Von Lucas Maier
Das Wirtschaftsministerium unter Katherina Reiche steht bei der angekündigten Kraftwerksstrategie bereits seit längerem unter Zugzwang. Derzeit werde noch mit Brüssel verhandelt, hieß es von der CDU-Politikerin. Erste Ausschreibungen sind noch in diesem Jahr geplant. Laut Koalitionsvertrag sollen „bis zu 20 Gigawatt“ an Gaskraftwerken bis 2030 angeregt werden. Einschätzungen aus der Branche zufolge könnte es hierfür schon zu spät sein. Auch im Energiewendemonitoring wird der potenzielle Kraftwerkszubau eine Rolle spielen.
Der Zubau von neuen Gaskraftwerken ist generell umstritten. Nicht nur Umweltverbände äußerten sich bereits kritisch, auch aus der Wissenschaft kommen kritische Stimmen. Neben der Klimaverträglichkeit ist auch die Rentabilität ein Knackpunkt.
Wie viele Kraftwerke werden gebraucht?
Über die Höhe des Zubaus an Gaskraftwerken, die als Back-up-Kraftwerke die Dunkelflauten abfedern sollen, sind sich Expertinnen und Experten uneins. Während die Bundesnetzagentur (BNetzA) im Versorgungssicherheitsbericht 2023 von 17 bis 21 Gigawatt bis 2030/2031 ausgeht, gehen einige Studien von bis zu über 100 Gigawatt aus. Während Reiche bei ihrem zweiten öffentlichen Auftritt noch von mindestens 20 Gigawatt sprach, kommen aus der SPD weitaus verhaltenere Töne.

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"Jedes Gigawatt muss sich rechtfertigen", sagte die energiepolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Nina Scheer, der ZfK. Um Gaskraftwerke zu verhindern, seien unter anderem Speicher oder Bioenergie vorrangig anzuwenden. Aus dem Umweltbundesamt (UBA), das dem SPD geführten Umweltministerium (BMUV) untersteht, kam ebenfalls Kritik an Reiches Kraftwerksplänen. Zwar brauche man Gaskraftwerke zum Abfedern der Dunkelflauten, aber es dürfe keinen Rollback geben, sagte der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, der Neuen Osnabrücker Zeitung. „Wenn wir jetzt eine Schieflage schaffen, zu viele Gas-Kapazitäten aufbauen und dafür bei Netzen und Speichern bremsen, stellen wir die Weichen auf Rekarbonisierung. Davor warne ich nicht nur aus Klimaschutzgründen, denn das würde die Energiekosten wegen der absehbar steigenden CO2-Bepreisung mittelfristig in die Höhe treiben“, sagte er dem Blatt.
Des Weiteren fordert Messner, dass die Wasserstoffumrüstung eine Bedingung in den Ausschreibungen sein müsse. Von Reiche hieß es zuletzt, dass man die ersten Ausschreibungen nicht Kriterien überfrachten wolle. Messner würde sich wünschen, bald konkrete Aussagen zur Wasserstoffumrüstung, sowie zu dem Hochlauf der dafür benötigten Infrastruktur zu bekommen. Welche Rolle Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) im anstehenden Ausschreibungsverfahren spielen werden, ist bisher auch noch nicht klar. Dabei macht es beispielsweise für die Rentabilität der Anlagen, aber auch für die Investitionskosten, einen Unterschied.
Rentabilität
"Die Betriebskosten eines Gaskraftwerks sind extrem hoch im Vergleich zu den erneuerbaren Energien", sagte Volker Quaschning, Professor für das Fachgebiet Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Berlin, der ZfK. Die könnten gesenkt werden, wenn auch Erlöse aus der KWK kommen würden. Generell fällt das Fazit des Experten zur Rentabilität von Gaskraftwerken, ernüchternd aus: "Es ist sehr unwissentlich, ob sich fossile Erdgaskraftwerke derzeit überhaupt noch rentieren können." Es sei schwer vorstellbar, dass sich Gaskraftwerke ohne Subventionen überhaupt noch rechnen würden.
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Experte mit Beispielrechnung: Im Großhandel kostet die Megawattstunde Gas derzeit rund 35 Euro. Der Wirkungsgrad eines Gaskraftwerks liegt ungefähr bei 50 Prozent, für eine Kilowattstunde Strom muss man also zwei Kilowattstunden Gas verbrennen. Das ergibt laut Quaschning Brennstoffkosten von rund sieben Cent pro Kilowattstunde. Kosten für Personal, Wartung und Abschreibungen kämen dann noch hinzu. So kosten Gaskraftwerke über 15 Cent pro Kilowattstunde. „Die Zahl der Stunden, an denen sich solche Preise an der Strombörse erlösen lassen, sind überschaubar“, sagte Herr Quaschning. Zum Vergleich der durchschnittliche Börsenstrompreis am Day Ahead Markt lag 2025 bisher bei 8,5 Cent pro Kilowattstunde (volumengewichtet). |
Aus wissenschaftlicher Sicht konstatiert Quaschning der Kraftwerksstrategie der Bundesregierung "erhebliche Defizite". Das läge an mehreren Faktoren, aber am Ende "droht der Bau von Erdgaskraftwerken zum finanziellen Desaster zu werden."
Zum einen dürfte fossiles Erdgas nur noch bis 2045 in Deutschland verwendet werden, zum anderen bräuchten Planungs-, Bau- und Genehmigungszeiten teils sehr lange. Erste Kraftwerke könnten vermutlich erst 2030 ans Netz gehen. "Damit bleiben ihnen nur noch wenige Jahre, um sich zu amortisieren. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dies bei den aktuellen Marktpreisen gelingen, kann", sagt Quaschning.
So könnte eine alternative Kraftwerksstrategie aussehen
Außerdem würden Batteriespeicher den Gaskraftwerken die "Wirtschaftlichkeit abgraben". Die Speicher seien aber wichtig für die Energiewende und ließen sich schneller realisieren als die Kraftwerke, so der Experte. "Bei einer durchdachten Kraftwerkstrategie ist es sinnvoll, den Zwischenschritt der Erdgas-Kraftwerke zu überspringen und mit etwas zeitlichem Abstand gleich grüne Wasserstoffkraftwerke zu planen."
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Als Back-up-Kraftwerke für die Dunkelflauten könnte man im Zweifelsfall bereits bestehende Kohlekraftwerke etwas länger laufen lassen. Aus Sicht des Experten solle sich die Regierung vorrangig auf "den Bau von Batteriespeichern und Flexibilitäten im Netz konzentrieren".



