Bundeswirtschaftsminister hat die Absichtserklärung zur Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien unterzeichnet.

Bundeswirtschaftsminister hat die Absichtserklärung zur Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien unterzeichnet.

Bild: © BPA/Steffen Kugler

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat eingeräumt, dass sein Ressort bisher unterschätzt habe, wie stark der Strombedarf in Deutschland im Zuge der Energiewende steigen dürfte. "Wir müssen durch die verschärften Klimaziele Deutschlands und der EU von einem deutlich höheren Strombedarf ausgehen, als es bisher zugrunde gelegt wurde. Dazu wird mein Haus neue Berechnungen vorlegen", sagte Altmaier der "Wirtschaftswoche" in einem Doppelinterview mit der Chefin des Energieverbandes BDEW, Kerstin Andreae.

"Das heißt dann weiter, dass wir mehr Energie produzieren müssen, und zwar aus allen verfügbaren erneuerbaren Quellen: Windkraft und Fotovoltaik", sagte Altmaier. "Ich werde konkrete Vorschläge vorlegen, wie wir die Offshore-Windkraft auf hoher See und die übrigen erneuerbaren Energien viel stärker ausbauen können, als bisher geplant."

Genehmigungen "binnen eines Jahres"

Für "grünen Wasserstoff" zum Einsatz etwa in der Stahlindustrie oder den Ausbau der Elektromobilität wird aus Sicht vieler Experten in den kommenden Jahren erheblich mehr Strom benötigt, der aus erneuerbaren Energien kommen soll.

Altmaier sagte außerdem, Genehmigungen sollten künftig im Normalfall binnen eines Jahres vollzogen sein. "Damit das gelingt, muss Naturschutzrecht in Deutschland endlich einheitlich ausgelegt werden." Hier sei Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) in der Bringschuld.

Windkraft an Land als Hemmschuh

Bei der Energiewende kommt derzeit auch aus Sicht der Windbranche vor allem der Ausbau der Windkraft an Land nicht schnell genug voran. Als Gründe gelten lange Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie viele Klagen vor Ort, vor allem aus Artenschutzgründen.

Lob für seine Kehrtwende bekommt Altmaier vom Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). "Besser spät als nie" habe der Minister eingestanden, dass die "Prämissen der Energiewende bislang falsch gesetzt wurden", sagte Präsidentin Simone Peter.

Erheblicher Strombedarf im Wärme- und Verkehrssektor

Laut BEE erhöht sich der Bruttostromverbrauch von 571 TWh (Stand 2019) auf 745 TWh im Jahr 2030. Der klassische Stromverbrauch nehme aufgrund sehr ambitionierter Effizienzannahmen um 48 Terawattstunden (TWh) ab. Die Netzverluste, der Eigenverbrauch der Kraftwerke und Speicherverluste verringerten sich insgesamt um 8 TWh.

Der zusätzliche Strombedarf von 205 TWh im Wärme- und Verkehrssektor für Wärmepumpen, Elektromobilität und Sektorenkopplungstechnologien (PtX) überkompensiere jedoch diesen Rückgang, sodass der gesamte Bruttostromverbrauch bis 2030 um rund 174 TWh steigt, rechnet der BEE vor.

PtX, wie grüner Wasserstoff, und Elektromobilität nähmen mit 110 TWh bzw. 45 TWh den größten Anteil am zusätzlichen Stromverbrauch ein. Wärmepumpen erhöhen laut BEE den Strombedarf um 29 TWh. Für die direkte Stromnutzung für Prozesswärme kämen 21 TWh hinzu.

Erneuerbaren-Anteil am Bruttoendenergieverbrauch mehr als verdoppeln

"Entsprechend deutlich höherer Annahmen zum Bruttostrombedarf muss auch der Ausbau Erneuerbarer Energien dringend beschleunigt werden, um die befürchtete Ökostromlücke aufgrund höherer Klimaziele nicht noch zu vergrößern", sagte Peter weiter.

Nach dem BEE-Szenario 2030 muss der Erneuerbaren-Anteil am gesamten Bruttoendenergieverbrauch mehr als verdoppelt werden: von 17 Prozent (Stand 2019) auf 44 Prozent im Jahr 2030. Im Verkehrs- und Wärmesektor seien die Anteilssteigerungen von 6 auf 38 Prozent bzw. von 15 auf 49 Prozent besonders signifikant.

"Mehr Allgemeinplätze als Brücken in Venedig"

In dem Doppel-Interview äußerte sich Altmaier auch zu den jüngsten Klimaschutz-Vorschlägen der Grünen und die Diskussion über Benzinpreise. "Dadurch dass Frau Baerbock die 16 Cent willkürlich in die Debatte geworfen hat, ohne ein schlüssiges Gesamtmodell vorzulegen, schadet sie der Debatte über Klimaschutz und seiner Akzeptanz. Im Entwurf des Grünen-Wahlprogramms gibt es leider mehr Allgemeinplätze als Brücken in Venedig", so der Ressortchef.

"Wir brauchen außerdem soziale Ausgewogenheit, was bei den Grünen nicht der Fall ist: Ihre Vorschläge begünstigen gut verdienende Städter gegenüber Bürger auf dem Land eindeutig", sagte Altmaier. (dpa/hil)

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