Markus Meyer ist Head of Regulation and Energy Policy beim Berliner Solar-Unternehmen Enpal.

Markus Meyer ist Head of Regulation and Energy Policy beim Berliner Solar-Unternehmen Enpal.

Bild: © Enpal

Herr Meyer, was spricht gegen Strafzölle auf Importe von Solartechnik aus China, wie sie derzeit im Bundestag und im EU-Parlament diskutiert werden?

Der Hauptgrund dagegen liegt in der Vergangenheit. 2013 gab es schon einmal Einfuhrbeschränkungen auf Solartechnik aus China. In der Folge brach der Markt komplett zusammen. Die Ausbauziele bei der Solarenergie wurden nicht realisiert, und die Arbeitsplätze in der deutschen Solarindustrie gingen trotzdem verloren. Unter den deutschen Herstellern herrscht aber glücklicherweise ein Konsens, dass Strafzölle oder ähnliche Handelsbeschränkungen kein sinnvolles Mittel sind.

Die Abhängigkeit von chinesischen PV-Importen ist in Deutschland enorm hoch. Laut einer McKinsey-Studie liegt sie bei einzelnen Komponenten bei bis zu 95 Prozent. Bereitet Ihnen das als PV-Unternehmen Sorgen?

Die Abhängigkeit ist sehr hoch, das ist richtig. Auch vor dem Hintergrund der Energiekrise und dem Russland-Ukraine-Krieg ist klar, dass wir in den Lieferketten resilienter werden müssen. Die EU hat das auch erkannt. Der geplante Net Zero Industry Act (NZIA) sieht vor, dass 40 Prozent der PV-Komponenten in Europa produziert werden sollen. Das ist eine große Aufgabe, die wir aber bewältigen können.

China hat zwar einen großen Vorsprung, aber auch andere Länder im asiatischen Raum, wie etwa Vietnam oder Indien, bauen Produktionskapazitäten auf. Auch dadurch könnte sich die Abhängigkeit von China verringern.

Das Bundeswirtschaftsministerium fördert einzelne PV-Projekte, um die Solarindustrie zu stärken. Manchen aus der Branche reicht das nicht aus. Was halten Sie davon?

Wir sind davon überzeugt, dass der Wiederaufbau der europäischen oder deutschen Solarindustrie in erster Linie über eine CAPEX-Förderung erfolgen sollte. Die Bundesregierung kann neben der genannten Förderung auch weitere Maßnahmen ergreifen. Aber hier muss die Politik aufpassen, dass eine zusätzliche Förderung nicht auch zu Lasten einer bestimmten Wertschöpfungsebene führt.

Was meinen Sie damit konkret?

Wenn zum Beispiel der Anreiz über das Kundensegment erfolgen soll, führt das am Ende immer zu Verwerfungen. Denken Sie nur an die jüngste Förderung des Bundesverkehrsministeriums für Solarstrom für Elektroautos. Diese war sicher gut gemeint, hat aber dazu geführt, dass die Branche vor einem Scherbenhaufen stand, weil nicht mehr klar war, wer die Förderung noch bekommen kann. Deshalb halte ich Förderungen auf der Kundenseite grundsätzlich für schwierig.

Auch einen Bonus in Form einer höheren Einspeisevergütung, wie ihn der Branchenverband BSW Solar fordert, lehnen wir ab. Der Vorschlag klingt zwar charmant, würde aber Anreize setzen, mehr Strom ins Netz einzuspeisen und dadurch Stromspeicher weniger attraktiv zu machen. Wir brauchen aber die Flexibilität der Heimspeicher dringend für die Stabilität des Stromsystems.

Ein weiterer Vorschlag der diskutiert wird, sind Boni auf die erzeugten Solarstrommengen. Hier sehe ich aber vor allem technische Schwierigkeiten, denn wir müssten auf der Hardware-Seite massiv nachrüsten. Kunden bräuchten etwa eigene Produktionszähler. Das verursacht zusätzliche Kosten, die meines Erachtens bisher nicht miteinberechnet werden.

Boni lehnen Sie also grundsätzlich ab?

Nein, nicht grundsätzlich. Wir plädieren dafür, dass neue Boni behutsam eingeführt werden. Schnellschüsse müssen vermieden werden. Kämen die Boni im dritten oder vierten Quartal 2024, hätten die Unternehmen ausreichend Zeit, sich mit europäischen Komponenten auseinanderzusetzen und einzudecken. Die Unternehmen müssen diese Produkte erst in ihre Produktpalette sowie in die eigene Systemarchitektur integrieren – das geht nicht von heute auf morgen.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Eine gute Möglichkeit wären sogenannte Resilienz-Ausschreibungen. Das ist ein marktliches Instrument und schließt an das bestehende Ausschreibungssystem mit den unterschiedlichen Segmenten an. Wir sind davon überzeugt, dass die europäische und die deutsche Solarindustrie unterstützt werden kann, indem ein spezielles Segment für europäische Produkte in das Ausschreibungssystem implementiert wird. So könnte es beispielsweise für Dachanlagen ab 250 kW mehrmals im Jahr die Möglichkeit geben, an einer Resilienz-Ausschreibung teilzunehmen. Der Höchstwert wäre entsprechend höher als bei den übrigen Ausschreibungen, um die Differenz zwischen den Produktionskosten von europäischen und nicht-europäischen Solarprodukten auszugleichen. Ganz wichtig ist, dass dieses Segment zusätzlich zu den bereits bestehenden Ausschreibungen hinzukommen sollte.

Die Fragen stellte Julian Korb.

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