Frank Wetzel ist beamteter Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium.

Frank Wetzel ist beamteter Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium.

Bild: © Ecke/BDEW

Von Andreas Baumer

Das Wort "zentraler Kapazitätsmarkt" nahm Frank Wetzel, Energiestaatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, zwar auch auf ZfK-Nachfrage nicht in den Mund. Es deutet aber alles darauf hin, dass sich sein Haus für dieses Modell entscheiden wird. Hauptmerkmal eines zentralen Kapazitätsmarkts ist die Festlegung eines Kapazitätsbedarfs durch einen staatlich beauftragten Akteur. Dieser Kapazitätsbedarf wird dann zentral ausgeschrieben.

Der vom früheren Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bevorzugte kombinierte Kapazitätsmarkt, der sowohl zentrale Ausschreibungen als auch einen dezentralen Handel von Kapazitäten umfassen sollte, sei vom Ministerium "begraben" worden, erfuhr die ZfK aus gut unterrichteten Kreisen.

EU-Beihilferahmen Cisaf

Als Argument für den Schwenk hin zum zentralen Kapazitätsmarkt wird unter anderem der EU-Beihilferahmen Cisaf angeführt, der dieses Jahr veröffentlicht wurde. Demnach kann die EU-Kommission Kapazitätsmechanismen schnell genehmigen, wenn diese bestimmten Kriterien entsprechen.

Als Zielmodelle werden eine strategische Reserve und ein marktbasierter "zentraler Käufermechanismus" genannt. Im Kriterienkatalog ist dann von Derating-Faktoren und Strafzahlungen für Kapazitätsanbieter die Rede, die klassische Merkmale eines zentralen Kapazitätsmarktes sind. Der EU-Kommission dürften, so die Argumentation, von ihr bereits genehmigte zentrale Modelle wie der britische oder belgische Kapazitätsmarkt vorschweben.

Deutschland könne ja von den Erfahrungen der Nachbarländer lernen, sagte Staatssekretär Wetzel bei der BDEW-Veranstaltung Treffpunkt Netze und verwies explizit auf die Vorbilder Belgien und Großbritannien. Der Kapazitätsmarkt solle "nicht überkomplex" ausgestaltet werden, fuhr er fort. "Ein Stück versuchen wir aus dem Ausgestaltungsdesign der Kraftwerksstrategie zu lernen."

Was ist ein Kapazitätsmarkt?

Ein Kapazitätsmarkt ist ein Strommarktdesign, das sicherstellen soll, dass zu jedem Zeitpunkt genug Kapazität zur Verfügung steht, um die Stromnachfrage zu decken – auch in Zeiten hoher Stromnachfrage oder wenn Wind- und Solarenergieanlagen nur wenig Strom liefern. Im normalen Strommarkt (Energy-Only-Markt) werden Kraftwerke nur für den tatsächlich gelieferten Strom bezahlt. Der Kapazitätsmarkt bietet zusätzliche Zahlungen für die Bereitstellung von Leistung, in der Regel Kraftwerksleistung, an.

Kraftwerksstrategie Art vorgezogener Kapazitätsmarkt

Interessant hierbei: Im Grunde kann die Kraftwerksstrategie, also die Ausschreibung von Gaskraftwerken, als eine Art vorgezogener zentraler Kapazitätsmarkt interpretiert werden. Die Herausforderung: Auch hier schreibt die EU eigentlich bereits eine technologieneutrale Ausschreibung vor – zumindest wenn es um Kraftwerke geht, die der Versorgungssicherheit dienen sollen.

Unter Habeck wurde dies so gelöst: Die Ausschreibungsbedingungen für den versorgungssicherheitsrelevanten Teil der Kraftwerke wurden so eng gefasst, dass im Grunde nur Gaskraftwerke infrage kamen, selbst wenn im Gesetzestext von Gaskraftwerken nicht explizit die Rede war (erst in den Anlagen wurden sie erwähnt). Wetzel deutete an, dass sein Haus das nun wieder so handhaben wird.

Neues zu Zeitleiste

Für einen zentralen Kapazitätsmarkt spricht übrigens auch die straffe Zeitleiste. Mit der EU-Kommission sei bereits die Einführung des "möglichst technologieoffenen" Kapazitätsmarkts für Ende 2027, Anfang 2028 vereinbart, verriet Wetzel. Später konkretisierte er, dass 2027 zumindest alle maßgeblichen Entscheidungen getroffen werden sollten. Die Kommission dürfte sich mit der Genehmigung deutlich leichter tun – siehe EU-Beihilferahmen Cisaf –, wenn der deutsche Kapazitätsmarkt bereits genehmigten Modellen ähnelt.

Der Schwenk hin zum zentralen Kapazitätsmarkt würde einen Rückschlag für weite Teile der Stadtwerkewelt bedeuten. Sowohl der größte Stadtwerkeverband VKU als auch das größte Stadtwerkenetzwerk Thüga hatten sich für die Einbindung eines dezentralen Kapazitätsmarkts eingesetzt, in dem Bilanzkreisverantwortlichen, also oftmals Stadtwerken, eine bedeutende Rolle zufallen würde. Sie sprachen sich deshalb für einen kombinierten Kapazitätsmarkt aus.

Andere einflussreiche energiewirtschaftliche Akteure wie Deutschlands größter Stromerzeuger RWE oder die vier Übertragungsnetzbetreiber hielten dagegen bereits im vergangenen Jahr einen zentralen Kapazitätsmarkt für die beste Lösung. Auch die Stadtwerke-Kooperation Trianel war dieser Ansicht.

Der offenkundige Meinungsumschwung des Bundeswirtschaftsministeriums in der Kapazitätsmarktdebatte wurde am Mittwoch von Kerstin Andreae, der Vorsitzenden der BDEW-Geschäftsführung, begrüßt. Das finde ihr Verband "super", sagte sie. Man habe in der Vergangenheit Kapazitätsmodelle diskutiert, "die so komplex waren, dass sie schwer zu verstehen waren." Sie meinte dabei offensichtlich den kombinierten Kapazitätsmarkt. Deshalb sei der jetzige Ansatz, zügig voranzukommen und sich ein Beispiel an anderen europäischen Kapazitätsmärkten zu nehmen, "total wichtig".

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