Ein eingespieltes, ehrenamtliches Team: Heinz van Baal (rechts) koordiniert die Dorfauto-Einsätze im Gocher Ortsteil Kessel, Peter Derks ist einer der Fahrer.

Ein eingespieltes, ehrenamtliches Team: Heinz van Baal (rechts) koordiniert die Dorfauto-Einsätze im Gocher Ortsteil Kessel, Peter Derks ist einer der Fahrer.

Bild: © Stadtwerke Goch

Von Andreas Lorenz-Meyer

Um die Stadt Goch am Niederrhein herum liegen lauter kleine Dörfer verstreut. Sie heißen Asperden, Hassum oder Kessel. Hier geht es beschaulich zu, hier lässt es sich gut leben. Nur die Mobilität ist eingeschränkt, zumindest ohne eigenes Auto. Denn Busse fahren selten. Besonders ältere Menschen haben es schwer, zum Einkaufen nach Goch oder zum Arzt nach Kleve zu kommen – wenn nicht gerade ihre Kinder oder die Nachbarn bereit sind, sie zu fahren. Zum Glück gibt es das Dorfauto, eine 2020 gestartete Initiative der Stadtwerke Goch. In mittlerweile vier Dörfern ist an mehreren Wochentagen ein kostenloser Fahrdienst eingerichtet worden, der komplett von Ehrenamtlichen getragen wird.

Peter Derks ist von Beginn an dabei. Der pensionierte Handwerker wohnt in Kessel, ein 2200-Einwohner-Ort wenige Kilometer nordwestlich von Goch. An seinen Fahrtagen geht er zum Dorfauto, das einem zentralen Ort im Dorf geparkt ist. Er öffnet den rein elektrischen Hyundai per App, steigt ein und holt seine Fahrgäste reihum ab. Meist haben die im zehn Autominuten entfernten Goch etwas zu erledigen: Arzttermine, Bankgeschäfte, Einkäufe, Freunde treffen. "Längere Strecken fahre ich aber auch. Zum Beispiel zu Fachärzten oder den Kliniken in Wesel, Krefeld oder Xanten. Da bin ich flexibel."

Manchmal Seelsorger, manchmal Tröster

Die Fahrgäste von Derks sind zwischen 60 und 95 Jahre alt und unterhalten sich unterwegs gerne. Da geht es dann auch mal um sehr Persönliches. "Manche sind verwitwet und leben alleine. Sie sind froh, wenn sie mal mit jemandem reden können. Wir Fahrer nehmen da auch eine soziale Funktion wahr." 

Viele der Fahrgäste könnten sich ohne Dorfauto auch gar nicht mehr irgendwo im Café mit Freunden treffen. Manchmal muss Derks bei den Fahrten seelsorgerisch tätig werden. Zum Beispiel versuchte er eine ältere Dame zu trösten, die gerade beim Augenarzt erfahren hatte, dass sie in einiger Zeit nahezu erblinden könnte. Einen über 90-jährigen fuhr er zu Orten, mit denen dieser lang zurückliegende Erinnerungen verband. "Ich merkte, dass der Mann glücklich war." Derks ist überzeugt, dass ein Dorf die ehrenamtlichen Fahrdienste braucht, um gerade älteren Menschen ein weitgehend normales Leben und Teilhabe an der Gemeinschaft zu ermöglichen. Ihm selbst geben die Fahrdienste viel. "Es macht mich glücklich, etwas Sinnvolles für meine Mitmenschen tun zu können." 

Der Mann, der in Kessel alle Fäden zusammenhält, ist Koordinator Heinz van Baal. Er teilt die Fahrten monatlich ein und verschickt am Tag vor dem Fahrdienst den Plan mit Namen, Adressen und Fahrzielen. Sein Team besteht derzeit aus neun Fahrern, und die haben immer mehr zu tun. Im Oktober 2024 nutzten 50 Personen das Dorfauto – Monatsrekord!

Auch außerhalb der Regelzeiten verfügbar

Insgesamt fanden seit Projektbeginn 2020 schon über 1.300 Fahrten von Kessel aus statt. Zu van Baals Aufgaben gehört es auch, neue Fahrer zu rekrutieren. Er nimmt am liebsten Personen, die er kennt und denen er zutraut, die nötige Sensibilität und Empathie im Umgang mit meist älteren und in manchen Fällen auch gesundheitlich beeinträchtigten Menschen mitzubringen. Allen heutigen Fahrern sei ja bewusst, dass auch sie älter werden und eines Tages vielleicht selbst Fahrgast sind, sagt van Baal.

Buchungen nimmt er ausschließlich telefonisch über eine eigens dafür eingerichtete Handynummer entgegen. Da man sich im Dorf kennt, rufen ihn einige aber auch unter seiner privaten Festnetznummer zuhause an. Manchmal "außerhalb der Regelzeiten", aber das nimmt van Baal in Kauf. Hier und da kommen Anfragen sehr kurzfristig herein, etwa bei geänderten Arztterminen. "Ich versuche jeden Wunsch zu erfüllen, aber es kommt auch vor, dass kein Termin frei ist. Dann rufe ich die Koordinatoren aus den anderen Ortsteilen an und frage, ob jemand einspringt. Das klappt sehr gut."

Im Dauereinsatz während der Pandemie

Die Gocher Ortsteile Hassum und Hommersum sind noch kleiner als Kessel. Auch hier ist das Dorfauto der Renner: weit über 1000 Fahrten seit 2020. Montags, mittwochs und freitags wird der Service angeboten, dienstags und donnerstags nur auf Anfrage. Während der Pandemie waren die Fahrer sogar im Dauereinsatz. Sieben Tage die Woche wurden die Impfstellen angesteuert. Auch in Hassum und Hommersum gehören Extratouren dazu. "Wir haben einen Gast mal zu einer ambulanten Knie-OP in den Aachener Raum gebracht und nach der OP wieder heim", so Koordinator Stephan Luyven. "Der Fahrer musste das E-Auto bei der langen Strecke zwischendurch aufladen."

Zu Luyvens Team gehört seit Sommer 2024 auch der pensionierte Berufsfeuerwehrmann Gerd Janßen. Von seinem Heimatdorf Hassum aus fährt er sowohl die kürzeren Strecken nach Goch oder Kleve als auch die längeren nach Kalkar, Xanten oder Emmerich. Oft sind es Arztbesuche, dann begleitet Janßen die Fahrgäste manchmal in die Praxis – das verkürzt die Wartezeit. Fahrten zum Kaffeekränzchen gab es auch schon. Und wenn sich jemand einfach mal "was Schönes" am Niederrhein anschauen will, dann wird eben eine Sightseeing-Tour gemacht.

"Die Fahrgäste sind durchweg dankbar"

Busfahren mit der normalen Linie ab Hassum ist schwierig, da diese lediglich morgens und abends fährt, berichtet Janßen. Es gibt einen bestellbaren Taxibus, der aber nur an bestimmten Punkten hält. "Da ist das Dorfauto praktischer. Es fährt von Tür zu Tür." Auch bei Janßen geht es unterwegs kommunikativ zu, nicht selten wird Gocher Platt gesprochen. Das Wetter und das Dorfleben sind immer Thema. Der Fahrer bekommt viel Lob: "Meine Fahrgäste sind durchweg dankbar. Auch die Kinder und Nachbarn sind froh, dass es uns gibt – so müssen sie nicht selbst fahren."

Die ursprüngliche Idee zum Dorfauto kam von Stadtwerke-Geschäftsführer Carlo Marks, dem Bürgerinnen und Bürgern aus den Dörfern immer mal wieder erzählten, dass sie gerne mobiler wären. Und so startete 2020 das Dorfauto-Projekt. Sämtliche Kosten übernehmen die Stadtwerke, die sich laut Marks nicht nur als zuverlässiger Energieversorger verstehen.

Gute Kooperation ist das Erfolgsrezept

"Wir wollen darüber hinaus auch eine aktive Gesellschaft stärken und die Lebensqualität in der Region verbessern." Das Dorfauto leiste da einen wertvollen Beitrag. Mit der Entwicklung in den letzten vier Jahren ist Marks hochzufrieden. Die Zusammenarbeit zwischen den Stadtwerken als Bereitsteller der Infrastruktur und den eigenverantwortlichen Koordinatoren vor Ort funktioniere hervorragend. Das hab das Projekt letztlich so erfolgreich gemacht.

Derzeit sind beim Dorfauto-Projekt vier Fahrzeuge im Einsatz. Jeweils ein rein elektrischer Hyundai Ioniq 5 in Asperden, Kessel, Pfalzdorf und Hommersum/Hassum. Begonnen hatte das Projekt 2020 in Kessel und Hommersum/Hassum, später kamen Asperden und Pfalzdorf dazu. Entsprechend ist der finanzielle Aufwand für die Stadtwerke Goch mit der Zeit gestiegen. Die Leasingrate für liegt bei rund 480 Euro pro Monat pro Fahrzeug. Die Kosten für die Versicherung betragen jährlich pro Fahrzeug rund 440 Euro. Hinzu kommen unter anderem Reparaturen und Strom.

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Die Stadtwerke Goch wurden im vergangenen Jahr mit dem ZfK-NachhaltigkeitsAWARD in Gold in der Kategorie "Mobilität" ausgezeichnet. Das diesjährige große Netzwerktreffen der Kommunalwirtschaft zum Thema Nachhaltigkeit findet am Dienstag, 17. Juni, statt. Mehr zu dem Programm finden Sie hier. Der vorliegende Artikel ist erstmalig in der Januar-Printausgabe der ZfK in diesem Jahr erschienen. 

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