Auf dem Gelände des Energieunternehmens Enertrag steht bereits ein Elektrolyseur, mit dem Wasserstoff hergestellt wird. Viele weitere Projekte stecken derzeit in der Warteschleife.

Auf dem Gelände des Energieunternehmens Enertrag steht bereits ein Elektrolyseur, mit dem Wasserstoff hergestellt wird. Viele weitere Projekte stecken derzeit in der Warteschleife.

Bild: © Christoph Gateau/dpa

Was lange währt, wird endlich gut? Die Branche zeigte sich am gestrigen Montag jedenfalls erleichtert, dass die Hängepartie bei der mit Spannung erwarteten Kraftwerksstrategie der Bundesregierung nun ein Ende hat. Und auch sonst herrscht bei den Verbänden gute Laune – hat die Ampel doch mit dem nun vorgelegten Papier zentrale Forderungen der Branche aufgegriffen. So will die Bundesregierung bei der Errichtung und beim Betrieb von Elektrolyseuren den Turbo anwerfen. Bestehende Hemmnisse sollen abgebaut werden. Dazu gehört vor allem, dass mit den Doppelbelastungen von Abgaben und Gebühren auf Strom zur Speicherung und Elektrolyse Schluss sein soll, wie BDEW-Chefin Kerstin Andreae in einer ersten Stellungnahme betont.

Auch in einem anderen Punkt kommt die Bundesregierung der Branche entgegen: Die Nutzung von sogenanntem Überschussstrom soll künftig uneingeschänkt möglich sein. Man wolle „alle bestehenden regulatorischen Hürden“ so weit wie möglich abbauen, heißt es dazu in der Kraftwerksstrategie.

Die Kosten im Blick behalten

Als ausdrücklich richtig wertet Andreae den Plan der Ampel, aus Kostengründen zunächst mit der Ausschreibung von neuen wasserstofffähigen Kraftwerken zu starten. Teurere Hybrid- und Sprinter-Kraftwerke in der Strategie zurückzustellen, sei ein vernünftiger Ansatz.

Wunschlos glücklich sind die Verbände dennoch nicht. Ein zentraler Kritikpunkt: die Rolle der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Diese sei sowohl für die Versorgungssicherheit als auch die Absicherung der Wärmewende unverzichtbar, sind sich BDEW und VKU einig. Entsprechend wichtig sei es, die KWK bei der Kraftwerksplanung mitzudenken. Hier sehen beide Verbände zusätzlichen Handlungsbedarf: Andreae fordert eine Novellierung des Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetzes (KWKG) hinsichtlich einer verstärkten Dekarbonisierungswirkung mit Wasserstoff. VKU-Chef Ingbert Liebing mahnt eine Verlängerung des KWKG über 2026 hinaus an.

Um welchen Wasserstoff geht es eigentlich?

Klar wurde am gestrigen Montag aber auch, dass die Kraftwerksstrategie viele entscheidende Fragen offenlässt. So weist die Deutsche Umwelthilfe (DUH) darauf hin, dass unklar bleibe, um welche „Farbe“ des Wasserstoffs es überhaupt gehe. Der Fokus der Strategie liege auf dem Neubau „klimaschädlicher Gaskraftwerke mit unklarer Umrüst-Option auf teuren Wasserstoff, der wohl nicht einmal grün sein muss“, bringt es DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner auf den Punkt. Für ihn steht fest: Wer kurzfristig 10 Gigawatt H2-Ready-Gaskraftwerke ausschreibe, könne nicht ernsthaft davon ausgehen, dass diese zeitnah mit grünem Wasserstoff laufen. Insgesamt habe man es bei der Kraftwerksstrategie mit einem „Konjunkturprogramm für die Gaslobby“ zu tun, so Müller-Kraenners vernichtendes Urteil.

Die in der Strategie festgeschriebenen neuen Kraftwerkskapazitäten gehen auch Zukunft Gas gegen den Strich – allerdings aus völlig anderen Gründen. Dem Branchenverband sind die Ziele nicht ambitioniert genug. „Die 10 GW an neuen wasserstofffähigen Gaskraftwerken, die nun kurzfristig ausgeschrieben werden sollen, sind lediglich ein Pflaster“, kritisiert Verbandschef Timm Kehler. Schließlich habe das Bundeswirtschaftsministerium den Bedarf selbst auf knapp 25 Gigawatt beziffert.

Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW), appelliert an die Bundesregierung, dass die Kapazität von viermal 2,5 GW voll ausgeschöpft werden sollte. "Zukünftig werden wir jedoch weitere H2-ready Gaskraftwerke benötigen, als heute beschlossen wurde. Andernfalls wären der Ausstieg aus der Kohleverstromung sowie die Versorgungsicherheit gefährdet." Daher sei die Einigung bestenfalls ein erster Schritt. "Die im Vergleich zu den im Sommer 2023 reduzierten Kapazitäten müssen zum nächstmöglichen Zeitpunkt ausgeschrieben werden", fordert Linke.  

Linke: Strategie breiter anlegen

Auch an anderer Stelle ist ihm die Ampel nicht ambitioniert genug. "Die in der Einigung geplanten Kraftwerke sollen an systemdienlichen Standorten stehen. Die Strategie sollte jedoch breiter angelegt sein, denn die in der Bundesrepublik bestehenden Gaskraftwerke und KWK-Anlagen, die es auf Wasserstoff umzurüsten gilt, verteilen sich dezentral über ganz Deutschland entlang der Gasfernleitungs- und verteilnetze", gibt er zu bedenken. Neben der Stromerzeugung sei auch die Versorgung von Wärmenetzen mittels Wasserstoff-Gaskraftwerken und -KWK-Anlagen zentral.

Der BEE wiederum mahnt, dass die von der Ampel geplante CO₂-Abscheidung und -speicherung für Verstromungsanlagen mit gasförmigen Energieträgern teure Experimente seien, die mit dem Ausbau der Erneuerbaren und der Sektorenkopplung zudem nicht mehr gebraucht würden. Auch die Brücke blauer Wasserstoff führe zu Fehlanreizen. Allein grüner Wasserstoff, überwiegend heimisch und dezentral produziert, verbinde Klimaschutz mit Wertschöpfung und Versorgungssicherheit. Hier müsse der Fokus zudem auf der Versorgung der Industrie liegen. 

Liebing fordert Praxistauglichkeit

Angesichts der vielen Fragezeichen spricht sich nicht nur VKU-Chef Ingbert Liebing für eine schnelle Konkretisierung der Pläne aus. Der Erfolg der Kraftwerksstrategie werde maßgeblich von der konkreten Umsetzung abhängen, betont er. Den „Eckpunkten“ müsse nun zügig eine „praxistaugliche Strategie“ folgen. (amo)

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