30 Minuten hatte die Industriegewerkschaft IG Metall Patrick Graichen, dem verbeamteten Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, eingeräumt, um in einem Impulsvortrag seine Gedanken über die Energiewelt der Zukunft zu teilen. Und diese 30 Minuten nutzte der frühere Agora-Energiewende-Chef und in Energiefragen wohl einflussreichste Berater von Minister Robert Habeck, um einen großen Bogen zu spannen – von der Wärmewende bis zum Ausbau der erneuerbaren Energien. Die wichtigsten Punkte im Überblick:
Streitthema Wärmewende
Hier gibt es aus Teilen der Energiebranche die Befürchtung, dass der vom Bundeswirtschaftsministerium federführend erarbeitete und vom Bundeskabinett verabschiedete Heizungsentwurf zwar Technologieoffenheit suggeriert, in der Praxis aber Alternativen zur Wärmepumpe wie wasserstofffähige Heizungen ausschließt. Graichen sagte nun, er sei bei dieser Frage "komplett technologieneutral". Grundsätzlich gehe es um die Frage, wie klimaneutrale Wärme in Ein- und Zweifamilienhäusern und in Innenstädten bereitgestellt werden könne.
Es sei nur so, dass Wasserstoffheizungen in Ein- und Zweifamilienhäusern die teurere Option sein würden, wenn man Anschaffungs- und Betriebskosten zusammen betrachte. "Dann werden sich die Leute da Wärmepumpen einbauen." Dieser Trend lasse sich bereits in anderen Teilen der Welt wie den USA oder Norwegen beobachten.
Anders stelle sich die Lage im Übrigen in Innenstädten dar, führte Graichen aus. Dort würden es Fernwärmenetze sein, in die man Wärme aus Biomasse, Abwärme aus der Industrie, Großwärmepumpen oder Geothermie einspeise.
Und wie hält es der Staatssekretär selbst? "Mein Haus wird mit Biomasse geheizt", verriet der Spitzenbeamte.
Streitthema Industriestrompreis
Wie ein Ministeriumsbeamter tags zuvor bereits durchblicken ließ, scheint Habeck eine Umwidmung von Geldern aus dem noch gut gefüllten Sondertopf vorschlagen zu wollen, der unter anderem für die Finanzierung der Energiepreisbremsen aufgesetzt wurde. Ein Konzept dafür soll Anfang Mai vorgelegt werden.
Ziel sei es, günstigen Strom aus erneuerbaren Energien direkt der Industrie zuzuweisen. Dafür müssten in der Nähe von Gewerbegebieten zusätzliche Windflächen ausgewiesen werden. Dann könnten Industrieunternehmen den Strom ohne Netzentgelte und andere Abgaben beziehen.
Graichen schränkte ein, dass nur energieintensive Industriebetriebe den vergünstigten Strom erhalten dürften. Diese bräuchten dann jedoch Preise in der Größenordnung von fünf bis sechs Cent pro kWh.
Geht es nach dem Wirtschaftsministerium, sollen die Preise auch schon kurzfristig sinken – mithilfe zusätzlicher staatlicher Subventionen. Dabei gebe es jedoch zwei Herausforderungen, sagte Graichen. Herausforderung eins: "Lindner", sprich Christian Lindner, FDP-Bundesvorsitzender und Bundesfinanzminister. Dieser erteilte bislang zusätzlichen Mitteln aus dem Haushalt eine Absage.
Und Herausforderung zwei: "Brüssel", sprich die Europäische Union. Hier besteht die Sorge, dass das vergleichsweise reiche Deutschland mit einem Alleingang beim Industriestrompreis den europäischen Binnenmarkt verzerren könnte. "Das ist eine nicht ganz unberechtigte Frage", gestand Graichen zu. "Deshalb muss man eigentlich ein Konzept haben, das europaweit trägt."
Streitthemen Kohleausstieg und Gasbrücke
"Idealerweise" will die Ampelkoalition bereits im Jahr 2030 komplett aus der Kohle aussteigen. Mit RWE, dem größten Kohlekraftwerkebetreiber in Westdeutschland, gibt es inzwischen eine entsprechende Einigung. Eine Übereinkunft mit dem Leag-Konzern, der die großen ostdeutschen Braunkohlekraftwerke betreibt, steht jedoch aus.
Graichen glaubt jedoch, dass eine Einigung wegen stark steigender CO2-Preise im Emissionshandel möglicherweise gar nicht nötig sei. Kohlekraftwerke würden dann allein aus Marktgründen ausscheiden. Für Zeiten der sogenannten Dunkelflaute, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint, befürwortete Graichen einmal mehr wasserstofffähige Gaskraftwerke.
Noch 2023 werde es die Aufgabe seines Ministeriums sein, die Rahmenbedingungen für den Bau solcher Kapazitäten zu schaffen. Die erste Ausschreibung stellte Graichen für Ende dieses Jahres in Aussicht.
Streitthema Verbrenneraus
Wie lange werden Autobauer noch Fahrzeuge mit Verbrennermotoren verkaufen? Geht es nach Graichen, wird das Aus hier "marktgetrieben" noch deutlich vor 2035 kommen. Norwegen sei beispielsweise schon jetzt komplett Richtung Elektromobilität gekippt, sagte der Staatssekretär. Der Kipppunkt sei erreicht worden, als Elektroautos wegen staatlicher Entlastungen genauso günstig gewesen seien wie Verbrenner.
Das sei auch in Deutschland nicht mehr weit weg, sagte Graichen. "VW hat den ID.2 [Golf-Elektronachfolger, Anm. d. Red.] für 25.000 Euro für 2025 angekündigt. Ich würde sagen, dass [das Jahr] 2025 ein guter Indikator dafür ist, wann der Markt im Zweifel komplett kippt."
Autos, die mit sogenannten E-Fuels betankt werden, dürften aus Graichens Sicht dagegen wegen des geringen Wirkungsgrads künftig kaum eine Rolle spielen. Er sei bei dieser Frage "entspannt", sagte der Staatssekretär. "Dann fahren halt ein paar Porsches oder Bugattis mit E-Fuels herum. Das werden aber nur diejenigen tun, die sich diesen Unsinn leisten wollen."
Ausbau der erneuerbaren Energien
Hier zeigte sich Graichen ausgesprochen optimistisch. Seit mehreren Monaten würden Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundeswirtschaftsminister Habeck kontinuierlich im Rahmen von Energiesicherheitsrunden informiert, wo die Bundesrepublik gerade beim Erneuerbaren- und Netzausbau stehe.
"Da ist ein völlig anderer Drive dahinter, als man das vielleicht in den Vorjahren hatte. Wir merken, dass auch in den Bundesländern eine völlig andere Dynamik herrscht."
Noch zum Wochenauftakt hatte Graichen die jährlich stattfindende europäische Windmesse in Kopenhagen besucht. Sein Eindruck danach: "In der Windbranche herrscht wieder Aufbruchstimmung." Mehrere Anlagenhersteller hätten berichtet, dass sie Licht am Ende des Tunnels sehen und sich die Auftragsbücher für 2024 langsam füllen würden. Das "Tal der Tränen" der vergangenen Jahre sei durchschritten.
Eines stehe jedenfalls fest, bilanzierte Graichen: Windkraft und Photovoltaik seien "natürlich ein großer Wachstumsmarkt". Die Frage sei, ob dies "made in Germany" gelinge.
Prinzipiell müsse Europa aber mit Blick auf die ambitionierten US-Klimagesetze keine Angst haben, kommentierte der Spitzenbeamte. Die künftigen Erneuerbaren- und Wasserstoffmärkte seien riesig. Die Frage sei nicht, ob Geldgeber in den USA oder in Europa investierten. Wenn Europa attraktive Bedingungen biete, werde auf beiden Kontinenten Geld ausgegeben. (aba)



