Im Bundesverband Solarwirtschaft BSW Solar tobt offenbar ein Kulturkampf. Der Verband spricht sich schon länger für Resilienzboni auf Module heimischer Produktion sowie spezielle Resilienzausschreibungen aus, um die europäische Solarindustrie zu stärken. Namhafte Hersteller wie Meyer Burger, Solarwatt, Otovo, SMA und Wacker Chemie stehen hinter der Forderung. (Die ZfK berichtete)
Noch ist unklar, ob die beiden Instrumente im Rahmen des geplanten Solarpakets I der Bundesregierung auch umgesetzt werden. Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) gilt als Befürworter, während sich die FDP gegen zusätzliche Subventionen ausspricht. Kritiker gibt es jedoch auch in der Wirtschaft: Mit Enpal, 1Komma5°, EKD und Zolar haben sich vier große Solar-Start-ups ebenfalls dagegen positioniert. (Die ZfK berichtete)
Monopol einzelner Hersteller
Am Freitag zog mit 1Komma5° nun eines der Unternehmen Konsequenzen und trat aus dem BSW Solar aus. Die Ablehnung des Resilienz-Bonus spielte bei der Entscheidung eine wichtige Rolle. Das Hamburger Start-up ist derzeit vorrangig in der Installation und im Vertrieb von PV-Anlagen tätig, während viele Solarhersteller Resilienzmaßnahme befürworten.
"Subventionen in dieser Form würden nur einzelnen Firmen kurzfristig helfen, während der nachhaltige Aufbau einer Solarmodul-Industrie in Deutschland sogar eingebremst werden würde", lässt sich Philipp Schröder, CEO und Mitgründer von 1Komma5°, zitieren. Der Bonus würde demnach "quasi" zu einem Monopol einzelner Hersteller führen und gleichzeitig den Markt verzerren. Hinzu kämen zusätzliche Kosten für Steuerzahler von geschätzt 700 Mio. Euro je Gigawatt (GW) Leistung. Branchenverbände gehen teilweise von niedrigeren Summen aus.
Bonus auf Einspeisevergütung
Doch die Entfremdung mit dem Verband reicht beim Hamburger Startup wohl tiefer. 1Komma5° wolle nicht Teil eines rückwärtsgewandten Verbandes sein, der auf Kosten der Steuerzahler und des Industriestandortes "Klientelpolitik für wenige Mitglieder" betreibe, so Schröder weiter.
Hintergrund dieser Aussage dürfte auch sein, dass ein möglicher "Produktionsbonus" auf die gesamten Stromproduktion einer PV-Anlage, also auch den Eigenverbrauch, die falschen Anreize setzen könnte. 1Komma5° verdient wie auch Enpal und andere PV-Startups zunehmend auch mit dem Vertrieb von Stromspeichern und dem Handel von Flexibilitäten Geld. Sie haben daher eher ein Interesse an einem Nutzungsverhalten, das sich an Marktpreisen orientiert, statt den Eigenverbrauch von Solarstrom zu optimieren.
Keine neuen Fabriken
Laut 1Komma5° hätte die Einführung eines Resilienzbonus aber auch Auswirkungen auf die Pläne einer eigenen Solarmodulproduktion. Das Unternehmen hatte vor einigen Monaten den Aufbau einer eigenen Fabrik mit bis zu 1000 Arbeitsplätzen angekündigt. (Die ZfK berichtete). Die erste Phase sollte demnach bereits Ende dieses Jahres in Betrieb gehen, was nun offenbar in Frage steht.
Denn Resilienz-Boni würden die Ansiedlung neuer Modul-Produzenten behindern, "wenn diese beispielsweise noch auf einzelne Teile entlang der Wertschöpfung außerhalb Europas angewiesen sind." Dies würde laut 1komma5° "den Wettbewerb damit erheblich verzerren, da potenzielle neue europäische Modul-Produzenten in Konkurrenz mit einzelnen stark geförderten Anbietern stünden".
Sorge vor Auftragseinbruch
Mittlerweile hat sich mit Enpal auch das zweite große PV-Startup zu Wort gemeldet ‒ mit harscher Kritik am BSW. "Die direkte Folge des sogenannten Resilienzbonus ist ein erneutes Chaos im Markt zulasten der Verbraucher und des Handwerks", lässt sich Mario Kohle, Gründer und CEO von Enpal, zitieren. "Die Kunden können nicht monatelang für überförderte Module Schlange stehen, die es in der Menge gar nicht gibt."
Enpal befürchtet, dass Kunden im Falle eines neuen Bonus bestehende Aufträge stornieren und auf die Verfügbarkeit der geförderten Module warten würden, die es in der benötigten Menge jedoch gar nicht gebe. Dies würde die Nachfrage einbrechen lassen und viele Solarbetriebe gefährden.
Aufgrund der Planungsunsicherheit am Wirtschaftsstandort Deutschland erwäge Enpal zudem, "die Internationalisierung des eigenen Geschäfts deutlich zu beschleunigen und die Investitionen in den Zubau an erneuerbaren Energien in Deutschland drastisch zu reduzieren", so CEO Mario Kohle.
Streit zwischen Enpal und Meyer Burger
Zwischen Enpal und dem Solarhersteller Meyer Burger kam es zuletzt vermehrt zu Spannungen. Meyer Burger-Chef Gunter Erfurt hatte im Januar auf dem "Handelsblatt Energie-Gipfel" jenen Unternehmen, die gegen den Resilienz-Bonus lobbyieren, unterstellt, damit lediglich ihre bisher hohen Margen bei sehr günstigen Modulen aus China schützen zu wollen.
Enpal hatte zuvor angekündigt, Module von Meyer Burger ins Sortiment aufnehmen zu wollen, bekam aber keine direkte Lieferzusage des Herstellers. Meyer Burger-Chef Erfurt sprach in Kommentaren auf der Karriere-Plattform LinkedIn von Bestellungen in nur geringem Umfang. Es handele sich nur um "ein einmaliges Spotgeschäft", so Erfurt, und verwies auf die üblichen PV-Großhändler, an die sich Enpal richten könne.
BSW reagiert
Der Vorfall zeigt, dass es zwischen klassichen Modulherstellern und neuen PV-Startups durchaus Interessengegensätze gibt. Der Branchenverband BSW versucht, zwischen den Akteuren zu moderieren. Zwar bedauert der Verband auf ZfK-Nachfrage "den Austritt jedes einzelnen Unternehmens", verweist gleichzeitig auch auf über 300 Neubeitritte im Jahr 2023.
"Der Verband wird weiterhin versuchen, auch abweichende Auffassungen, soweit sie den Interessen der Solarwirtschaft insgesamt dienen, in seine Positionsbestimmung zu integrieren", sagt BSW-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig. Der Verband zählt derzeit über 1000 Mitgliedsunternehmen.
Kompromiss erforderlich
Die BSW-Mitglieder hätten erkannt, dass man nur mit der Bündelung von Interessen erfolgreich sein könne, dies zuweilen aber auch Kompromisse erforderlich mache. "Beim Thema Resilienz besteht ein Kompromiss darin, dass sich der BSW-Solar mit Nachdruck gegen die Einführung von Zöllen und Handelsbarrieren einsetzt, auf der anderen Seite aber für einen befristeten Zeitraum und einen Teil des EEG-Fördervolumens die Einführung von Resilienboni und -Auktionen empfiehlt, um europäischen Herstellern während der Ramp-Up-Phase ihrer Solarfabriken den Weg zu einer internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu erleichtern", so Körnig weiter.
Dieser Kompromiss werde einstimmig vom BSW-Vorstand und Vertretern aller Wertschöpfungsstufen getragen. (jk)



