten Gebieten sei der Wettbewerb von Ladeinfrastrukturanbietern intensiv, die sich nämlich um die Plätze geradezu streiten. Temme warb dafür, nicht so sehr auf die Ladeinfrastruktur zu schauen, sondern auf die Netze, "dass wir steuerbare Lasten haben und wirklich das Auto als Teil des Energiesystems integriert bekommen."
Der regulative Rahmen muss stimmen
Jens Südekum hob die Bedeutung des "Investitionsboosters" hervor. Die Orientierung an Unternehmensflotten zahle zwar zunächst auf ein System ein, das ohnehin gut läuft. Der nötige Markthochlauf beginne aber bei den Dienstwagen. Der nächste Schritt sei dann, dass die Förderung auch zu den Privatkunden kommen müsse. Mit einer Kaufprämie sei es aber nicht getan: Hemmschuh sei, dass Privatkunden oft nicht wüssten, wo und zu welchem Preis sie ihr Elektroauto laden können. Der Staat könne einen Impuls setzen, der könne auch finanzieller Natur sein, "wichtiger ist aber, regulativ einen Rahmen zu schaffen, dass eben dieser Ausbau passiert".
Kritisch äußerte sich Südekum zur Streckung der Ziele bei den EU-Flottengrenzwerten. Das treffe genau die Unternehmen, die gehandelt haben, die investiert haben. "Und die Wettbewerber, die das nicht getan haben, kommen jetzt davon", so Südekum.
"Bürokratie abbauen kostet nichts und hilft immens", lautet der Appell von Aral-Vorstand Alexander Junge. "Verlässliche Rahmenbedingungen setzen und auch ganz klar kommunizieren in die Öffentlichkeit, dass E-Mobilität weiterhin die Zukunft ist", so sein Rezept. Der Glaube daran ist bei Teilen der Öffentlichkeit ins Wanken gekommen, nach dem abrupten und schlecht kommunizierten Förderende im Dezember 2023. "Und da muss die Politik wieder ein ganz klares Signal senden. Und dann ist das Glas nicht nur halb voll, dann ist es drei Viertel voll. Dann kriegen wir das auch hin und werden wieder Leitmarkt für E-Mobilität", so Junge.
Der weltweite Markt für E-Fahrzeuge wächst rasant, berichtet Petra Meiser von EY-Parthenon: 2024 wurden erstmals über 17 Millionen E-Fahrzeuge verkauft, was jedes fünfte Fahrzeug bedeutet. Für 2025 werden über 20 Millionen erwartet. In Europa treiben gewerbliche Nutzer und Unternehmen das Wachstum voran, unterstützt durch politische Maßnahmen wie den Koalitionsvertrag. Für ein nachhaltiges Wachstum ist aus Meisers Perspektive jedoch auch eine stärkere Einbindung des Privatmarkts notwendig. Ihre Empfehlung an die Regierung: "Subventionen neu denken". Es dürfe nicht immer nur darum gehen, Geld auszugeben. Wirksam für die Akzeptanz seien auch Vorteile etwa bei Parkgenehmigungen. "Da können wir von anderen Ländern lernen, die das auch hinbekommen haben, um die Akzeptanz zu erhöhen."
Aus Sicht der internationalen Autohersteller ist der Anteil der E-Auto-Zulassungen im Privatkundenbereich noch zu gering. Labbé betont, dass die bisherigen Zuwächse zwar positiv, aber nicht ausreichend sind, um die CO2-Reduktionsziele zu erreichen. Direkte Kaufprämien führen nicht zum Ziel, stattdessen schlägt Labbé steuerliche Entlastungen oder Stromguthaben als Anreize vor. Wichtig sei ein Masterplan, "denn Einzelmaßnahmen ohne Planbarkeit und ohne Horizont werden uns nicht zum Ziel führen."



