Die Energiewende hat zurzeit einen schweren Stand in der deutschen Wirtschaft. Das zeigte jüngst eine Studie der Unternehmensberatung Atreus. Das bestätigt nun auch das Energiewende-Barometer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK).
Demnach bleibt der Zeiger bei der Frage, wie die befragten rund 3300 Unternehmen die Auswirkungen der Energiewende auf die Wettbewerbsfähigkeit ihres Geschäfts bewerten, im orangen Bereich. Von einer Skala von -100 (sehr negativ) bis +100 (sehr positiv) liegt der Wert bei -20. Im Vorjahr war mit -27 ein Allzeittief erreicht worden.
"Doppelt so hohe Stromkosten wie vorher"
Die Wirtschaftszweige, die die Lage am negativsten bewerten, sind die Industrie (-34) und die Baubranche (-30). Für beide Bereiche spielen vor allem die hohen Energiepreise eine große Rolle.
"Wir haben weiterhin die Situation, dass wir doppelt so hohe Stromkosten haben wie vorher", sagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Gaskosten lägen bei dem Vier- oder Fünffachen der USA. "Das alles belastet Unternehmen."
Auf Nachfrage konkretisierte Dercks, dass die Preise zwar seit der Energiekrise wieder nach unten gegangen seien, aber trotzdem noch nicht das Vorkrisenniveau erreicht hätten. So koste das Strom-Frontjahr derzeit mehr als 90 Euro pro Megawattstunde (MWh), während es zwischen den Jahren 2017 und 2020 bei 32 bis 48 Euro pro MWh gelegen habe.
US-Gaspreise viel niedriger
Bei Gas liege das jetzige Preisniveau auf den Gasmärkten zwischen 40 und 50 Euro pro MWh, während die Megawattstunde in den USA für zehn Euro oder weniger zu haben sei.
Tatsächlich lag der Gaspreis am niederländischen Handelsplatz TTF zuletzt eher zwischen 35 und 40 Euro pro MWh. Vor der Energiekrise galten 20 Euro pro MWh in Europa als Richtwert.
Viele Unternehmen denken über Abwanderung nach
Laut DIHK hat die Deindustrialisierung in Deutschland bereits begonnen. Die Umfrageergebnisse verfestigten den Trend weg vom Standort Deutschland, schilderte Dercks. Demnach denkt inzwischen mehr als jedes zweite Industrieunternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern über Produktionseinschränkungen in Deutschland und eine Abwanderung ins Ausland nach. Das sind acht Prozentpunkte mehr als im Vorjahr und 14 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2022.
Mit Blick auf die ganze Industrie wirkt das Bild weniger dramatisch. Demnach denken 37 Prozent aller Industriebetriebe über einen Produktionsrückgang und eine Abwanderung ins Ausland nach. Das sind fünf Prozentpunkte mehr als im Vorjahr und 16 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2022. Kleine Industriebetriebe bekommen ihre Energie häufiger von Stadtwerken.
Sorgen um Netzentgelte
Der Glaube, dass die Ampel in den verbleibenden gut 13 Monaten die Situation noch verbessert, scheint in der Wirtschaft gering zu sein. Dass die angekündigte Wachstumsinitiative wie von der Ampel versprochen einen zusätzlichen Wachstumsschub von 0,5 Prozent bringt, hält der DIHK für unwahrscheinlich.
Große Sorgen macht sich der Verband über künftige Energiepreise in Deutschland. Beispiel Strompreise: "In der Wirtschaft glaubt keiner daran, dass die Netzentgelte nicht steigen werden", sagte Dercks. Tatsächlich kündigte die Ampel bei Vorstellung des Haushaltskompromisses zwar eine Entlastung bei Netzentgelten an. Unklar blieb allerdings, wie genau sie das schaffen will.
Streit um Netzentgeltsenkung
Fakt ist, dass allein die Übertragungsnetzbetreiber mit Investitionskosten von 328 Milliarden Euro bis 2045 rechnen. Dazu dürften rund 200 Milliarden Euro an Verteilnetzkosten kommen.
Ein vom grünen Wirtschaftsminister Robert Habeck favorisiertes Amortisationskonto zum Strecken der Netzentgelte stieß bislang bei der FDP auf Widerstand. Die Liberalen waren es auch, die sich im Dezember gegen einen milliardenschweren Bundeszuschuss zur Dämpfung der Netzentgelte aussprachen.
Zweifel bei Kraftwerksstrategie
Große Zweifel hat der DIHK, ob die Kraftwerksstrategie so zügig umgesetzt wird, wie die Ampel-Koalition dies zugesichert hat. "Ob und wie das bis 2030 gelingen soll, da haben viele ein Fragezeichen", sagte Dercks. Er erinnerte zudem daran, dass auch hier Kostensteigerungen auf Unternehmen zukommen könnten.
Tatsächlich ist für die Finanzierung mancher Gaskraftwerke sowie des geplanten Kapazitätsmechanismus eine Stromumlage geplant, die wohl aber frühestens 2028 Wirkung entfalten dürfte. Der DIHK sprach sich jüngst für eine Absicherungspflicht anstelle eines umfassenden Kapazitätsmechanismus aus, um Kosten zu drücken.
Steuersenkung gefordert
Dercks plädierte einmal mehr für eine Senkung von Steuern und Abgaben aus, ohne allerdings konkret zu werden, welche Potenziale es hier für die energieintensive Energie überhaupt noch gibt. Die Senkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß soll laut Ampel-Einigung für das produzierende Gewerbe verlängert werden.
Bei den restlichen Steuern und Abgaben handelt es sich nur um Beträge, die weniger als ein Cent pro Kilowattstunde (kWh) betragen.
Wasserstoff nur "Überschrift mit Kernnetzplanung"
Auch das Thema Wasserstoff griff Dercks auf. Für ihn handelt es sich dabei weiterhin nur um "eine Überschrift plus eine Kernnetzplanung." Das alleine reiche nicht.
Viele Mittelstandsunternehmen fänden sich bei den jetzigen Planungen nicht wieder, sagte der DIHK-Vertreter. "Umso wichtiger ist, dass jetzt Klarheit herrscht, was mit dem Verteilnetz passiert." Nur so könnten viele Unternehmen wissen, ob sie mit der Lieferung von Wasserstoff planen und entsprechend investieren könnten.
3283 Teilnehmer
Die DIHK führt jährlich das Energiewende-Barometer durch. Diesmal nahmen nach eigenen Angaben exakt 3283 Unternehmen teil. Die Antworten kamen in diesem Jahr gut zur Hälfte aus der Dienstleistungsbranche (56 Prozent), gefolgt von Industrieunternehmen (23 Prozent), Handel (14 Prozent) und Bauwirtschaft (sechs Prozent). (aba)



