Trotz der zunehmenden Einspeisung von Erneuerbaren-Anlagen macht sich der intensive Netzausbau von Mitnetz Strom bemerkbar.

Trotz der zunehmenden Einspeisung von Erneuerbaren-Anlagen macht sich der intensive Netzausbau von Mitnetz Strom bemerkbar.

Bild: © your123/AdobeStock

"Regelbare Kraftwerke werden auch langfristig zur Gewährleistung von Versorgungssicherheit gebraucht“, betonte 50Hertz-Chef Stefan Kapferer am Freitag bei einem Pressegespräch. Eine beschleunigte Dekarbonisierung mache eine erneute Diskussion über das Strommarktdesign nötig.

Denn es sei fraglich, ob das jetzige Marktsystem ausreichend Anreize für Investitionen in regelbare Kraftwerke setze, die auch in Zukunft dringend zur Gewährleistung von Versorgungssicherheit in wind- und sonnenschwachen Zeiten gebraucht werden.

Derzeit nur regelbare Kraftwerke mit 1,2 GW in Bau – 60 GW nötig

Mit dem Ausstieg aus der Kernenergie und der Kohleverstromung bis 2030 verliere Deutschland über 50 Gigawatt (GW) gesicherte Leistung. Nötig seien jedoch rund 60 Gigawatt an regelbarer Kraftwerksleistung. Derzeit seien jedoch nur wenige dieser Kraftwerke – mit einer Gesamtkapazität von 1,2 GW – im Bau, die mit Erdgas oder grünem Methan betrieben werden können. Planungen für weitere Kraftwerke lägen auf Eis, weil es keine Finanzierungsperspektive gebe. Die Gesamtleistung der Reservekraftwerke liege derzeit bei rund 1 GW.

Vor diesem Hintergrund hat 50Hertz beim Beratungsunternehmen Consentec eine Untersuchung in Auftrag gegeben, um den Effekt von Kapazitätsmechanismen auf die Stromkosten von Endverbrauchern zu betrachten. Darin werden fünf verschiedene Modelle miteinander verglichen: der derzeitige Energy Only Markt (EOM) plus Kapazitätsreserve sowie ein reiner EOM 2.0 ohne Reserveleistung, ein zentraler und ein dezentraler Kapazitätsmarkt, wie sie in anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder Polen üblich sind, sowie ein Modell der Betriebs- und Investitionsbeihilfen. Betrachtet  wurden in der Untersuchung auch Demand Side Response und weitere Flexibilitätsoptionen.

Energy Only Markt nicht die kosteneffizienteste Lösung

"Die vergleichende Analyse zeigt, dass der heutige, auf dem Energy Only Markt basierende Mechanismus, langfristig nicht zwangsläufig die kosteneffizienteste und beste Lösung ist", so Dirk Biermann, Geschäftsführer Märkte und Systembetrieb von 50Hertz. So seien für das Vorhalten gesicherter Leistung jährlich rund 2,6- 2,8 Milliarden Euro nötig, unabhängig davon, ob man auf einen Kapazitätsmarkt oder wie bisher einen EOM setze.

Der EOM biete jedoch kaum Anreize, heute in Kraftwerke zu investieren, die vielleicht erst in einigen Jahren nach dem vollständigen Ausstieg aus der Steinkohle- und dem überwiegenden Ausstieg aus der Braunkohleverstromung erforderlich seien. "Angesichts der auch bei Kraftwerken langen Planungs- und Genehmigungszeiträume halten wir es für wichtig, rechtzeitig auf die Installation eines geeigneten Marktmechanismus hinzuwirken, der diese Situation lösen kann", betonte Biermann.

Auch Flexibilitäten auf der Verbrauchsseite verstärkt nutzen

Für entscheidend hält 50Hertz auch die Flexibilitäten auf der Verbrauchsseite künftig verstärkt in Maßnahmen zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit einzubeziehen. Dies gelte auch für kleine Verbraucher mit steuerbaren Einrichtungen wie Heimspeichern oder Batterien von Elektroautos. Chancen diese Potentiale verstärkt zu nutzen, biete die Digitalisierung. Nötig sei ein Consumer Market Modell.

Als zweite zentrale Herausforderung betrachtet Kapferer die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren von erneuerbaren Erzeugungsanlagen wie Windrädern oder Solarparks sowie Stromleitungen oder Umspannwerken. Denn um den höheren Strombedarf infolge der Dekarbonisierung decken zu können, sei ein beschleunigter Ausbau der erneuerbaren Energien an Land und auf dem Meer in Verbindung mit einem starken Ausbau der Übertragungsnetzinfrastruktur erforderlich. Das funktioniere aber nur, wenn die Verstärkung oder der Bau von Windkraftanlagen, Solarparks, Stromleitungen oder Umspannwerken nicht durch jahrelange bürokratische Verfahren verzögert würden.

Verfahrensbeschleunigung – Netze etwas auf Vorrat bauen

Zur Verfahrensbeschleunigung müssten beispielsweise Doppelprüfungen zur Umweltverträglichkeit entschlackt, mehr Rechtssicherheit für die Entscheidungen von Behördenmitarbeitern geschaffen und zusätzliche Stellen beim zuständigen Bundesverwaltungsgericht geschaffen werden, fordert Kapferer. Nötig sei das Vordenken eines Klimaneutralitätsnetzes 2045, mit einer entsprechend klaren Priorisierung von Vorhaben durch die Politik und deren nachgelagerte Behörden.

Grundsätzlich stelle sich die Frage, ob der Ansatz der bisherigen Regulierung richtig sei, der darauf abziele, möglichst einen unnötigen Netzausbau verhindern zu wollen. Oder ob es nicht angesagt sei, künftig "Netze etwas auf Vorrat" zu bauen, so der 50Hertz-Chef. (hcn)

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