Bis 2028 soll es auch in Deutschland einen Kapazitätsmechanismus geben. Wie genau dieser ausfallen soll, wird derzeit leidenschaftlich debattiert.

Bis 2028 soll es auch in Deutschland einen Kapazitätsmechanismus geben. Wie genau dieser ausfallen soll, wird derzeit leidenschaftlich debattiert.

Bild: © Julian Stratenschulte/dpa

Einmal mehr spaltet sich die deutsche Energiewirtschaft – zwischen den großen Stromerzeugern und Netzbetreibern auf der einen und den vielen Stadtwerken auf der anderen Seite. Dieser Eindruck lässt sich zumindest nach den Festlegungen der vergangenen Tage zum künftigen Kapazitätsmarkt-Modell gewinnen.

Da sind zum einen die vier Übertragungsnetzbetreiber Amprion, Tennet, 50Hertz und Transnet BW, die einen zentralen Kapazitätsmarkt für besonders geeignet halten.

Große Stromerzeuger für zentralen Kapazitätsmarkt

Da ist zudem RWE, der mit Abstand größte Stromerzeuger Deutschlands. Auch für den Essener Konzern steht fest: Ein zentraler Kapazitätsmechanismus muss her. Dieses Modell lasse sich, "wenn es einfach designed ist", am besten umsetzen, um den erforderlichen Neubau an Back-up-Kapazität anzureizen, sagte Vorstandschef Markus Krebber bereits Mitte August. (Die ZfK berichtet.)

Auch andere große Stromerzeuger wie EnBW, Uniper und Iqony haben sich bereits für ein Modell mit zentralen Kapazitätsausschreibungen ausgesprochen. Sie vereint, dass sie selbst Interesse angemeldet haben, an den kommenden Kraftwerksausschreibungen teilzunehmen, die der Einführung eines Kapazitätsmarktes vorangehen.

Positionierung "vor allem aus Eigenoptimierung heraus"

Die Kommunalwirtschaft hält fleißig dagegen. "Diejenigen Großkonzerne und [Übertragungsnetzbetreiber], die aktuell für einen zentralen Kapazitätsmarkt only trommeln, tun das vor allem aus Eigenoptimierung heraus", schrieb Kai Lobo, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Stadtwerkeverbands VKU, über seinen privaten Linkedin-Account. "Sie wollen ganz offensichtlich nur mit großen zentralen Einheiten wirtschaften und sehen kleinere Flexibilitäten nicht als ihr maßgebliches Geschäftsfeld an."

Geht es nach Lobo, werden aber gerade kleinere Flexibilitäten wie Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge, kleinere Speicher und durchaus auch flexible Erneuerbaren-Erzeugung in Zukunft den "übergroßen" Flexibilitätsbeitrag für das Energiesystem liefern. Daraus könnten sich neue Geschäftsfelder für Stadtwerke ergeben. Auch deshalb favorisiert der VKU einen kombinierten Kapazitätsmarkt, also einen Mix aus zentralem und dezentralem Modell, der besser flexible Lasten vor Ort einbinden kann.

Thüga für dezentralen Markt

Am Mittwoch legte Deutschlands größter Stadtwerkeverbund Thüga nach. Er sprach sich für einen "wettbewerblich organisierten, dezentralen Kapazitätsmarkt für Strom" aus.

"Kleinere Anbieter haben bessere Chancen, an einem wettbewerblich orientierten Kapazitätsmarkt teilzunehmen, was für mehr Vielfalt und Effizienz sorgt", wird Thüga-Chef Constantin Alsheimer zitiert. "Flexibilitätspotenziale auf der Nachfrageseite können besser genutzt und damit die Gesamtkosten weiter reduziert werden."

Trianel für zentralen Markt

Dabei spricht auch die Kommunalwirtschaft nicht immer mit einer Stimme. "Der zentrale Kapazitätsmarkt in Belgien funktioniert gut, auch andere Länder haben ein zentrales Modell erfolgreich implementiert", findet etwa Sven Becker, Sprecher der Geschäftsführung der Aachener Stadtwerke-Kooperation Trianel. "Er wäre in Brüssel schnell notifizierbar. Meiner Meinung nach sollten wir uns dem anschließen."

Trianel selbst plant, am Standort Hamm ein wasserstofffähiges Gaskraftwerk zu errichten. Das Unternehmen könnte also von den Vorteilen eines zentralen Kapazitätsmarktes profitieren, das langfristige Vergütungszeiträume für Neubauten in Aussicht stellen würde.

Trianel-Chef: "Nicht in Klassenkampf verfallen"

Wie Becker nach Erscheinen dieses Artikels auf Linkedin klarstellte, verfolgt sein Unternehmen allerdings auch dezentrale Flexibilitäten, virtuelle Kraftwerke oder das Management von dezentralen Lasten.

"Auch deswegen sollten wir nicht in Klassenkampf ("Groß" gegen "Klein") verfallen, sondern gemeinsam für die beste Lösung an einem Strang ziehen", mahnte Becker. Seine Forderung: "Wir brauchen jetzt schnell einen technologieoffenen und einfach umzusetzenden [Kapazitätsmarkt]."

Becker: Unterschied liegt bei Übernahme der Verantwortung

Aus Beckers Sicht liegt der Unterschied zwischen zentralem und dezentralem Modell ohnehin nicht darin, dass im zentralen Kapazitätsmarkt nur große Kraftwerke einen Zuschlag bekommen und im dezentralen Modell nur dezentrale Flexibilitäten.

Der Unterschied liege darin, wer die Verantwortung übernehme. Im zentralen Modell ist das der Staat oder ein vom Staat beauftragter Akteur, im dezentralen sind es die Bilanzkreisverantwortlichen, also vielfach Stadtwerke.

BDEW-Positionierung noch offen

Mit Spannung blickt derweil die Branche darauf, wie sich der größte Energieverband Deutschlands, der BDEW, positioniert. Hier kommen von den Übertragungsnetzbetreibern über große Stromerzeuger bis hin zu Stadtwerken verschiedenste Mitgliedsunternehmen zusammen.

"Unsere Stellungnahme befindet sich zurzeit noch in der Gremienabstimmung", teilte eine BDEW-Sprecherin auf ZfK-Nachfrage mit. "Daher können wir uns leider heute noch nicht positionieren." (aba)

Dieser Artikel wurde nach erstmaliger Veröffentlichung um einen klarstellenden Kommentar von Trianel-Chef Sven Becker ergänzt.

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