Herr Kapferer, wie hat sich denn die Situation im Bereich Versorgungssicherheit beim Strom seit dem Stresstest im September aus Ihrer Sicht entwickelt. Wie sieht es mit dem Redispatchpotential aus? Sie wiesen ja auf die Notwendigkeit der Kontrahierung zusätzlicher Mengen aus dem Ausland hin. Hat sich Ihre Einschätzung verändert?
Wir haben im Zuge des Stresstests verschiedene Vorschläge unterbreitet, wie man einer Lastunterdeckung insbesondere auch mit Blick auf die Netzstabilität entgegenwirken kann. In der Öffentlichkeit war das am stärksten wahrgenommene Thema die Frage, was mit den drei verbliebenen Atomkraftwerken passiert. Das ist nun entschieden und es entspricht auch der Empfehlung der Übertragungsnetzbetreiber. Aber das ist nur ein Baustein unserer Vorschläge.
Was wir auch im Blick behalten müssen: Nach wie vor besorgniserregend ist die Lage der französischen Atomkraftwerke, nochmals befördert durch die jüngsten Streiks, wodurch nötige Reparaturen verzögert werden. Und Angaben unserer französischen Netzkollegen von RTE unterscheiden sich etwas von denen, die EDF veröffentlicht. Die von EDF sind latent immer ein bisschen optimistischer.
Hat sich die Situation also zugespitzt?
Im Moment ist das noch kein Problem, weil wir derzeit noch milde Temperaturen haben. Doch in einer kalten Wetterphase könnte sich das ändern, denn die Franzosen heizen viel mit Strom. Deshalb ist die Gefahr noch nicht gebannt. Wenn in Frankreich die Lage nach wie vor angespannt und tendenziell sogar etwas schlechter ist, als von uns prognostiziert, dann besteht die Gefahr, dass zu wenig Redispatchpotenzial in Süddeutschland zur Verfügung steht.
Eine Erkenntnis des Stresstests ist, dass der dortige Redispatchbedarf eine Herausforderung darstellt. Es ist gelungen, für Redispatch jetzt noch gasbetriebene Kapazitäten in Italien unter Vertrag zu nehmen, wobei es bei der Verfügbarkeit von Gaskraftwerken in der jetzigen Lage ein Restrisiko gibt. Insofern ist die Entscheidung für den Weiterbetrieb der drei deutschen AKWs im Streckbetrieb richtig.
Worauf kommt es nun an, was muss noch passieren?
Bei der Steinkohle gab es jetzt kürzlich positive Entwicklungen. Auf der Braunkohleseite sind wir auf dem Niveau, das wir angenommen haben. Da ist so weit alles im grünen Bereich. Es stehen noch klarere gesetzliche Regelungen für die gezielte Lastabschaltung aus, welche auch Entschädigungen beinhalten. Das gibt es gegenwärtig nicht. Dieser Vorschlag von uns wurde auch von der Bundesregierung in die weitere Diskussion aufgenommen. Das würde sowohl den Verteilnetzbetreibern als auch uns Übertragungsnetzbetreibern helfen.
Zeichnet sich da eine politische Lösung ab?
Es gibt Gespräche auf Arbeitsebene zwischen dem Bundeswirtschaftsministerium und uns. Es gibt die Bereitschaft des Ministeriums zu gucken, was man tun kann. Das ist auch deshalb wichtig, weil es in dem Bereich von möglichen Lastabschaltungen bereits eine sehr gute Zusammenarbeit von VNBs und ÜNBs gibt.
Wie kann man sich das konkret vorstellen? Sind Sie da im regelmäßigen Austausch?
Da gibt es richtige Trainings und gemeinsame Übungen für die Organisationsprozesse. Wir erwarten nicht, dass ein VNB uns im Detail darlegt, wie er einen Lastabwurf umsetzen würde. Wir verlassen uns natürlich darauf, dass die VNBs dann entsprechend den Beitrag leisten, der nach einem bestimmten Schlüssel festgelegt ist. Und wir tragen auch unseren Teil dazu bei. Das heißt: Wir sind im engen Austausch mit unseren großen Industriekunden - auch um zu sehen, wie entwickelt sich die Stromnachfrage. Das ist ein wesentlicher Punkt. Und das ist natürlich bei den VNBs, bei den Regionalnetzen ähnlich.
Man diskutiert in puncto Redispatch momentan hauptsächlich über Frankreich. Welche Rolle spielen aktuell Österreich und die Schweiz sowie unsere anderen Nachbarn?
Österreich ist ein bewährter Partner, was die Vertragssituation für Redispatch angeht. Das ist auch in diesem Winter so. Die Schweizer Unternehmen waren in den Vorjahren auch regelmäßig dabei. Dieses Jahr ist es aber deutlich schwächer ausgeprägt, weil die Schweiz selbst Knappheiten befürchtet und sehr kurzfristig in Gaskapazitäten investiert hat, in sogenannte Gas-Peaker. Insgesamt müssen wir in diesem Winter die Situation in unseren Nachbarländern im Blick behalten.
Der dänische Kollege hat uns letzte Woche in Berlin gesagt, dass sie nun auch das erste Mal eine orangene Ampel für das Stromsystem geschaltet haben, was es in Dänemark bisher nicht gab. Das zeigt: Egal, wo man hinguckt, ist das System angespannt und das macht es eben für den kommenden Winter nochmals ein bisschen herausfordernder. Aber da gilt natürlich, dass im europäischen Stromverbundsystem eine extrem bewährte Kommunikationssituation existiert.
Wir haben im Frühjahr 2021 den Vorfall in Kroatien auch gemeinsam gelöst und das Netz für einen bestimmten Zeitraum in Europa gesplittet. Das verdeutlicht, dass die Kontrollzentren im europäischen Stromverbund ständig im engen Austausch stehen. Wenn man bei uns im Kontrollzentrum ist, dann sieht man ja auch: Was ist bei PSE in Polen los? Wie sieht es etwa in Tschechien, Frankreich oder Dänemark aus – und zwar jeweils in Echtzeit. So dass man natürlich auch sehr frühzeitig merkt , wenn sich irgendwo die Lage zuspitzt.
Was passiert, wenn sich die Situation im ukrainischen Stromnetz aufgrund der russischen Angriffe weiter zuspitzt?
Das wird jetzt nochmals eine Herausforderung für den gemeinsamen Stromverbund. Aber es war immer klar, dass man gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen muss, um zu verhindern, dass massive Probleme in der Ukraine auf den Rest des europäischen Verbundnetzes übergreifen. Und als Ultima Ratio dürfen wir auch Stromexporte ins Ausland beschränken. Das ist nicht unser Ziel, weil wir damit dann bei unseren Nachbarländern Schwierigkeiten auslösen, aber grundsätzlich ist das eine Möglichkeit.
Die Franzosen bauen jedenfalls darauf, dass wir Strom liefern?
Ja, deshalb liefern sie auch Gas. Und ich finde das auch richtig. Im Moment gibt es in Europa zwei verschiedene Diskussionsstränge. Das ist eine ist die deutsche und beispielsweise auch die dänische Position, die auf den europäischen Binnenmarkt setzt und sagt, gemeinsam sind wir stärker was Strom angeht. Aber es gibt eben auch andere Länder wie Schweden, wo im Wahlkampf der nationale Nutzen eines Ausbaus von Stromleitungen nach Zentraleuropa sehr kontrovers diskutiert wurde.
Ich glaube die Antwort heißt: Mehr europäische Zusammenarbeit und nicht weniger. Weil es dann einfach mehr Reserven im System gibt, die man erschließen kann. Und da wir alle immer mehr Richtung Erneuerbare gehen, ist das unabdingbar.
Nochmals zum beschlossenen Streckbetrieb der verbliebenen drei deutschen AKWs bis Mitte April 2023. Die FDP fordert einen Weiterbetrieb bis Ende 2024 und es gab ja auch die Diskussion, zwei weitere AKWs wieder zurück ans Netz zu holen, die noch nicht so lange abgeschaltet sind. Wäre das zur Stärkung der Netzstabilität und der Versorgungssicherheit sinnvoll?
Die Situation im kommenden Winter könnte eine andere sein als in diesem. Man kann optimistisch sein, dass die jetzige Situation in Frankreich sich im nächsten Winter nicht wiederholt. Und wir haben auch nochmals Zeit, an anderer Stelle mehr Kapazitäten zu schaffen. Am Ende ist es eine politische Entscheidung. Doch aus Sicht der Netzbetreiber lautet die Botschaft: Lass uns jetzt an anderen Stellschrauben drehen und die Dinge nach vorne zu bringen, die wir gemeinsam nach vorne bringen können.
Sprich: Was können wir beim Netzausbau bis dahin erreichen? Was können wir bei der Höherauslastung der Netze erreichen? Wieviel Erneuerbare bauen wir im nächsten Jahr zu? Ich würde mir eine Ausbauoffensive 2023-2024 für die Erneuerbaren wünschen. Wir haben in der Ostsee nächstes Jahr wieder einen großen Windpark, der ans Netz geht. Das heißt: Es geht weiter voran und wenn man das mit reinrechnet, dann verändert sich die Lage im kommenden Winter nochmal zum Positiven.
Ein möglicher Blackout wabert immer wieder durch die Medien. Wie nehmen Sie die öffentliche und politische Debatte hierzu wahr?
Richtig ist es, die Bürgerinnen und Bürger zu ermuntern, bedächtiger mit ihrem Stromverbrauch umzugehen, noch konsequenter das Licht auszuschalten und die Waschmaschine nicht zu den Spitzenzeiten anzuwerfen. Ich rate trotzdem dazu, die Leute nicht zu sehr zu verunsichern. Weil die Verunsicherung, die wir jetzt erleben, treibt auch zum Beispiel Börsenpreise. Ich glaube, dass ein Teil der hohen Gas- und Strompreise mit der Marktverunsicherung zu tun hat, die wir in den letzten Monaten erlebt haben. Das ist kontraproduktiv, weil die Bürgerinnen und Bürger bzw. die Verbraucher es am Ende entweder über ihre Rechnung oder ihre Steuern bezahlen müssen. Im Unterschied zum Gas machen im Stromsystem fünf Prozent Einsparung einen Riesenunterschied mit Blick auf die Stabilität und die Lastabdeckung.
Unser Stresstest hat gezeigt, dass die Lastunterdeckung, die wir im zweiten und dritten Szenario berechnet haben, in Deutschland nur ganz wenige Stunden beträgt. Das heißt, wenn wir unseren Stromverbrauch um fünf oder zehn Prozent reduzieren, hat das einen enormen Effekt. Ich bin optimistisch, dass die Bürger so bewusst damit umgehen und dass die Preise auch eine Wirkung haben. Und zweitens haben wir immer noch Auffanglinien, bevor es überhaupt zu einem Blackout, sprich zu einem unkontrollierten großflächigen Zusammenbruch des Systems kommen würde.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten gegenzusteuern und das Stromnetz stabil zu halten, sei es, den Stromexport für eine bestimmte Zeit zu unterbinden oder kontrolliert Last vom Netz zu nehmen. Ich bin sehr viel optimistischer, dass es uns gelingt, auch in diesem Winter das ganze System sicherer und stabiler zu fahren, als in manchen öffentlichen Debatten im Moment der Eindruck erweckt wird.
Das Interview führten Klaus Hinkel und Hans-Christoph Neidlein.
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