Ingo Wortmann
ist Präsident des VDV.

Ingo Wortmann ist Präsident des VDV.

Bild: © VDV

Welche Herausforderungen im ÖPNV für die kommunalen Verkehrsunternehmen sind Ihrer Einschätzung nach aktuell die größten?

Die Verkehrsunternehmen stehen derzeit vor mehreren Herausforderungen gleichzeitig: Zunächst ist festzustellen, dass die Finanzierung unseres heutigen Leistungsangebotes nicht gegeben ist. Ein flächendeckender Ausbau im Rahmen einer Verkehrswende ist zudem illusorisch geworden. Auch bei der Erneuerung unserer vorhandenen Anlagen stoßen wir an finanzielle Grenzen, in jedem Fall dann, wenn der entsprechende Fördertatbestand aus dem GVFG im Jahr 2030 ausläuft. Daher benötigen wir einen verlässlichen Finanzierungsrahmen und langfristige Planungssicherheit. Gleichzeitig spüren wir auch im ÖPNV den Fachkräftemangel durch die ausscheidenden Babyboomer, gerade im Fahrdienst und in technischen Berufen. Diese drei Themen – Finanzierung, Transformation und Personal – sind aktuell die größten Aufgaben für unsere Branche. Hinzu kommt noch das Thema Sicherheit: Der schreckliche Vorfall kürzlich in Rheinland-Pfalz hat uns allen nochmal deutlich vor Augen geführt, dass wir zwar in der Branche in den letzten Jahren erhebliche Anstrengungen für mehr Sicherheit der Fahrgäste und des Personals unternommen haben, aber offenkundig ist das nicht ausreichend.

Was bremst oder aber unterstützt den Hochlauf von E-Bussen und
Ladeinfrastruktur derzeit am stärksten?

Viele Verkehrsunternehmen treiben den Umstieg auf emissionsfreie Busse bereits seit Jahren engagiert und erfolgreich voran. Entscheidend für den Hochlauf sind vor allem verlässliche Förderbedingungen und Planungssicherheit bei den Investitionen. Denn die Umstellung betrifft nicht nur die Fahrzeuge, sondern auch Betriebshöfe, Werkstätten und die Energieinfrastruktur. Wenn Politik durch Förderprogramme hier langfristige Perspektiven schafft, können die Unternehmen die Transformation deutlich schneller voranbringen. Insgesamt sind wir als Branche da auf einem sehr guten Weg, wir benötigen aber finanzielle Unterstützung.

Wo stehen kommunale Verkehrsunternehmen bei der Umstellung auf emissionsfreie Antriebe momentan in etwa, zum Beispiel auf einer Skala von eins bis zehn?

Viele Verkehrsunternehmen sind bereits mitten im Transformationsprozess. Elektrobusse sind vielfach schon im Einsatz im deutschen ÖPNV, weitere Fahrzeuge sind bestellt oder in Planung. Gleichzeitig ist die vollständige Umstellung von Flotten und Infrastruktur ein Projekt über viele Jahre. Wenn man die Branche insgesamt betrachtet, würde ich sagen: Wir sind mit der nötigen Geschwindigkeit auf dem richtigen Weg – aber bis zur vollständigen Transformation liegt noch ein gutes Stück vor uns.

Würden Sie sich eine dauerhafte Finanzierungszusage für das Deutschlandticket von Bund und Ländern wünschen? Falls ja, in welcher Höhe?

Wir haben seit Ende 2025 eine dauerhafte Finanzierungszusage vom Bund und von den Ländern in Höhe von drei Milliarden Euro bis 2030 und arbeiten gemeinsam an einem Index zur sachgerechten Weiterentwicklung des Preises. Aktuell besitzen rund 14,5 Millionen Menschen ein Deutschlandticket. Das ist nah an dem Ziel von 15 Millionen, das wir uns als Branche mit der Einführung des Tickets im Mai 2023 gesetzt hatten. Inzwischen sind wir der Überzeugung, dass wir auch weit über 15 Millionen Deutschlandtickets in den Markt bringen können, wenn die Rahmenbedingungen passen. Wir sehen zum Beispiel beim Jobticket oder den noch weitgehend fehlenden Angeboten für Auszubildende, dass das Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist. Entscheidend ist aus Sicht der Branche nicht nur, dass Bund und Länder die Finanzierung dauerhaft sicherstellen, sondern auch die sonstigen Rahmenbedingungen endlich verbindlich festlegen. Also zum Beispiel beim Preisindex und bei der Governance. Nur dann kann das Ticket langfristig stabil bleiben und gleichzeitig Raum für Angebotsverbesserungen schaffen.

Wie groß ist der Fachkräftemangel im kommunalen ÖPNV tatsächlich, und welche Maßnahmen sind nötig, um Personal langfristig zu gewinnen und zu halten?

Der Fachkräftemangel ist auch im öffentlichen Verkehr deutlich spürbar, auch wenn sich die Situation bei uns in der Branche gerade kurzfristig etwas entspannt, weil andere Branchen aus wirtschaftlichen Gründen Stellen abbauen müssen und diese Menschen dann neue, sichere Arbeitsplätze suchen. Davon profitieren wir. Aber mittel- bis langfristig suchen viele Verkehrsunternehmen nach Fahrerinnen und Fahrern, aber auch nach technischen Fachkräften. Denn wir wollen das ÖPNV-Angebot ausbauen – dafür brauchen wir natürlich auch mehr Personal. Deshalb investieren die Unternehmen stark in Ausbildung, Nachwuchsgewinnung und attraktive Arbeitsbedingungen. Wichtig ist dabei auch, den ÖPNV stärker als das zu zeigen, was er ist: eine Branche mit gesellschaftlicher Bedeutung und sicheren Arbeitsplätzen. Deshalb sind die aktuellen, öffentlichen Debatten über Arbeitsbedingungen in einer Branche, die seit Jahrzehnten faire Tarifverträge mit den Gewerkschaften abschließt, wenig hilfreich und nicht zielführend.

Wie hat sich die Rolle des steuerlichen Querverbunds zur Stabilisierung des ÖPNV vor dem Hintergrund der Energie- und Wärmewende verändert?

Der steuerliche Querverbund ist und bleibt für viele Kommunen ein zentrales Instrument zur Stabilisierung des öffentlichen Verkehrs. Gerade in Zeiten großer Investitionen – etwa durch Energie-, Wärme- und Mobilitätswende – zeigt sich, wie wichtig diese kommunalen Strukturen sind. Sie ermöglichen es, Infrastruktur und öffentliche Daseinsvorsorge gemeinsam zu denken und zu finanzieren. Deshalb bleibt der Querverbund auch künftig ein wichtiger Baustein für einen starken ÖPNV, auch wenn er aufgrund der wirtschaftlichen Lage in vielen Kommunen stärker unter Druck gerät.

Ergänzen neue Mobilitätsangebote wie On-Demand-Verkehre oder Sharing-Modelle den klassischen ÖPNV sinnvoll – oder erhöhen sie vor allem die Komplexität und Kosten für Kommunen?

Flexible Mobilitätsangebote waren und sind definitiv eine sinnvolle Ergänzung. Entscheidend ist, dass solche Angebote in ein integriertes öffentliches Verkehrssystem eingebunden sind. Dann erhöhen sie nicht die Komplexität, sondern verbessern die Erreichbarkeit und Attraktivität des Gesamtsystems für unsere Kundinnen und Kunden.

Danke für das Gespräch!

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