Auf 645 bis 665 Terawattstunden (TWh) soll der Stromverbrauch in Deutschland bis im Jahr 2030 laut einer ersten Neuschätzung der vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) beauftragten Prognos AG steigen. Dies sind bis zu 15 Prozent mehr als die bisher vom BMWi veranschlagten 580 TWh.
Bei einem Pressegespräch am Dienstag präsentierte Peter Altmaier diese Zahlen als erste Neueinschätzung. Eine endgültige Prognose folge im Herbst 2021, so der Bundeswirtschaftsminister. Anlass für die Neuberechnung seien die ambitionierteren Klimaziele, das novellierte Klimaschutzgesetz, der verstärkte Markthochlauf der Elektromobilität, von Wärmepumpen und von grünem Wasserstoff, so der Bundeswirtschaftsminister.
Mehr E-Autos, Wärmepumpen und grüner Wasserstofff bis 2030
Konkret rechnet das BMWi bzw. Prognos bei der Neuabschätzung des Strombedarfs mit 14 Millionen Elektro-Pkw, 6 Mio. Wärmepumpen sowie 30 TWh Strom für grünen Wasserstoff bis zum Jahr 2030. Gleichzeitig unterstrich Altmaier angesichts des höheren Strombedarfes die Notwendigkeit eines schnelleren Ausbaus der erneuerbaren Energien, vor allem der Windkraft an Land, sowie des Ausbaus der Übertragungs- und Verteilnetze.
Deshalb plädiert der Bundeswirtschaftsminister für konkrete Vorgaben bei vorzuhaltenden Flächen für neue Onshore-Windräder sowie eine Straffung der Planungs- und Genehmigungsverfahren, vor allem in puncto Natur- und Artenschutz. Hierzu sei jedoch auch die Zustimmung der Umweltminister der Länder nötig. Zudem sprach sich Altmaier dafür aus, künftig bei energetischen Gebäudemodernisierungen auch Investitionszuschüsse für den Einbau von PV-Anlagen und Wärmepumpen anzubieten. Erforderlich sei auch der Bau von mindestens einer, "wenn nicht zwei", zusätzlichen HGÜs bis Anfang der 2030er Jahre, neben den bereits geplanten drei neuen Stromautobahnen.
Altmaier: Contra gesetzliche Regelung zur Spitzenglättung
Erneut unterstrich Altmaier seine ablehnende Haltung gegenüber einer gesetzlich verpflichtenden Spitzenglättung, wie es das von ihm zurückgezogene Steuerbare-Verbrauchseinrichtungen-Gesetz vorsah. Stattdessen setzt er auf freiwillige Vereinbarungen von großen Stromverbrauchern mit den Netzbetreibern. "Ich glaube, dass es richtig ist, dass der Strom dann aus der Steckdose kommt, wenn man ihn braucht", so der Wirtschaftsminister. Dies gelte auch für das Laden von E-Autos mit Wallboxen.
"Eine realistischere Prognose des Strombedarfs ist längst überfällig", kommentierte Kerstin Andreae, die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung die Neuschätzung. Doch gehe der BDEW von einem noch größeren Strombedarf in Höhe von etwa 700 TWh bis 2030 aus. Zudem sei bis dahin ein höherer Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung von 70 Prozent und entsprechender Ausbau nötig. Auch müssten die notwendigen Netz-Investitionen für Investoren und Kapitalgeber attraktiv bleiben.
Liebing: Unterer Rand der derzeit diskutierten Größenordnungen
"Der nun vorgestellte Wert von rund 655 TWh liegt sicher am unteren Rand der derzeit diskutierten Größenordnungen", erklärte VKU-Chef Ingbert Liebing. Wichtiger als die absolute Höhe sei aber, dass es für die notwendigen Umbaumaßnahmen des Energie- und Wirtschaftssystems deutlich mehr Strom braucht, um die Klimaneutralität 2045 zu erreichen. Dass das Bundeswirtschaftsministerium dies nunmehr auch offiziell anerkennt, sei begrüßenswert.
Entscheidend sei nun, den Ausbau der erneuerbaren Energien stringent anzugehen, so Liebing. Zudem brauche es beim Ausbau der Energieinfrastruktur einen gesetzlichen Rahmen, der Investitionen anreize statt auf Kostenersparnisse zu setzen.
Peter: Es fehlen noch 100 TWh
Auch Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE), geht die korrigierte Stromverbrauchsprognose von Altmaier nicht weit genug. Um die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 Prozent zu senken, seien rund 100 TWh mehr Strom nötig als nun vom Bundeswirtschaftsminister veranschlagt.
"Altmaiers Energiepolitik funktioniert nach dem Prinzip: Immer erst handeln, wenn es gar nicht mehr anders geht", erklärte die grüne Bundestagsabgeordnete Ingrid Nestle. Dass die Stromverbrauchsprognosen des BMWi und die beschlossenen Ausbauziele für die Erneuerbaren nicht kompatibel mit dem Pariser Klimaschutzabkommen sind, sei schon seit längerem bekannt. (hcn)



