Der Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen steht vor großen Herausforderungen.

Der Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen steht vor großen Herausforderungen.

Bild: © Rheinbahn

Nordrhein-Westfalen muss sich beim Nahverkehr entscheiden. Die bisherige Finanzierung reicht angesichts massiver Kostensteigerungen wohl nicht einmal mehr für ein "Weiter so". Das vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) vorgelegte Leistungskostengutachten zeigt, dass der heutige ÖPNV seine Rolle als Rückgrat der klimafreundlichen Mobilität nur halten kann, wenn Angebot, Infrastruktur und Finanzierung grundlegend weiterentwickelt werden. Damit steht auch Nordrhein-Westfalen vor einer der umfassendsten Reformen seiner öffentlichen Mobilität seit Jahrzehnten.

Als einwohnerreichstes Bundesland bietet NRW auch das größte ÖPNV-Angebot in Deutschland: Für das Jahr 2024 weist das Land eine Betriebsleistung von 735 Millionen Nutzfahrzeug- und Nutzzugkilometern auf, während 24,7 Milliarden Personenkilometer nachgefragt wurden.

Städtische Hochleistungsräume treffen auf ländliche Gebiete

Aber die Kostensituation verdeutlicht die strukturelle Herausforderung. Das Land vereint städtische Hochleistungsräume mit stark ländlich geprägten Gebieten. 2024 lagen die gesamten Aufwendungen bei 7,09 Milliarden Euro. Demgegenüber standen Fahrgeldeinnahmen und sonstige Erlöse von 2,47 Milliarden Euro. Der resultierende Finanzierungsbedarf von 4,48 Milliarden Euro wird maßgeblich durch Mittel des Landes und der Kommunen gedeckt. Besonders belastend, so heißt es beim VDV, wirkt der bundesweit gesunkene Kostendeckungsgrad seit Einführung des Deutschlandtickets.

Der Verband arbeitet in seinem Gutachten mit zwei Szenarien. Im Modernisierungsszenario wird das Angebot gegenüber 2024 weitgehend stabil gehalten, jedoch qualitativ deutlich aufgewertet. Dazu zählen der Abbau des Investitionsstaus in der Infrastruktur, die umfassende Dekarbonisierung der Fahrzeugflotten, die Modernisierung von Betriebshöfen sowie die Automatisierung betrieblicher Abläufe.

Für NRW bedeutet dies bis 2040 einen Anstieg des Finanzierungsbedarfs auf 8,47 Milliarden Euro. Dies entspricht einer jährlichen Steigerung von rund 4,1 Prozent. Da die Bevölkerung gleichzeitig um 1,1 Prozent sinken und die Erwerbsbevölkerung sogar um 10 Prozent zurückgehen soll, ist eine sinkende Nachfrage um einen Prozentpunkt prognostiziert.

Ziel ist ein flächendeckend attraktiver Nahverkehr

Das Deutschlandangebot 2040 geht weit über die Modernisierung hinaus. Es schafft ein bundesweit einheitliches Zielbild für ein flächendeckend attraktives ÖPNV-System. Kern ist eine deutliche Verdichtung des Angebots, insbesondere im Busverkehr. Dabei werden Mindestbedienstandards definiert, die sich an der Schweiz orientieren. Parallel sollen Tram-Systeme ihre Fahrplanleistung um 40 Prozent ausweiten, während der Schienenverkehr den vollständigen Deutschlandtakt erhält.

Für das Land NRW bedeutet dies einen massiven Kapazitätsausbau, der die Sitzplatzkilometer um 79 Prozent ansteigen lässt. Die Nachfrage wird bis 2040 um mindestens 26 Prozent zulegen, weil das Angebot neue verkehrliche Verlagerungsspielräume eröffnet.

Finanziell markiert das Deutschlandangebot einen Paradigmenwechsel. Der öffentliche Finanzierungsbedarf steigt in NRW bis 2040 auf 15,67 Milliarden Euro – mehr als eine Verdreifachung gegenüber 2024. Der jährliche Mittelzuwachs müsste im Schnitt rund 700 Millionen Euro betragen, also 8,2 Prozent pro Jahr. Damit übersteigt das Deutschlandangebot den Modernisierungsbedarf um rund 450 Millionen Euro jährlich.

Neben quantitativen Kapazitätsgewinnen verbessert sich auch die Qualität des Netzes messbar. Diese Verbesserung tritt flächendeckend in allen Kreisen ein – ein entscheidender Schritt zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse.

Die öffentliche Hand muss Prioritäten setzen

Für die öffentliche Hand bedeutet dies jedoch klare Prioritätensetzungen. Im Landeshaushalt 2025 stammen bereits rund 79 Prozent der ÖPNV-Ausgaben aus Bundesmitteln, was langfristig strukturelle Risiken birgt. Da Bund und Länder viele Förderprogramme aufgrund der Schuldenbremse reduziert haben, entsteht ein wachsender Druck auf die Landespolitik, dauerhaft zweckgebundene Mittel bereitzustellen. Kommunen wiederum stehen durch die Energie- und Wärmewende davor, ihre Querverbünde nicht mehr wie gewohnt zur ÖPNV-Finanzierung nutzen zu können.

Das Gutachten macht deutlich, dass NRW vor einem strategischen Wendepunkt steht. Ohne strukturelle Reformen in der Finanzierung, schnellere Genehmigungsverfahren und klare gesetzliche Rahmenbedingungen werde es nicht gelingen, den ÖPNV als Klimaschutz- und Teilhabeinstrument zu sichern. Beide Szenarien zeigen jedoch: Mit einer langfristigen Finanzierungsperspektive, abgestimmten Verantwortlichkeiten und einer entschlossenen Modernisierungsstrategie kann Nordrhein-Westfalen sein ÖPNV-System bis 2040 stabilisieren und zukunftsfähig ausbauen.

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