Die Atomkraftwerke (AKW) Isar 1 (rechts) und Isar 2 mit dem Kühlturm in der Mitte. Das AKW Isar 2 soll Ende 2022 endgültig vom Netz gehen, Isar 1 wird bereits seit 2017 zurückgebaut.

Die Atomkraftwerke (AKW) Isar 1 (rechts) und Isar 2 mit dem Kühlturm in der Mitte. Das AKW Isar 2 soll Ende 2022 endgültig vom Netz gehen, Isar 1 wird bereits seit 2017 zurückgebaut.

Bild: © Armin Weigel/dpa

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck will als Reaktion auf den nun vorliegenden Stresstest der Übertragungsnetzbetreiber die in Bayern und Baden-Württemberg gelegenen Kernkraftwerke Isar 2 und Neckarwestheim 2 bis Mitte April 2023 als Einsatzreserve betriebsbereit lassen. Für das dritte noch bis zum Jahresende laufende Kernkraftwerk Emsland in Niedersachsen ist das nicht vorgesehen.

Alle drei derzeit in Deutschland noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke würden somit planmäßig Ende 2022 regulär vom Netz gehen, teilte das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) mit. Am im Atomgesetz geregelten Ausstieg werde festgehalten. Neue Brennelemente würden nicht geladen und Mitte April 2023 sei auch für die Reserve Schluss.

Streckbetrieb kein Thema mehr

Es werde keinen automatischen Streckbetrieb geben, die Meiler produzierten keinen Strom mehr, betonte Habeck am Montagabend vor der Bundespressekonferenz. Der Grünen-Politiker sprach von einer „richtigen, abgewogenen, klugen, alle Optionen abwägenden“ Entscheidung. „Mit der Atomkraft ist nicht zu spielen. Eine pauschale Laufzeitverlängerung wäre daher auch im Hinblick auf den Sicherheitszustand der Atomkraftwerke nicht vertretbar. Mit der Einsatzreserve tragen wir den Risiken der Atom-Technologie und der Sondersituation im Winter 22/23 Rechnung“, so der Ressortchef.

Um ein Reservekraftwerk ans Netz zu bringen, brauche es ungefähr eine Woche, erklärte Habeck. Sollten die Kraftwerke zum Einsatz kommen, dann würden sie wohl auch bis Mitte April laufen. Ein ständiges An und Aus soll es also nicht geben.

„Stundenweise krisenhafte Situationen“

Der zweite Netzstresstest der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW komme zu dem Ergebnis, dass „stundenweise krisenhafte Situationen im Stromsystem im Winter 22/23 zwar sehr unwahrscheinlich sind, aktuell aber nicht vollständig ausgeschlossen werden können“, so das Ministerium. Die im Stresstest empfohlen Maßnahmen seien zum Teil bereits realisiert oder in Umsetzung, wie etwa die Nutzung von Kraftwerksreserven und die Marktrückkehr von Kohlekraftwerken.

Weitere Schritte würden zudem mit der dritten Novelle des Energiesicherungsgesetzes (EnSiG 3.0) umgesetzt. Dazu gehörten die zusätzliche Stromproduktion in Biogasanlagen sowie Maßnahmen zur Höherauslastung der Stromnetze/Verbesserung der Transportkapazitäten. „Wir sind hier nicht in einer Situation, wo wir auf das Beste hoffen können, sondern wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen“, sagte Habeck.

Beim Stresstest wurden drei Szenarien mit unterschiedlich schwierigen Bedingungen durchgespielt. Im Fokus standen dabei etwa Annahmen zum Pegelstand der Flüsse, über die die ebenfalls Strom erzeugenden Kohlekraftwerke beliefert werden. Auch verschiedene Prognosen zur Verfügbarkeit der französischen Atomkraftwerke wurden berücksichtigt.

Verbindliche Absprachen mit dem Ausland

Die vier Übertragungsnetzbetreiber empfehlen als Ergebnis ihrer „Sonderanalysen Winter 2022/2023“ mehrere Möglichkeiten, um die Strom-Erzeugungs- und Transportkapazitäten zu erhöhen. So müssten zusätzliche Potenziale des witterungsabhängigen Freileitungsbetriebs kurzfristig erschlossen werden, um die Nord-Süd-Transportkapazität zu erhöhen.

Weiterhin solle das Redispatch-Potenzial im Ausland in den Fokus genommen werden. Hierfür seien klare und verbindliche Absprachen mit dem Ausland erforderlich. „Wir versuchen derzeit, weitere 1,6 Gigawatt zu kontrahieren“, sagte 50Hertz-Chef Stefan Kapferer vor der Bundespressekonferenz. Auch beim vertraglichen Lastmanagement könnten weitere Potenziale gehoben werden.

Marktrückkehr der Kohlekraftwerke erleichtern

Darüber hinaus schlagen die Übertragungsnetzbetreiber vor, sämtliche Reserven (auch Netzreserve und besondere netztechnische Betriebsmittel) für die bilanzielle Lastdeckung und den Redispatch nutzbar zu machen. Um weitere Kraftwerkskapazitäten in Stresssituationen abzusichern sollten schließlich die Marktrückkehr der Kohlekraftwerke aus der Reserve erleichtert, alle notwendigen Gaskraftwerke gesichert mit Gas versorgt und die Verfügbarkeit der Kernkraftwerke „als weiterer Baustein zur Beherrschung kritischer Situationen“ gewährleistet sein.

„Wir haben vorgeschlagen, alle drei Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen, aber der Minister hat richtig dargestellt, dass die Funktion der beiden süddeutschen Kraftwerke eine deutlich andere ist als des Kraftwerks in Lingen“, sagte 50Hertz-Chef Stefan Kapferer während der Pressekonferenz.

Ultima ratio: Großverbraucher kontrolliert abschalten

„Sollten all diese Maßnahmen nicht ausreichen, müssten als Ultima ratio Exporte beschränkt oder Großverbraucher kontrolliert abgeschaltet werden, um die Netzsicherheit aufrecht zu erhalten“, warnen die Übertragungsnetzbetreiber.

In puncto Leistungsbilanz und Netzsicherheit äußern sich 50Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW durchaus skeptisch. In allen drei betrachteten Szenarien zeige sich die Versorgungssituation im kommenden Winterhalbjahr äußerst angespannt. In Europa könne im Strommarkt die Last nicht vollständig gedeckt werden. In den beiden kritischeren Szenarien müsse in einigen Stunden von Lastunterdeckungen auch in Deutschland ausgegangen werden.  

Tatsächliche Verfügbarkeit in Europa unsicher

Zum Management von Netzengpässen reichten die inländischen Redispatch-Potenziale in keinem der drei Szenarien aus. Es werde mindestens 5,8 GW gesichertes Potenzial im Ausland benötigt, davon würden 1,5 GW über eine Redispatch-Kooperation mit Österreich vorgehalten. Darüber hinaus würden derzeit rund 1,6 GW kontrahiert. „Dabei ist die tatsächliche Verfügbarkeit dieser Mengen aufgrund der in ganz Europa angespannten Versorgungslage unsicher“, betonten die Netzbetreiber. (hil)

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